Prozess in Kassel gegen 52-jährigen Melsunger

Stimmen befahlen Tötung: Mann soll in Psychiatrie

Kassel. Der Vorwurf des versuchten Mordes gegen einen 52-jährigen Mann aus Melsungen ist auch nach Ansicht der Anklage vom Tisch.

Wegen versuchten Totschlags an seiner Mutter forderte am Montag Staatsanwältin Julia Beinroth die Unterbringung des seelisch kranken Beschuldigten in einer psychiatrischen Klinik.

Im sogenannten Sicherungsverfahren vor der 6. Strafkammer des Landgerichts ging es von Anfang an nicht um eine Gefängnisstrafe. Der 52-Jährige hatte vor Polizeibeamten gestanden, seine 76-jähriger Mutter aus dem Rollstuhl die 14 Stufen der Kellertreppe hinuntergekippt und anschließend auf ihren Kopf eingetreten zu haben. Dabei hatte sich die Frau schwere Verletzungen zugezogen, sie lebt heute in einem Pflegeheim.

Die forensische Psychiaterin Dr. Beate Eusterschulte von der Klinik in Haina, wo der Beschuldigte seit der Vorweihnachtszeit in Behandlung ist, hatte dem Beschuldigten in ihrem Gutachten eine seit gut 30 Jahren bestehende paranoide haluzinogene Schizophrenie attestiert.

Innere Stimmen hätten ihm befohlen, die Mutter zu töten. Sie sei ihm auf die Nerven gegangen, wenn er sich bei den täglichen Hundespaziergängen des Vaters um sie habe kümmern müssen.

Die Ärztin berichtete von einer Behinderung, seit der Beschuldigte während der Geburt einen Sauerstoffmangel erlitten hatte. Ohne Schulabschluss habe er lange Jahre für die Post gearbeitet, bevor er 2012 in Rente ging. Schon 1985 war erstmals die Schizophrenie diagnostiziert worden. Motiv der Tat war der Wunsch auch, wieder in die Psychiatrie eingeliefert zu werden, wo er schon mehrere stationäre Aufenthalt hatte. „Er wollte seine Ruhe haben“, sagte die Ärztin.

Wochen vor der Tat am 19. Dezember habe er eigenmächtig seine Medikamente abgesetzt - mit den schlimmen Folgen. „Ob die Mutter tot auf der Treppe liegt, hat für ihn die gleiche Bedeutung wie eine zerbrochene Kaffeetasse“, schilderte die Psychiaterin den kranken und gefühlsunfähigen Gemütszustand ihres Patienten. Der sei schuldunfähig und könne sein Verhalten nicht steuern. Damit bleibe er für sich und andere eine Gefahr, neue Gewalttaten seien wahrscheinlich. Deshalb empfahl sie eine Unterbringung und Behandlung in einer forensischen Psychiatrie.

Das sehen im Grundsatz auch die Verteidiger so. Sie machten allerdings ein Verwertungsverbot einiger Zeugenaussagen, vor denen der Beschuldigte die Tat gestanden hatte, geltend. Es habe vorher keine rechtliche Belehrung stattgefunden, sagte Anwalt Ullrich Goetjes (Spangenberg). Er hält eine Einweisung in die Klinik wegen gefährlicher Körperverletzung für ausreichend.

Die 6. Strafkammer mit Richter Volker Mütze an der Spitze wird am Mittwoch, 18. Oktober, ihr Urteil verkünden. Die Verhandlung beginnt um 9 Uhr in Saal D 130.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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