Umfrage ist Teil des Sicherheitsinitiative Kompass

Umfrage unter 10.000 Bürgern: Wie sicher fühlen sich die Menschen in Kassel?

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Ein bekannter Kriminalitätsschwerpunkt in Kassel: Am Stern finden immer wieder Razzien statt. Durch die Umfrage sollen weitere Gebiete ermittelt werden, in denen die Menschen sich nicht sicher fühlen.

Wie sicher fühlen sich die Menschen in Kassel? Diese Frage steht im Zentrum einer Bürgerbefragung der Universität Gießen, die nächste Woche startet.

10.000 Bürger ab 14 Jahren, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt worden sind, werden vom Institut für Kriminologie der Uni Gießen angeschrieben. Die Umfrage ist Teil des Sicherheitsinitiative Kompass (KOMunalProgrAmmSicherheitsSiegel), ein Angebot des Hessischen Innenministeriums an die Städte und Gemeinden.

Durch die Teilnahme verspreche sich die Stadt wichtige Erkenntnisse über das Sicherheitsempfinden der Bürger, so Oberbürgermeister Christian Geselle und Ordnungsdezernent Dirk Stochla. Je mehr der angeschriebenen Bürger an der Umfrage teilnehmen, desto aussagekräftiger seien die Daten und Erkenntnisse.

Nach Angaben der Kriminologin Prof. Britta Bannenberg, deren Institut die Umfrage wissenschaftlich begleitet, sei ein Rücklauf von zehn Prozent schon ausreichend, damit die Umfrage repräsentativ sei. 

Umfrage zum Sicherheitsgefühl in Kassel:Es geht auch um Müll

Bei den Fragen gehe es darum, ob die Menschen schon selbst Opfer von Straftaten geworden sind und um Dinge, die sie in ihrer Stadt stören. Die müssten gar nichts mit Kriminalität zu tun haben, so Bannenberg. Viele Menschen störten sich an Müll und der Verkehrssituation. Die Ergebnisse der Umfrage sollen Ende April präsentiert werden.

Ab Montag erhalten die Teilnehmer zunächst einen Brief, in dem ein Internet-Link angegeben ist, über den der Fragenkatalog direkt online ausgefüllt werden kann. Wer den Fragebogen lieber schriftlich ausfüllen möchte, kann diesen per Rückantwortkarte anfordern.

Im Vorfeld hat es vier Regionalkonferenzen mit Vertretern von Stadt und Polizei gegeben, um mit Bürgern über Sicherheit zu sprechen. Die Resonanz war allerdings gering. Zu Veranstaltungen in der Heinrich-Schütz-Schule (HHS) und der Offenen Schule Waldau kamen in der vergangenen Woche jeweils nur um die 20 Zuhörer. Dennoch gab es Hinweise darauf, wo es Probleme gibt. Dr. Ines Blumenstein, Leiterin der HSS, wies daraufhin, dass sich Dealer tagsüber in der Goetheanlage aufhielten, um Schülern in der Pause Drogen zu verkaufen. 

Sicherheitsgefühl in Kassel: Umfrage erfolgt anonym

Das Programm Kompass wurde 2017 in vier hessischen Modellkommunen gestartet. Ziel ist es, die Sicherheitsarchitektur in den Kommunen individuell anzupassen und weiterzuentwickeln.Die Umfrage unter den 10.000 Bürgern in Kassel soll anonym ablaufen. Konkret heißt das, dass die Stadt Kassel weder Kenntnis davon erhält, ob eine angeschriebene Person an der Befragung teilnimmt, noch wer wann zu welchem Zeitpunkt den Fragebogen ausfüllt.

Interview: Kriminologin über Umfrage zum Thema Sicherheit

10.000 zufällig ausgewählte Bürger werden ab kommenden Montag, 18. November, in der gesamten Stadt Kassel angeschrieben und nach ihrem Sicherheitsempfinden befragt. Die Umfrage leitet die Professur für Kriminologie der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie findet im Rahmen der Sicherheitsinitiative KOMPASS statt. Über die Umfrage und ihren Zweck sprachen wir mit Prof. Dr. Britta Bannenberg, deren Lehrstuhl für Kriminologie die Daten erhebt und auswertet.

Prof. Britta Bannenberg.

Mit was für Fragen müssen die ausgewählten Bürger rechnen? 

Wir fragen nach dem Sicherheitsgefühl bei Tag und bei Nacht und nach den Stadtteilen, in dem die Menschen leben. Zudem wollen wir wissen, ob die Befragten schon mal selbst Opfer eines bestimmten Delikts geworden sind. Da geht es zum Beispiel um Raub, Körperverletzung oder sexuelle Angriffe. Wir fragen auch, ob diese Straftaten angezeigt worden sind oder nicht. Wenn das nicht geschehen ist, fragen wir nach dem Grund. Und wir wollen von den Befragten wissen, was ihrer Ansicht nach das dringlichste Problem in der Stadt Kassel ist. Das müss gar nichts mit Kriminalität zu tun haben. Es kann zum Beispiel der Müll oder der Verkehr sein. 

Wie viele Fragen müssen beantwortet werden? 

Das hängt davon ab, welche Fragen die Bürger mit Ja oder Nein beantworten und ob sich daraus dann Folgefragen stellen. Wenn es zu keinen Folgefragen kommt, kann man mit dem Fragebogen in etwa zehn Minuten durch sein. Wir stellen aber auch offene Fragen, zum Beispiel nach Plätzen oder Straßen. 

Wie hoch muss der Rücklauf sein, damit die Umfrage repräsentativ ist? 

Wir schreiben 10 000 Bürger an, das ist schon sehr viel. Theoretisch müssten davon nur zehn Prozent antworten, dann wäre die Umfrage repräsentativ.

Wie sollen die Erkenntnisse der Umfrage umgesetzt werden, um das Sicherheitsgefühl der Bürger zu stärken? 

Die Polizei nimmt mithilfe von statistischen Daten intensive Analysen über Vorfälle und Kriminalität vor. Diese Daten zeigen in der Regel regionale Häufungen von bestimmten Delikten. Diese Daten vergleichen wir mit den Ergebnissen unserer Befragung. Wenn sich dadurch Kriminalitätsschwerpunkte ergeben, machen wir dort Begehungen. 

Sie schauen sich die Plätze also vor Ort an?

Unbedingt. Wir überprüfen die Angaben, die bei der Befragung gemacht worden sind. Und wir schauen, was die Stadt beziehungsweise die Polizei machen können, um die Probleme zu beseitigen. Wir beraten bei der Auswahl der Maßnahmen und bei der Priorisierung. 

Was für Maßnahmen können das sein, die zu einem höheren Sicherheitsgefühl beitragen? 

Die können ganz unterschiedlich ausfallen: Bessere Beleuchtung, mehr Sauberkeit, weniger Müll. Müll und Verwahrlosung spielen eine ganz erhebliche Rolle beim Sicherheitsempfinden der Menschen. Eine Maßnahme kann aber auch darin bestehen, dass zum Beispiel Wettbüros und Shisha-Bars öfter kontrolliert werden.

Sie kommen selbst aus Kassel und kennen die Stadt. Gibt es nach Ihrer Ansicht Orte, an denen die Sicherheit nicht gewährleistet ist?

Das kann man so nicht ausdrücken. Es gibt Orte in Kassel, die sind prekärer als andere. Ich denke da zum Beispiel an den Stern, die Holländische Straße oder Teile der Wolfhager Straße. Diese Orte sind bekannt. Aber wir wissen nicht, ob es Probleme in Stadtteilen gibt, die man derzeit noch nicht auf dem Schirm hat. Hier soll die Befragung neue Erkenntnisse liefern.

Die Stadt Kassel ist die 54. Kommune, die am Sicherheitsprogramm KOMPASS teilnimmt. Sie haben bereits Umfragen in anderen Kommunen gemacht. Was für Dinge bereiten den Menschen am meisten Probleme? 

Das ist ganz unterschiedlich. Da werden eine nicht so gute Infrastruktur, Drogenhandel, wildes Parken, der Straßenverkehr, runtergekommene Bahnhöfe oder Gruppen von jungen Männern, die im öffentlichen Raum unangenehm auffallen, genannt.

Wann kann die Stadt Kassel mit den Ergebnissen der Befragung rechnen? 

Die Befragung läuft vier Wochen, die Auswertung dauert dann ein bis zwei Monate. Anschließend finden noch unsere Begehungen in der Stadt statt. Wir möchten die Ergebnisse am 27. und 28. April vorstellen, wenn der Deutsche Präventionstag in Kassel stattfindet. Das ist ein passender Termin.

Zur Person: Prof. Dr. Britta Bannenberg

Prof. Dr. Britta Bannenberg (55) ist Professorin für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Bannenberg wurde in Volkmarsen (Kreis Waldeck-Frankenberg) geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen promovierte sie 1993 mit einer Dissertation über den Täter-Opfer-Ausgleichie studierte. Sie habilitierte sich 2001 mit einer Arbeit über Korruption in Deutschland und ihre strafrechtliche Kontrolle. Ab 2002 war sie Professorin für Kriminologie, Strafrecht und Strafverfahrensrecht an der Universität Bielefeld. Seit 2008 ist Bannenberg Professorin für Kriminologie an der Universität Gießen.

Weitere Informationen unter kompass.hessen.de

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