Ein Herz für Langzeitstudenten

Uni Kassel droht bei Studienzeitüberschreitung nicht gleich mit Exmatrikulation

Stehen nicht so sehr unter Zeitdruck wie an anderen Hochschulen: Die Uni Kassel droht Langzeitstudenten nicht sofort mit Exmatrikulation. Die Hochschule sucht zunächst das Gespräch.Uni Kassel/nh

Er ist noch nicht ausgestorben: Der Langzeitstudent, über den es unzählige Klischees gibt. An der Uni Kassel sind 1380 Studenten seit 15 Semestern oder länger eingeschrieben.

Die Tendenz ist leicht steigend. Dabei sollte das so genannte Bummelstudium mit dem Bologna-Prozess – bei dem die Studiengänge bis 2010 europaweit auf das Bachelor- und Mastersystem vereinheitlicht wurden – der Vergangenheit angehören. Anders als an anderen Hochschulen wird Langzeitstudenten in Kassel aber nicht sofort mit Rauswurf gedroht.

„Ein Ziel des Bologna-Prozesses war, Studierende in kürzerer Studienzeit zu einem Abschluss zu bringen“, sagt Uni-Vizepräsident Prof. Dr. René Matzdorf, der für Studium und Lehre zuständig ist. Mit einem Bachelor-Abschluss können Studenten seitdem in sechs Semestern einen ersten akademischen Abschluss erreichen. Ein erheblicher Anteil von Studierenden strebe allerdings den weiterführenden Masterabschluss an, so Matzdorf, für den weitere vier Semestern vorgesehen sind. In der Summe also zehn Semester.

Prof. Dr. René Matzdorf, Vizepräsident Uni Kassel

Studienzeitüberschreitungen von bis zu zwei Semestern seien in der öffentlichen Diskussion inzwischen weitgehend akzeptiert, so der Vizepräsident. Diese könnten auf individuelle Umstände zurückgeführt werden. Allerdings bleibt es bei etlichen Studenten nicht bei nur zwei Semestern. Das Thema Lanzeitstudierende gehöre leider nicht der Vergangenheit an, so Matzdorf.

Auch wenn die 1380 Studenten mit mehr als 15 Semestern in der Gesamtheit der Studierendenschaft nur 5,6 Prozent ausmachen, will sich die Hochschulleitung der wachsenden Gruppe annehmen. Sie sieht die Ursachen der Studienverzögerung zum einen darin, dass die Studenten mit immer unterschiedlicheren schulischen und familiären Voraussetzungen ein Studium beginnen.

Uni sucht das Gespräch mit den Studenten

Zum anderen spiele aber auch eine Rolle, dass der Großteil der Studenten nebenbei arbeite. 70 Prozent hatten dies in einer Befragung angegeben.

Während andere Hochschulen bei Überschreitung der Regelstudienzeit sofort mit Exmatrikulation drohen, sucht die Uni Kassel zunächst den Dialog mit den Betroffenen. „Ziel ist es, gemeinsam einen Weg zu finden, wie das Studium doch noch erfolgreich zum Abschluss gebracht werden kann“, so Matzdorf. Dafür würden zunächst individuell die Ursachen erörtert.

Grundsätzlich hält sich die Hochschule aber die Möglichkeit offen, Studierende dann zu exmatrikulieren, wenn sie seit vier Semestern keine Prüfungsleistung erbracht haben. Die rechtliche Grundlage dazu findet sich im Hessischen Hochschulgesetz (Paragraf 59, Absatz 4). Auf die Milde sollte sich also auch niemand verlassen. Die Entscheidung liegt bei den jeweiligen Fachbereichen. Einige sind hier strikter als andere.

Weil die Uni Kassel festgestellt hat, dass die Studienverläufe sich zunehmend unterscheiden, will sie dieses Phänomen genauer analysieren. „Letztlich wissen wir noch nicht genug darüber, welche typischen Studienverläufe es gibt“, sagt Matzdorf. Deshalb sei die Hochschule derzeit dabei, vorliegende anonymisierte Daten grafisch aufzuarbeiten, um daraus Rückschlüsse ziehen zu können. „Daraus wollen wir flexiblere Studienverlaufspläne ableiten, die besser an die individuellen Lebenssituationen der heutigen Studierendengeneration angepasst sind“, sagt der Vizepräsident.

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