Populäre Riverboat-Shuffles

Treffen im Orangerie-Club: Spektakuläre Jazz-Szene in den 60er-Jahren

Einmaliges Flair: In der Orangerie war seit Ende 1960 ein Jazzclub untergebracht. Rechts: Initiator Hans Hämer während der Zeit der Renovierung. Foto: Lengemann

Kassel. Die junge Generation war im Kassel der 50er-Jahre aufgebrochen, um ihre kulturelle Freiheit zu erringen. Nach der Zeit in den Jazzkellern wurde es in der ersten Hälfte der 60er-Jahre sogar richtig spektakulär.

Ein Schloss für den Jazz, wo gab es das schon! Und Riverboat-Shuffles auf einem Schaufelraddampfer mit Dixielandjazz waren sonst nur in den amerikanischen Südstaaten üblich. Zwei Akteure waren dafür verantwortlich: der Jazzpromoter Hans Hämer sowie die Stadt mit einem kreativen Kulturangebot für junge Leute.

Hämer machte es möglich, dass in der Orangerie gejazzt werden konnte - was heute kaum einer mehr weiß. Dabei zählte dieser Jazzclub zu den schönsten in Europa. Um den Coup zu ermöglichen, hatte Hämer beim Kultusminister Ernst Schütte (SPD) vorgesprochen, um die Zusage zu bekommen. Der willigte ein.

In der Orangerie bezog man den großen Raum im ersten Stock des westlichen Flügels im Hauptgebäude. Mit Arnold Bode, dem Vater der Weltkunstausstellung, hatte der Jazzkreis einen Fürsprecher gehabt. Nach in Eigenleistung erbrachten umfangreichen Renovierungsarbeiten spielte dann Ende Dezember 1960 das Gunter Hampel Quartett zur Eröffnung.

Ein Redakteur des Göttinger Tageblatts staunte: „Allmählich spürte ich das Besondere dieses Jazzlokals: seine einmalige Atmosphäre. Vornehm und leger zugleich ist sie, ausgelassen und gemessen, seriös und doch originell, modern, aber nicht kühl, dezent und persönlich, nicht überbetont ,jazzig’, sondern frei von allen Jazzklischees.“

Das Glück dauerte keine vier Jahre. Dann musste der Club, trotz aller Einwände und einer Unterschriftensammlung, seine Tore wieder schließen - wegen der im Juni beginnenden documenta III.

Agile Stadtjugendpflege

Beflügelt wurde das kulturelle Leben in den 60er-Jahren auch durch eine agile Stadtjugendpflege. Die Stadt hatte im Haus der Jugend nicht nur eigens einen Jazzclub für die jungen Leute eingerichtet. Sie förderte auch die Jazz-Szene und das Musikangebot. In der Stadthalle wurden Bandwettbewerbe organisiert, bei denen sich die Jazzgruppen aus Kassel und Göttingen messen konnten. Und man veranstaltete großartige Konzerte im Hermann-Schafft-Haus, wo beispielsweise das Jimmy Giuffre Trio auftrat.

Der größte Clou aber fand auf der Fulda statt. Die Riverboat-Shuffles hatten sich seit Anfang der 60er-Jahre bei jungen Leuten in Nordhessen als Hit erwiesen. Auf dem Dampfer Elsa ging es bei Live-Musik ins Fuldatal, wo in der Grauen Katze getanzt wurde. An Bord sorgten die Lokalmatadoren der Jubilee Ramblers für Stimmung. Die Tradition der Riverboat-Shuffles wurde auch nach dem Ende des legendären Dampfers Elsa 1972 fortgesetzt, jedoch nur noch sporadisch. Die vorläufig letzte Fahrt fand 2011 statt. • Dem Aufbruch in Kassel während der Nachkriegsjahre widmet sich ausführlich ein im Mai erscheinendes Buch mit vielen Fakten, Interviews und unveröffentlichten

Ullrich Riedler: Als der Jazz nach Kassel kam. B&S Siebenhaar Verlag Berlin, ca. 120 Seiten, 16,80 Euro.

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