1845 wurde das erste Haus am Hang errichtet

Verbrecher, Prostituierte und Obdachlose: Der Weinberg war einst eine üble Gegend

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Früher: Dieses Bild aus dem Jahr 1890 zeigt das Hochapfelsche Haus am Weinberg mit Blick Richtung Wehlheiden.

Kassel. Der Weinberg in Kassel ist eine exzellente Wohnlage. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass das nicht immer so war.

Noch Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieben Zeitgenossen den Weinberg als „recht ergiebige Domäne für Diebesgesindel und Vagabunden“ und „heimlichen Ort“, an dem „zweifelhafte Frauenzimmer“ nächtigen und ihr Geschäft im Busch verrichten.

Der Kasseler Dekorationsmaler Reinhard Hochapfel (1823-1903) hat viel über die damaligen Zustände geschrieben. Denn er gehörte nach Pfarrer Wilhelm Hermann Jäger (1784-1867) zu den ersten Kasselern, die am Weinberg ein Haus bauten.

Als 1845 Pfarrer Jäger das allererste Haus am Hang errichtete, schüttelten die Kasseler die Köpfe. Niemand konnte verstehen, wie sich jemand in einer so abgelegenen und verrufenen Gegend niederlassen konnte. Der Kalksteinhügel hatte lange Zeit bloß als Ziegenweide gedient.

Der Weinberg vor Bebauung des Philosophenwegs: Diese Aufnahme zeigt den Weinberg im Jahr 1890. Es entstand aus Blickrichtung des heutigen Philosophenweges.

Pfarrer Jäger, ein begeistertet Obstbaumliebhaber, konnte auf seinem 3000 Quadratmeter großen Grundstück am Weinberg seine Gartenfreuden ausleben. Weil auch Jäger die Wohnlage offenbar nicht ganz geheuer war, spannte er einen Draht quer durch seinen Garten bis zu Reinhard Hochapfel, der 1865 sein Haus am Weinberg errichtet hatte. An beiden Enden des Drahtes hingen Glocken. So konnten sich die Nachbarn bei Einbruch, Überfall und Feuer gegenseitig alarmieren.

Durchzogen war der Weinberg im 19. Jahrhundert von einem weit verzweigten Wegenetz, das im Volksmund „Eidechse“ genannt wurde. Den Namen hatte der Fußweg erhalten, weil sich im Sommer dort viele Eidechsen tummelten. Kleine Teile dieses Weges gibt es bis heute noch, das Wegenetz ist aber durch Neubauten durchbrochen worden.

Hochapfel schrieb 1891 über die Verhältnisse am Weinberg: „An heißen Sommertagen sieht man oft verdächtiges Volk an dem Wege der Eidechse lagern und Karten spielen oder unreife Jungen ihre ersten Rauchversuche machen.“

Heute: Dieses Bild entstand ungefähr an der gleichen Stelle wie die historische Aufnahme. Fotos: Unibibliothek, Ludwig

Im Winter brachen häufig Obdachlose in die ersten Häuser am Weinberg ein, die zum Teil nur im Sommer genutzt wurden. Überliefert ist der Einbruch eines stadtbekannten „Strolches“ in eine der Sommerlauben. Als der Mieter der Laube davon Wind bekam, schaute er in seinem Weinberghaus nach und traf dort den „Strolch recht behaglich am Tisch sitzend, angetan mit dem zurückgelassenen Schlafrock des Mieters und aus dessen langer Pfeife rauchend“, wie Hochapfel schreibt. Der Mieter sei so perplex gewesen, dass er den Eindringling nicht sofort herausgeworfen habe.

Nachdem sich Pfarrer Jäger als Pionier am Weinberg niedergelassen hatten, folgten bald viele weitere. Zwischen 1850 und 1900 entstand eine recht dichte Bebauung. Von den ersten Häusern am Weinberg ist heute nichts mehr zu sehen. Das Jägersche Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, das Hochapfelsche Haus wurde 1974 für Neubauten abgebrochen.

Was sonst am Weinberg geschah:

Seit 1870 stand im östlichen Bereich des Weinberges die Fabrikantenvilla der Henschels. 1902 wurde nebenan das noch pompösere „Haus Henschel“ gebaut. Es wurde 1932 wegen der Weltwirtschaftskrise wieder abgerissen. Die Villa wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. In der Nachkriegszeit kaufte die Stadt das Areal. Der westliche Teil des Weinbergs ging an private Investoren, die die Seniorenresidenz errichteten. Nach Protesten wurde der östliche Teil vor weiterer Bebauung geschützt. Dort etablierte sich später ein Schwulenstrich. 2015 entstand auf dem Areal der alten Henschelvilla die Grimmwelt.

Blick in die Zukunft: Hochapfel lag richtig 

In den Jahren 1891/92 schrieb Reinhard Hochapfel: „Werfen wir einen Vorausblick auf die mutmaßliche Zukunft des Weinbergs, so wird dieser einst, wie der Marburger Schlossberg, vollständig bebaut sein; man wird dann nach Süden hin das Auefeld bebaut sehen [...] das westlich liegende Dorf Wehlheiden wird in Kassel einverleibt sein und keiner der dann Lebenden wird daran denken, dass an Stelle der Häusermassen einst schöne Gärten lagen, in denen glückliche und kummervolle Menschen lebten, Bäume pflanzten, Blumen zogen und sich an der Blütenpracht ergötzten.“

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