Interview mit Regisseur Janis Knorr 

"Der NSU-Prozess. Die Protokolle": Uraufführung des Stücks am Staatstheater Kassel

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Mit einem Papierstapel: Artur Spannagel bei einer Probe des Stücks „Der NSU-Prozess. Die Protokolle“. 

Regisseur Janis Knorr erzählt im Interview von der Arbeit am NSU-Stück und dem Bezug zu Kassel.

Zehn Morde hat die rechtsextreme Terrororganisation NSU verübt, davon einen in Kassel, 2006 an Halit Yozgat. Der Prozess gegen fünf Angeklagte dauerte mehr als fünf Jahre. Es wurden über 600 Zeugen und Sachverständige gehört. Journalisten der Süddeutschen Zeitung haben Protokoll geführt. 

Aus den Mitschriften des Prozesses haben Regisseur Janis Knorr und Dramaturgin Petra Schiller für das Staatstheater Kassel ein Bühnenstück erarbeitet. „Der NSU-Prozess. Die Protokolle“ wird am Donnerstag im Theater im Fridericianum (Tif) uraufgeführt. Wir sprachen mit Janis Knorr.

Was passiert mit einem, wenn man sich so lang mit diesem Thema beschäftigt?

Die Vorbereitungsphase hat uns ohnmächtig zurückgelassen. Wir vom Regieteam haben teilweise die Schauspieler mit in unsere Besprechungen hineingenommen, um einen Eindruck zu vermitteln, in welchem Kosmos wir uns bewegen. Nun hatten wir die erste Hauptprobe und das war erlösend: Es ist ein gutes Gefühl, dass wir jetzt eine Ausdrucksform haben.

Wie hat sich Ihr Blick auf den NSU verändert?

Angefangen hat die Beschäftigung mit dem Basiswissen über die fünf Angeklagten und über das Tätertrio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Je mehr wir uns in das Thema eingearbeitet haben, desto mehr haben wir gemerkt, dass es in unserer Gesellschaft einen großen Kult gibt, sich mit den Tätern zu befassen. Das wollten wir auf keinen Fall. 

Unsere Frage ist vielmehr: Wo liegt das eigentliche Problem? Der Boden, auf dem der NSU gedeihen konnte, liegt viel tiefer. Genau das macht der Prozess klar. So sind wir weggekommen von einem oberflächlichen Feindbild von aufmarschierenden Glatzen.

Wohin?

Dass Rassismus in unserer Gesellschaft ein sehr schwieriges Thema ist. Wir alle wollen das schnell abhaken. Und das ist das Problem. Wir möchten uns nicht mit Rassismus und rechter Gewalt beschäftigen. Das Unbehagen hat auch mit der deutschen Geschichte zu tun. Aber wir müssen uns fragen, ob wir das Thema auch von uns selbst wegschieben wollen.

Was bedeutet das für Ihre Stückkonzeption?

Bei uns sprechen die fünf Angeklagten nie und sie werden nicht dargestellt. Wir wollen nicht in die Falle tappen: Hier sitzt die Böse, und somit wird alles klar und eindeutig. Wir wollen ganz neu die Frage stellen, was ist das grundlegende Problem – und zwar, wenn nicht Beate Zschäpe dort sitzt. Es gibt also kein Feindbild. 

Wir können als Theater Probleme nicht lösen, aber hoffentlich in einer Weise aufzeigen, dass Zuschauer das Gefühl bekommen, ich kann da irgendwo andocken – und schließlich landen sie dann vielleicht bei einer Selbstbefragung.

Wie machen Sie aus nüchternen Gerichtsmitschriften Theater?

Wir haben 2000 Seiten durchgearbeitet und es wurde uns schnell klar, dass der Fall in Kassel eine Schablone liefert, die für alles übertragbar ist. Insofern konzentrieren wir uns auf die Kasseler Tage vor Gericht, möchten aber auch die Gesamtsituation aufzeigen.

Werden auch Szenen gespielt?

Ja, aber wir haben darauf geachtet, dass es nie so ist, Schauspieler x spielt Person y. Wir können uns nicht anmaßen, uns das Leid und die Geschichte der Leute zu eigen zu machen. Wir wollen nichts verzerren oder interpretieren. So nutzen wir ausschließlich Texte aus den Gerichtsprotokollen.

Wie gehen Sie mit der Aktualität um – mitten in Ihrer Vorarbeitszeit ereignete sich der Mord an Kassels Regierungspräsident Walter Lübcke?

Das hat uns natürlich wahnsinnig umgetrieben. Man arbeitet an so einem Stoff und dann kommt die Nachricht, Walter Lübcke ist von Rechtsextremen ermordet worden. Wir wollen ja gerade die Großperspektive aufzeigen. Ich glaube, wir haben einen würdevollen Rahmen gefunden, das einzubinden, ich verrate aber noch nicht, wie.

Was sagt die Familie von Halit Yozgat zu Ihrem Projekt?

Wir haben sie über die Anwälte angeschrieben und gefragt, ob sie etwas dagegen hat und ob es etwas gibt, von dem sie sich wünscht, dass wir es erzählen. Der Vater fand gut, dass wir das Stück machen. Die Familie wird aber nicht kommen, sie sagt, sie hat nicht die Kraft dazu. 

Wir haben aber einige Anwälte eingeladen und wollen nach den Aufführungen noch mit den Besuchern ins Gespräch kommen. Es soll ein Miteinander werden. Deshalb spielen wir auch im Tif, weil das einen intimeren Rahmen bietet als das große Schauspielhaus.

Gibt es im Stück einen besonderen Gänsehautmoment für Sie?

Ich merke – und das ist jetzt nicht wegen meiner ach so tollen Regie, sondern wegen der Stückanlage – dass der Text durch seine Neutralität zwingt, sich selbst zu befragen. Es geht eben nicht darum, in den eigenen Emotionen zu schwelgen.

Kostprobe am 10., Premiere am 12.9., Tif, Kartentelefon: 0561/ 1094 222, staatstheater-kassel.de

Zur Person

Janis Knorr (26, ledig), aus Köln begann seine Laufbahn als Regieassistent am Theater in Wiesbaden. 2014 kam er als Regieassistent ans Staatstheater Kassel und arbeitete unter anderem mit Markus Dietz. 

Janis Knorr Regisseur Staatstheater Kassel 

2016 inszenierte er für das freie Studio Lev das Musical „Grimm!“. Als Regisseur am Staatstheater realisierte er unter anderem „Die Leiden des jungen Werther“ und „Rum und Wodka“.

Hatte der NSU ein Netzwerk? Namen, die in Kassel immer wieder auftauchen

13 Jahre nach dem Mord an Halit Yozgat durch die Mitglieder des NSU steht Kassel erneut wegen einer rechtsextremen Tat im Fokus – dem Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke. Einige Namen von damals tauchen nun wieder auf. 

Markus H., der wegen Beihilfe zum Mord im Fall Lübcke in U-Haft sitzt, war von der Polizei bereits nach dem Mord an Yozgat befragt worden. H. soll Yozgat persönlich gekannt und auffällig oft auf einer Internetseite des Bundeskriminalamtes gesurft haben, auf der Hinweise zu den Morden gesammelt wurden. 

Ob die Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in den Städten, in denen sie ihre Taten – darunter Kassel und Dortmund – verübten, Gehilfen hatten, ist bis heute nicht wirklich geklärt.

Fest steht, dass es Verbindungen zwischen der Neonazi-Szene beider Städte gibt. So waren auch Markus H. und Stephan Ernst, der Hauptverdächtige im Fall Lübcke, 2009 auf einer Neonazi-Demo in Dortmund.

Kurz vor dem Mord an Halit Yozgat soll die Neonazi-Band Oidoxie in Kassel ein privates Konzert gegeben haben. Immer wieder gab es Gerüchte, dass dort auch Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die beiden Haupttäter des NSU, gewesen sein sollen. Yozgat wurde am 6. April 2006 in seinem Internetcafé an der Holländischen Straße erschossen. 

NSU-Täter sollen in Kassel bei einem Konzert gewesen sein

Seit 2000 waren in deutschen Großstädten zuvor bereits acht Personen getötet worden, die einen Migrationshintergrund hatten. Die Opfer waren alle männlich und wurden mit derselben Pistole erschossen. Die Ermittlungen der Polizei konzentrierten sich damals vorwiegend auf das Umfeld der Personen. In Richtung eines rechtsextremen Motivs war kaum ermittelt worden.

Aufgeklärt wurde die Serie erst, als sich der NSU 2011 mit Bekennervideos selbst enttarnte. Die Haupttäter Mundlos und Böhnhardt begingen Suizid. Ihre Komplizin Beate Zschäpe verschickte die Videos und stellte sich später der Polizei. Im NSUProzess, der von 2013 bis 2018 in München stattfand, wurde Zschäpe als Mittäterin zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. 

Während der Tat in Kassel hatte sich auch der Verfassungsschutzbeamte Andreas Temme in dem Internetcafé aufgehalten. Er hatte sich allerdings nicht als Zeuge zur Verfügung gestellt. Zwei Wochen später wurde Temme festgenommen. Die Ermittlungen gegen ihn wurden allerdings eingestellt. 

Bei einer Hausdurchsuchung nach Temmes Festnahme 2006 waren rechtsextreme Schriften und Waffen sichergestellt worden. 2007 wurde Temme dann aus dem Verfassungsschutz ins Regierungspräsidium versetzt. Der V-Mann, mit dem Temme kurz vor und kurz nach dem Mord an Yozgat telefoniert hatte, war der Kasseler Benjamin G.. 

G. und sein Stiefbruder Christian W. sind aus der Kasseler Neonazi-Szene bekannt. Sie hatten unter anderen Kontakte zur Kameradschaft „Freier Widerstand Kassel“, ebenso wie Stephan Ernst und Markus H..

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