120 Tätowierer in der documenta-Halle

Tattoomenta: Von der Sucht nach bunter Haut

Kassel. Die documenta-Halle stand dieses Wochenende im Zeichen der Kunst: der Körperkunst. 120 Tätowierer aus ganz Deutschland lockten mehrere Tausend Besucher an.

Bald hat Jan-Henrik Ebers ein Problem. Vor vier Jahren hat er seine Leidenschaft für Tattoos entdeckt, doch jetzt ist fast schon sein ganzer Körper mit Motiven bedeckt. „Das ist wie eine Sucht, aber eine positive“, sagt der 32-Jährige aus Schwalmstadt.

Bei der Tattoomenta in Kassel ließ er sich eine der wenigen verbliebenen Flächen tätowieren: Seinen hinteren Oberschenkel ziert jetzt ein Totenkopf, der von einem Frauengesicht und einem Schmetterling umgeben ist. Sechs Stunden harrte Ebers dafür unter der Nadel von Walter Montero aus und zuckte mit keiner Wimper.

Er finde Tattoos einfach schön, sagt der junge Mann auf dem Weg zum Ganzkörperkunstwerk. „Wir kommen alle ohne Farbe auf die Welt, mit Tattoos kann jeder sich so herrichten, wie es ihm gefällt.“ Kleidung könne man wieder ablegen, aber eine Tätowierung bleibe für immer. Deshalb habe sie auch besondere Bedeutung.

Auch Martin Crede aus Kassel hat sich das Motiv für sein zweites Tattoo gut überlegt: Er lässt sich ein Faultier auf den Oberarm stechen. „Ich kann mich damit identifizieren“, sagt der 24-Jährige und grinst. Tätowiererin Judith Bortz aus Frankfurt erfüllt ihm seinen Wunsch gern. Sie ist für ihre Tiertattoos bekannt. Vor allem Füchse, Wölfe und Eulen seien gefragt. „Faultiere sind eine unterschätzte Tierart, die sollte man viel öfter unter die Haut bringen“, scherzt sie.

Auch wenn Tätowierungen ein Leben lang bleiben, ist die Szene wechselnden Trends unterworfen. Momentan seien Watercolor Tattoos beliebt, bunte Motive, die wie mit Wasserfarbe gemalt aussehen, erklärt Leonardo Tassone, einer der 120 Tätowierer, die bei der Messe in der documenta-Halle ihre Dienste anboten. Aber auch realistische Tattoos, etwa das Porträt des eigenen Kindes, seien gefragt, und Mandalas.

Jede Mode macht der 32-jährige, muskelbepackte Profi-Stecher aus Ludwigshafen aber nicht mit. Federn, das Wort „Love“ oder das inflationär nachgefragte Unendlichkeitssymbol (eine auf die Seite gelegt Acht) lehnt er ab. „Ein Tattoo soll ja etwas Einzigartiges sein und nicht etwas, was jeder Zweite hat.“

Rebecca Berge aus Bebra will gerade kein Unikat. Sie lässt sich mit ihrer besten Freundin dasselbe Tattoo machen: eine Hand mit zum Eid gekreuzten Fingern – der Schwur auf ewige Freundschaft. Es ist das erste Tattoo der 19-Jährigen und dass es so schmerzhaft würde, hatte sie nicht erwartet. „Das ist wie ganz viele Messerstiche auf einmal“, jammert sie und presst die Hand ihrer Freundin. Es kann ganz schön weh tun, wenn Freundschaft unter die Haut geht.

120 Tätowierer: Andrang bei der Tattoomenta

Rubriklistenbild: © Schachtschneider

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.