Verein "Respekt" besteht seit zehn Jahren

Nicht mehr schlagen, sondern beherrschen: Jugendliche lernen, wie man mit Konflikten richtig umgeht

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Lernen, mit Konflikten umzugehen, ist ein Anliegen des Vereins „Respekt“: (von links) Sozialpädagogin Christiane Grysczyk, die Teilnehmer Mike Bischoff, Ali Sina Bustani, Riyad Kassem, Mehmet Korkmaz und Trainer Atilla Yildiz.

Kassel. Der Kasseler Verein „Respekt“ trainiert Jugendliche seit zehn Jahren im richtigen Umgang mit Konflikten. Wir waren beim Training dabei. 

„Früher waren meine Fäuste immer vernarbt“, sagt der 15-jährige Riyad Kassem aus Kassel. Das habe sich geändert. Seit November 2016 nimmt der Jugendliche, der die neunte Klasse der Georg-Büchner-Schule besucht, am Jugend-Konflikt-Management des Vereins Respekt teil. Seitdem schlage er sich nicht mehr und könne sich besser beherrschen, sagt Riyad.

Beim Jugend-Konflikt-Management, das über ein halbes Jahr (drei Stunden pro Woche) geht, sollen die Jugendlichen lernen, ihr Konfliktverhalten und den Umgang mit ihren Aggressionen zu reflektieren. „Das heißt nicht, dass es anschließend bei uns nur Engelchen gibt“, sagt die Sozialpädagogin und Sozialarbeiterin Christiane Grysczyk. Die Gewalt werde aber weniger. Allerdings machen beim Jugend-Konflikt-Management nicht nur Teilnehmer mit, „die sich früher durch das Leben geprügelt haben“.

Wegen dieses Trainings, das für die Jugendlichen kostenlos ist, hat Christiane Grysczyk vor zehn Jahren zusammen mit Karo Mischur den Verein „Respekt“, der seinen Sitz an der Werner-Hilpert-Straße hat, gegründet. Grysczyk, die schon vorher mit Jugendlichen arbeitete, hatte öfters Anfragen für ein Training, was dann aber letztlich am Geld gescheitert sei. So kam die Idee, den Verein zu gründen, um Spenden und Fördergelder akquirieren zu können.

Erfolgsquote liegt bei 60 Prozent

In den vergangenen zehn Jahren haben rund 60 Jugendliche an dem Jugend-Konflikt-Management teilgenommen. Die Erfolgsquote liege bei 60 Prozent, sagt Grysczyk. Einer der Teilnehmer im zweiten Jahr war Atilla Yildiz. Eine Erfolgsgeschichte. Der heute 26-Jährige ist mittlerweile selbst Trainer bei „Respekt“ und auch Vorstandsmitglied. Wenn die Jugendlichen in der Gruppe ein Problem haben, dann rufen sie auch Yildiz einfach an. „Manchmal sogar fünf bis sechs mal am Tag“, räumt der 15-jährige Riyad ein. Sein Ziel ist es ebenfalls, Trainer zu werden und anderen Jugendlichen zu helfen.

Der Verein „Respekt“ bietet nicht nur das Jugend-Konflikt-Management an, sondern geht auch an Schulen, wo die Jugendlichen und Kinder im Umgang mit ihren Aggressionen unterrichtet werden. Der Umgang mit schwierigen Situationen und die Gewaltprävention stehen immer im Mittelpunkt. Diese Kurse werden von den Schulen bezahlt.

Manche Eltern schicken ihre Kinder auch zum Konflikt-Kompetenz-Training, wo Mädchen und Jungen zwischen sieben bis 21 Jahren lernen sollen, mit Konflikten im Alltag positiv umzugehen. Zehn Treffen kosten 180 Euro. Bis zu 3000 Kinder hat der Verein bis heute trainiert.

Zusätzlich leistet die Vorsitzende Grysczyk, die auch Fortbildung für Erwachsene anbietet, viel ehrenamtliches Engagement für den Verein. „So wie andere ins Kloster gehen für ihre Selbstverwirklichung, arbeite ich ehrenamtlich mit Kindern“, sagt die 49-Jährige.

Dieses Engagement zahlt sich aus. Die Jugendlichen haben viel Respekt vor Grysczyk. „Der Rückhalt ist hier sehr groß. Christiane lässt nicht locker und gibt die Hoffnung nie auf. Auch wenn wir selbst manchmal die Hoffnung aufgeben“, sagt der 21-jährige Mike Bischoff.

Am Freitag, 18. August, feiert der Verein „Respekt“ ab 16 Uhr seinen zehnten Geburtstag in den Räumen in der Werner-Hilpert-Str. 15 b.

Buder als Vorbild: Riyad Kassem (15) aus Kassel

Riyad Kassem

Er habe früher mit seinen Problemen nicht umgehen können, sagt der 15-jährige Riyad Kassem aus Kassel. „Wenn mich jemand Dickmops genannt hat, habe ich mich aufgeregt und konnte mich nicht mehr kontrollieren.“ Die Folge: Riyad war oft in Schlägereien verwickelt. Sein älterer Bruder, der früher selbst bei „Respekt“ gewesen ist, habe ihm empfohlen, sich bei dem Verein Hilfe zu holen. Am Anfang sei er nicht freiwillig zu den Treffen gegangen, „aber jetzt komme ich richtig gerne“. Er habe hier in den Trainern Ansprechpartner, die ihm beigebracht haben, mit seinen Gefühlen umzugehen. Auch das Verhältnis zu seinen Eltern sei jetzt viel besser, sagt Riyad. Er habe wieder eine Vertrauensbasis zu seinem Vater aufgebaut. Der 15-Jährige hat auch Ziele: Er will Kfz-Mechatroniker werden. Und wenn ihn heute jemand dumm auf der Straße anspreche, dann ignoriere der diese Person und schlage sich nicht mehr. „Ich sage höchstens noch: Halt die Schnauze.“ 

Auflage des Gerichts: Mike Bischoff (21) aus Kassel

Der 21-jährige Mike Bischoff hat in seiner Jugend ziemlich „viel Müll“ gebaut, wie er selbst über sich sagt. Er habe sich „gekloppt“ und kam mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. „Drogen und Raub“ zählt er als Beispiele auf. Dass er zum Verein „Respekt“ geht und dort beim Jugend-Konflikt-Management teilnimmt, sei eine Auflage des Gerichts gewesen. Erst habe er das aber gar nicht so ernst genommen und die ersten Treffen geschwänzt. Erst als Christiane Grysczyk ihn anschrieb und mitteilte, dass sie das Gericht einschalten muss, erschien Mike Bischoff bei dem Verein. Nach einer Eingewöhnungsphase hätten ihm die Treffen bei „Respekt“ richtig gut gefallen. Heute bereut er es sogar, dass er diese Hilfe nicht schon mit 15 erfahren hat. „Dann wäre vieles in meinem Leben anders verlaufen.“ Mittlerweile macht Mike eine Lehre als Elektriker. Und er unterstützt andere Jugendliche, die Schwierigkeiten haben. Mike ist Cotrainer bei „Respekt“. 

Anti-Agressionstraining bei Mädchen ist auch ein Thema in unserem Online-Magazin HNA Sieben. Lesen Sie dort: „Ich war halt das Alphatier“: Wie aggressive Mädchen in Kassel lernen, ruhig zu bleiben (HNA-Abonnenten lesen kostenlos)

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