Schreie und Schüsse in der Nacht

Toter 23-Jähriger: Eine Chronologie des Kasseler Polizeieinsatzes

Kassel. Ali Osman lag im Bett, als er gegen 1 Uhr Sirenen hörte. Der 23-jährige ging zu seinem Fenster und schaute auf die Untere Königsstraße: Dort fuhren nach und nach ein Dutzend Polizeiwagen und der Rettungsdienst vor. Eine Reportage aus der Nacht, an deren Ende ein Toter und mehrere Verletzte standen.

Lesen Sie auch:

- Nach der tödlichen Schießerei: Viele Fragen sind noch offen

- Nach tödlichen Schüssen auf 23-Jährigen: Jetzt ermittelt das LKA

- Kommentar zum gefährlichen Polizeidienst: Ein Beruf mit Risiko

Polizisten seien mit Hunden in das gegenüberliegende Haus mit der Nummer 91 gegangen, erzählt Zeuge Osman. Er machte Fotos mit seinem Handy. „Kurz darauf lag ein Verletzter auf der Straße“, sagt Osman, der tagsüber im Cigköftem-Imbiss an der Unteren Königsstraße arbeitet.

Tatort am morgen danach: Im Haus Untere Königsstraße Nummer 91, direkt links neben der Hauptpost, hatte sich die Schießerei ereignet. Foto: Koch

Was in der Nacht zu Donnerstag geschehen war, erfuhr Osman erst am nächsten Morgen aus den Medien: Ein 23-jähriger Bewohner des gegenüberliegenden Hauses hatte zwei Polizisten mit einer entrissenen Dienstwaffe schwer verletzt und war anschließend durch den Schuss eines weiteren Polizisten tödlich verletzt worden. Die verletzte Person, die Osman auf der Straße gesehen hatte, war einer der angeschossenen Polizeibeamten.

Dessen Blutspur war noch am nächsten Morgen zu sehen, als Kriminaltechniker anrückten und diese markierten. Die Spezialisten waren den gesamten Vormittag mit der Untersuchung in dem Haus beschäftigt. Das Gebäude war dafür abgesperrt worden. Auch die Untere Königsstraße war stadteinwärts zeitweise nicht befahrbar.

Kriminaltechniker am Werk: Am Donnerstagvormittag waren die Spezialisten des Landeskriminalamtes am Tatort. In ihren Schutzanzügen trugen sie einige Gegenstände raus.

Viele Schaulustige beobachteten auf der Straße die Arbeit der Kriminaltechniker und Spurensicherung. Um halb elf wurde der Leichnam des 23-Jährigen abtransportiert.

Ali Osman

Nachbarn des Getöteten war die Schießerei nicht verborgen geblieben. Pedro Oliveira und Rafael Gastro, brasilianische Austauschstudenten, die im zweiten Stock unter der Wohnung des 23-Jährigen wohnen, berichteten gegenüber der HNA von Schreien. „Zuerst haben wir Schreie gehört und dann irgendwann Schüsse“, sagt Oliveira. Die zugehörigen Einschusslöcher sind an den Wänden im Treppenhaus zu sehen – auch die Blutlache war bis Donnerstagnachmittag noch nicht beseitigt worden.

Auch weitere Bewohner des Hauses hatten den nächtlichen Streit und die anschließende Schießerei mitbekommen. „Eine Stunde ist sehr laut gesprochen worden“, erzählt eine chinesische Austauschstudentin, die ebenfalls in dem Haus lebt. Erst viel später habe sie Schüsse gehört.

Gekannt hat niemand der angetroffenen Nachbarn den 23-Jährigen. Ein Mitarbeiter eines EDV-Geschäfts im Erdgeschoss des Hauses erzählt, dass die Mieter sehr oft wechselten. Einer der Hausbewohner hatte die Polizei informiert, als er den Beziehungsstreit zwischen dem 23-Jährigen und dessen Freundin gehört hatte.

Von Bastian Ludwig

Hintergrund: Wann darf die Polizei schießen?

Polizisten dürfen ihre Waffen nur in Extremsituationen einsetzen. Gründe sind meist Notwehr oder der Schutz eines Bedrohten. Das Schießen ist im Ernstfall aber auch erlaubt, wenn schwere Verbrechen oder die Flucht eines gefährlichen Täters nicht anders zu verhindern sind. Immer muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Falls möglich, muss der Gebrauch der Waffe angedroht oder ein Warnschuss abgefeuert werden.

Fotos: Mann in Kassel erschossen

Mann in Unterer Königsstraße erschossen

Video: Tödliche Schießerei in Kassel

Rubriklistenbild: © Osman/privat

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.