Kinder gehen zunehmend eigene Wege

Immer weniger Traditionsgeschäfte in Kassel: Viele Händler finden keine Nachfolger

Einst an der Mittelgasse, heute am Königsplatz: Die Anfänge des Lederhauses Schumann in den 1920er-Jahren. In der Tür steht Eduard Schumann. Nach 93 Jahren haben seine Erben im Vorjahr das Traditionsgeschäft an Betreiber außerhalb der Familie verkauft. Foto: Privat

Kassel. Wenn alle paar Monate mal wieder ein Traditionsgeschäft in Kassels Innenstadt endgültig schließt, dann liegt das nicht allein an der Filialketten-Konkurrenz, am Internet oder an hohen Ladenmieten.

In vielen Fällen, in denen Inhaber das Ruhestandsalter erreichen, findet sich schlicht niemand, der den Betrieb weiterführt – ob aus der eigenen Familie, aus der Mitarbeiterschaft oder von außen. Laut dem Handelsverband Deutschland (HDE) suchen bundesweit jährlich 10.000 bis 15.000 Einzelhändler einen neuen Inhaber.

Das Kernproblem fehlender Nachfolger hat schon manches alteingesessene Kasseler Geschäft zur Aufgabe gezwungen. Beispiele sind das Sporthaus Kajulä (Schließung 2002), die Parfümerie Eduard Metzger (2004), das Modehaus Boedicker (2006) oder zuletzt etwa Betten-Kranefuß und Loose-Moden.

Die genauen Gründe, aus denen ein Traditionsname im Einzelhandel nach vielen Jahrzehnten erlischt, mögen individuell und vielfältig sein. Eine klare Tendenz aber kann nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages ausgemacht werden: Aufgrund der demografischen Entwicklung nähern sich immer mehr Inhaber dem Rentenalter, während Söhne und Töchter zunehmend eigene berufliche Wege gehen. Ein „Familien-Automatismus“ sei immer seltener anzutreffen, so der DIHK.

Solche Erwartungen seien auch nicht immer der richtige Weg für ein geschäftliches Fortbestehen, sagt Bereichsleiter Carsten Heustock von der IHK Kassel-Marburg, die jährlich rund 100 Inhaber in Sachen Betriebsübergabe berät: „Es genügt nicht, Sohn oder Tochter zu sein.“ Die Qualifikation der möglichen Nachfolger müsse ebenso stimmen wie deren Motivation.

Und dafür sei auch ganz entscheidend, welche wirtschaftlichen Aussichten so ein Einzelhandelsbetrieb habe. Vor allem in der Textilbranche herrscht beim Blick in die Zukunft oft Sorge bis hin zur Resignation.

Da bei Selbstständigen die Sorge ums Geschäft weit in die Feierabendzeiten hineinreiche, müsse auch klar sein, dass sich all der Einsatz lohnt, sagt Heustock. Wichtig dabei sei auch, dass für die ausscheidenden Senioren die Altersvorsorge stimme, um damit die familiären Nachfolger nicht zu belasten. Alles in allem mahnt der IHK-Mann: „Wenn man nicht rechtzeitig angefangen hat, den Betriebsübergang zu planen, wird es schwierig.“

Im Gebiet des Einzelhandelsverbandes Hessen-Nord würden immer noch relativ viele Einzelhandelsgeschäfte innerhalb der Familie weitergeführt, sagt Geschäftsführer Martin Schüller, dessen Verband ebenfalls eine Nachfolgeberatung anbietet. Seltener komme es vor, dass Angestellte ein Geschäft weiterbetreiben, wenn der Inhaber in Rente geht. Und in manchen Fällen sei es die lukrativste Lösung, den Betrieb aufzugeben und die Geschäftsräume an andere zu vermieten.

Denn eins sei klar, sagt Schüller: Tradition an sich sei kein Wert, der eine Firma wirtschaftlich weiterbringt, sondern allenfalls ein Faktor, der sich fürs Marketing einsetzen lasse. „Wenn ein Laden 125 Jahre besteht, zahlt auch niemand einen Euro mehr für die Waren dort – das ist dem Markt völlig egal.“ Nur auf den Sonderverkauf zum Geschäftsjubiläum komme es an.

Spezialist für Uhren und Schmuck

Geschäft: Juwelier H. Schmidt Gründungsjahr: 1860 Firmensitz: Obere Königsstraße 47

Schon seit 157 Jahren gibt es den Juwelier Hermann Schmidt, der auf hochwertige Uhren und klassischen Brillantschmuck spezialisiert ist. In fünfter Generation führt Maximilian Schmidt die Geschäfte. Dass er seinem Vater in dieser Traditionslinie folgen wird, „war bei uns immer klar“, erzählt der 35-Jährige, der keine Geschwister hat.

Einige Jahre hat der Diamantgutachter und gelernte Goldschmied in anderen Unternehmen der Branche gearbeitet, bevor er 2010 in die Leitung des Familienbetriebes eintrat – zunächst gemeinsam mit seinem Vater Dietrich Schmidt.

In 5. Generation dabei: Maximilian Schmit, Inhaber des Juweliergeschäfts Hermann Schmidt.

„So ein Übergang ist nicht immer einfach, das ist ein über Jahre fließender Prozess“, erzählt Maximilian Schmidt. Schließlich habe der Vater den Betrieb „fast 40 Jahre aufgebaut“. Und auch gegenüber langgedienten, erfahrenen Mitarbeitern, die einen schon als Jugendlichen gekannt hätten, müsse man sich erst in der Chef-Rolle behaupten.

Wichtig zu wissen sei, „was man selber will“, sagt Schmidt. In seinem Traditionsbetrieb hat er etwa die UhrmacherDienstleistungen ausgebaut, die Zahl der Uhrenmarken deutlich gestrafft und konzentriert sich auf wenige Edel-Hersteller, für die sein Haus im Umkreis von 150 Kilometern die einzige zertifizierte Service-Werkstatt ist. Spezialisierung sei die Strategie: „Man muss gut sein in dem, was man tut.“

Schmidts Ratschlag, wenn es um familiäre Geschäftsnachfolge geht: „Nicht emotional über das Thema debattieren, sondern am besten einen Berater und Vermittler hinzuziehen, der von außen kommt.“

Schuhe für den besonderen Fuß

Geschäft: Schuhhaus Feist Gründungsjahr: 1928 Firmensitz: Wolfsschlucht 27

Seit fast 90 Jahren behauptet sich das Schuhhaus Feist mit einem besonderen Profil in seiner Branche: „Wir lösen die Fußprobleme der Stadt“, sagt Petra Feist-Dietrich. Ihr Geschäft ist darauf spezialisiert, Kunden mit größenmäßig oder orthopädisch schwierigen Füßen zu bequemen und dennoch schicken Schuhen zu verhelfen.

Die Inhaberin und ihr Mann Wolfgang Dietrich waren nach dem Wirtschaftsstudium als dritte Generation in den Familienbetrieb eingestiegen – mit ihren eigenen Erwartungen und Ansprüchen. „Zeit für Familie und Hobby waren mir immer wichtig“, sagt Petra Feist-Dietrich, die als Orchestermusikerin und Chorsängerin ihr Faible fürs Musikmachen mit ihrem Ehemann teilt.

Seit 2004 an der Wolfsschlucht ansässig: Wolfgang Dietrich und Petra Feist-Dietrich mit ihrem Schuhhaus Feist.

Dass das Geschäftliche auch in der Freizeit stets im Hinterkopf präsent ist, versteht sich in Familienbetrieben von selbst. Wo noch dazu mehrere Generationen mitmischen, „verquicken sich die emotionalen Dinge oft sehr stark“, sagt die Schuhhaus-Chefin.

Auf seinem Weg der familiären Firmennachfolge ist das Paar einen individuellen Weg gegangen. An der Treppenstraße, wo sich das Geschäft in den 1990er-Jahren befand, gab direkt gegenüber ein anderes Schuhhaus den Betrieb auf. Wolfgang Dietrich und Petra Feist-Dietrich übernahmen kurzerhand den Laden zusätzlich – damit sich dort kein Konkurrent ansiedelte, aber auch, um Vorstellungen zu verwirklichen, die bei den Eltern nicht immer auf volles Verständnis trafen. So gab es drei Jahre lang zwei Schuhhäuser Feist in direkter Nachbarschaft, bis die Eltern das Ursprungsgeschäft schlossen und in Rente gingen. „Wir haben damals einfach eine gute Gelegenheit genutzt“, sagt Wolfgang Dietrich über die Vorteile dieses Arrangements.

Tabak und Whisky auf kleinstem Raum

Geschäft: Zigarren-Umbach Gründungsjahr: 1949 Firmensitz: Obere Königsstraße 23

Eine Einzelhandels-Institution an der Wilhelmsstraße ist nur knapp 19 Quadratmeter groß: Bei Zigarren-Umbach werden Fans erlesener Tabake und Spirituosen fündig. 250 Zigarren- und Zigarillosorten sowie je 100 verschiedene Whiskys und Pfeifentabake gibt es dort auf engem Raum. Die teuerste Zigarre aus dem Klimaabteil, eine Perdomo aus Nicaragua, kostet 38 Euro das Stück.

Inhaber Michael Umbach (58) ist von der Pike auf hineingewachsen in das Geschäft. Vor 30 Jahren trat er in den elterlichen Laden ein, 1999 zog sich sein Vater aufs Altenteil zurück. Seither hat das kleine Geschäft ein Wechselbad von Höhen und Tiefen erlebt.

250 Zigarrensorten: Michael Umbach vor seinem Geschäft in der Oberen Königsstraße.

„Wir hatten Superjahre, als es einen wahren Hype ums Zigarrenrauchen gab“, sagt Umbach. Aber auch mit der Kehrseite, der zunehmenden gesellschaftlichen Ächtung des Rauchens, muss er klarkommen. Das habe geschäftlich einige schwere Jahre bedeutet. „Die Genussschiene läuft aber nach wie vor gut.“

Damit meint Umbach Menschen, die nicht fahrig paffen, sondern sich für besondere, bewusste Anlässe eine gute Zigarre gönnen und sich dazu einen Whisky empfehlen lassen. Das erfordert Beratungskompetenz und darauf setzt der Inhaber des Fachgeschäfts, der sein Sortiment in den vergangenen Jahren immer wieder aufgewertet hat. „Wir machen nicht jeden Trend mit, bei uns gibt es auch keine Zeitschriften und kein Lotto“, sagt Umbach. Dafür sehr viele exklusive Eigenmarken wie etwa „Kasseläner Stäbchen“.

Ob er noch bis zur Rente hinterm Tresen stehen wird? Umbach blickt nachdenklich bei dieser Frage. Ob eins seiner Kinder sich wohl mal für das Traditionsgeschäft erwärmen wird? Michael Umbach sagt, er halte das so wie damals seine eigenen Eltern: „Die haben mir das absolut freigestellt.“

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