Verbale Gewalt hat zugenommen

Viel Verständnis für Patienten: Respekt in Kasseler Notaufnahmen

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Dankbarkeit überwiegt: Judith Lorenz ist seit vier Jahren in der Zentralen Notaufnahme der Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel tätig. 

Polizisten werden beschimpft, Rettungskräfte behindert: Ein höflicher Umgang scheint immer mehr verloren zu gehen. In einer Serie setzen wir uns mit dem Thema Respekt auseinander.

Für die meisten Mitarbeiter in hessischen Notaufnahmen gehören Gewalterfahrungen zum Arbeitsalltag – erst kürzlich sorgte dieses Ergebnis einer Studie der Hochschule Fulda für Schlagzeilen. Knapp 76 Prozent der Befragten gaben an, in den letzten zwölf Monaten mindestens eine Form körperlicher Gewalt erlebt zu haben, verbale Gewalt spielte bei fast 97 Prozent eine Rolle. Die Ergebnisse zeigen: Es gibt dringenden Handlungsbedarf.

Auch Judith Lorenz kennt solche Situationen. Die 45-Jährige aus Ahnatal ist seit vier Jahren als Pflegedienstleiterin in der Zentralen Notaufnahme in den Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel tätig.

700 bis 800 Notfälle kommen hier jeden Monat rein, das Spektrum ist breit: Von einsetzenden Wehen über kardiologische Notfälle bis hin zum Beinbruch habe Lorenz schon vieles gesehen. Übergriffige oder beleidigende Patienten, das komme vor, sagt Lorenz, „es ist aber nicht die Regel“. Vielmehr erlebe sie Anerkennung und Dankbarkeit. Sie glaube, in größeren Notaufnahmen und Städten ist das anders.

Verständnis für Patienten

Bei Patienten, die sich aggressiv gegenüber den Mitarbeitern in der Notaufnahme verhalten, handele es sich meist um alkoholisierte und verwirrte Menschen, sagt Lorenz. „Sie wachen bei uns auf, wissen nicht, wo sie sind und was passiert ist. Und sie fühlen sich in ihrer Intimsphäre verletzt.“

Lorenz und ihre Kollegen zeigen dann Verständnis für diese Patienten, versuchen sie zu beruhigen und zu klären, was los ist. Rückendeckung haben die Mitarbeiter außerdem immer vom Sicherheitsdienst im Krankenhaus. „Wenn wir ihn brauchen, ist er schnell da und bleibt, bis die Situation entschärft ist.“

Was zugenommen habe, sei verbale Gewalt. „Das kann allgemein am Stress liegen, unter dem heutzutage viele stehen. Patienten haben außerdem häufig andere Erwartungen, verstehen nicht, warum sie nicht gleich behandelt werden. Dann fehlt ihnen das Verständnis für unsere Arbeit“, sagt Lorenz. Aber auch hier versetze sie sich wieder in die Lage ihres Gegenübers, versuche zu beruhigen und zu erklären. „Die Situation hier ist besonders, die Menschen sehen viele Dinge anders.“

Dankbarkeit überwiegt

Meist kläre sich dann vieles schnell, etwa wenn sie auf die sogenannte Manchester Triage komme. Damit wird in der Notaufnahme der Agaplesion Diakonie Kliniken seit September 2018 gearbeitet. Das System ordnet die Fälle nach medizinisch gemessenen Fakten in drei Stufen der Dringlichkeit ein.

Nach Vorfällen spricht Lorenz mit ihren Kollegen. „Das hat sich bewährt.“ Gemeinsam überlege man, was gut gelaufen ist, was man beim nächsten Mal noch besser machen könnte, wie es einem geht. „Wichtig ist, dass Vorfälle nichts mit einem persönlich zu tun haben“, sagt Lorenz. „Und dass man nach dem Dienst nach Hause geht und nichts von der Arbeit mitnimmt.“

Und doch nimmt Lorenz einiges mit: Nämlich die schönen Erinnerungen, die ihr jeden Tag in ihrem Beruf begegnen. „Jedes Lächeln wird erwidert, Patienten bedanken sich unter Tränen - Anerkennung und Dankbarkeit überwiegen“, sagt die 45-Jährige. Das Verhältnis zu Patienten sei in einer Notaufnahme ganz besonders. „Man sieht schnell Erfolge, wenn man einem Menschen geholfen hat.“

Studie: Gewalt gehört für viele zum Alltag

Gewalt gehört offenbar für die meisten Beschäftigten in hessischen Notaufnahmen zum Arbeitsalltag. Zu diesem Ergebnis kam Anfang des Jahres eine interdisziplinäre Forschungsgruppe am Fachbereich Pflege und Gesundheit der Hochschule Fulda. Ihre Onlinebefragung richtete sich an alle Beschäftigte von 51 Notaufnahmen in Hessen, darunter auch die Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel. Demnach gaben 76 Prozent der Befragten an, in den letzten zwölf Monaten mindestens eine Form körperlicher Gewalt erlebt zu haben. 

Bei der verbalen Gewalt liegen die Zahlen deutlich höher. Hier bestätigten 97 Prozent der Befragten im Laufe der letzten zwölf Monate mindestens eine Form verbaler Gewalt erlebt zu haben. Zugleich stimmten 77 Prozent der Befragten zu, dass das Erleben von Gewalt gegen die eigene Person in der Notaufnahme normal sei.

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