Viktoriabunker im Kasseler Stadtteil Mitte

Zum ersten Mal seit 1945: 83-Jährige betritt Luftschutzbunker

Kassel. Im Zweiten Weltkrieg hatte Gitta Graviat viele Male im Viktoriabunker Schutz gesucht. 1945 war sie zum letzten Mal drin. Mit uns stieg sie nach 72 Jahren hinab, um von damals zu erzählen.

Der Zweite Weltkrieg hinterließ in der verheerenden Bombennacht vom 22. Oktober 1943 in Kassel seine größten Spuren. Aus dem Anlass stiegen wir mit einer 83-jährigen Kasselerin in einen Bunker, in dem sie als Kind zwischen 1943 und 1945 ungezählte Tage und Nächte verbrachte. 

Angst vor engen Räumen und Menschenmassen: Seit ihrem neunten Lebensjahr schleppt die Kasselerin Gitta Graviat (83) ein Kriegstrauma mit sich herum. Über ihre Erlebnisse im Kasseler Viktoriabunker an der Bürgermeister-Brunner-Straße/ Ecke Kölnische Straße hat sie seitdem nicht geredet. „Das wollte ich vergessen.“ Mit der HNA wagte sie sich 72 Jahre nach Kriegsende zum ersten Mal an den Ort zurück, an dem sie mit ihrer Familie den Bombenhagel überlebte.

Hier verbrachte sie ungezählte Bombenangriffe: Gitta Graviat an der Wand des Viktoriabunkers, an der sie auch als Kind saß. 72 Jahre lang war sie nicht an diesem Ort gewesen. Foto: Ludwig

„Ich brauche kein Licht, ich kenne das auch im Dunkeln“, sagt Graviat, als sie die Stufen in den Stollen hinabgeht. Ihre Begleiter, darunter ihr Ehemann, wollen aber nicht auf Taschenlampen verzichten. Eigentlich hatte die Seniorin ihre Kriegserinnerungen wegsperren wollen, aber dann las sie in der HNA vom Viktoriabunker und dass der Verein Vikonauten einen vergessenen Eingang freigelegt hatte.

In 14 Metern Tiefe

In diesen Eingang, der 14 Meter unter die Erde führt, hatte sie sich bei Bombenangriffen gerettet. Sie lebte mit ihren Eltern Erich und Marie Ziegener und zwei Schwestern im Haus Jordanstraße 7. Das Haus hatte als einziges in der Straße die Bombennacht im Oktober 1943 überstanden. Bis zu diesem Angriff kauerte die Mutter bei Fliegeralarm mit ihren Töchtern im Keller des Hauses. Als sie sahen, dass nur noch ihr Haus stand, suchten sie einen sichereren Ort: Den Viktoriabunker.

Der Vater war zu dieser Zeit im Krieg. An der Ostfront wurde er schwer verwundet. Eigentlich hätten Gitta und ihre Familie in diesen Kriegstagen gar nicht mehr in Kassel sein sollen. Mütter mit Kindern waren ins Umland geschickt worden. Doch die Mutter weigerte sich. So waren Gitta und ihre Schwestern Edda und Hildegund die einzigen Kinder, die zwischen 1944 und 1945 fast täglich im Viktoriabunker hockten und darauf warteten, dass das Donnern an der Oberfläche aufhört.

Manchmal mussten sie zwei- bis dreimal nachts aus ihren Betten springen und zum Bunker rennen. Um schnell zu sein, schliefen sie in Kleidung. „An dieser Wand standen unsere Kinderstühle“, sagt Gitta Graviat und zeigt auf eine Wand im Stollen. Später wird sie sich dort auf einen Klappstuhl setzen, um durchzuatmen.

Die Familie: Die kleine Gitta (Zweite von rechts) mit ihren Eltern Erich und Marie Ziegener. Ganz links ist ihre Schwester Hildegund zu sehen und rechts daneben die jüngste Schwester Edda.

„Gleich neben uns im Bunker saßen die katholischen Schwestern der Engelsburg“, erzählt die 83-Jährige. Immer wieder stockt ihre Stimme, sie schweigt, hält inne, Erinnerungen scheinen vor ihrem geistigen Auge vorbeizulaufen. Zum Beispiel an den Luftschutzwart, der trotz der bedrohlichen Situation zu Späßen aufgelegt war: „Der fragte immer, ob die Frau mit den drei Kindern schon da ist.“ Auch habe er oft einen Satz wiederholt: „Ihr braucht keine Angst zu haben, ihr wisst ja, ich bin bei euch.“ Einmal habe ihre kleine Schwester die Worte nachgeplappert. „Da hat der ganze Bunker gelacht, obwohl es oben krachte.“

Einmal sei die Druckwelle einer einschlagenden Bombe so stark gewesen, dass den Menschen im Bunker die Mantelknöpfe wegflogen.

Es gibt viele dramatische Episoden, die Graviat im Bunker einfallen: Zum Beispiel jene, als ihre kleine Schwester das Neugeborene einer Bekannten die Treppen in den Keller hinuntertrug. Im Gedränge sei sie gestürzt, habe das Bündel in die Luft geworfen und nur durch Glück wieder aufgefangen. „Sonst wäre es totgetrampelt worden.“

Leichenberge

Der Anblick von Leichen ist der Neunjährigen erspart geblieben. Als sie nach der Bombennacht mit ihrer Mutter durch die Stadt irrte, waren auf dem Friedrichsplatz verkohlte Leichen aufgestapelt. „Meine Mutter sagte, ich solle nur nach rechts schauen. Daran hielt ich mich und das war gut.“

In der Not lernte Graviat früh selbstständig zu sein: Sie konnte am Motorengeräusch erkennen, ob ein feindliches oder deutsches Flugzeug im Anflug ist. Und sie saß bei Luftangriffen vor dem Radio, um die Durchsagen der Kasseler Polizei zu höen. Mit einer Stadtkarte mit Planquadraten konnte sie herauszufinden, ob die Familie in Gefahr ist.

Das letzte Mal ging sie Ostern 1945 in den Viktoriabunker – kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner. Eine Handvoll ausgezehrter deutscher Soldaten bewachte den Bunker. Sie ließ sich nicht abwimmeln, denn sie sollte die Kinderstühle aus dem Bunker holen. Es sollten 72 Jahre vergehen, bis sie diesen Ort wieder aufsuchte. Sie hofft damit, ihr Trauma zu verarbeiten.

Hier liegt der Viktoriabunker

Lebenslauf

Gitta Graviat (83) wurde als Geborene Ziegener am 1. August 1934 in Kassel geboren. Schon ihr Start ins Leben war ungewöhnlich. Als sie nach einer schweren Hausgeburt zur Welt kam, wollte der Arzt sie zunächst für tot erklären. Doch dann bewegte sich ihr Arm. Von 1940 bis 1942 lebte sie mit ihren Eltern und einer Schwester in Frankreich, wo der Vater beim Zollgrenzschutz arbeitete. 1942 kam die Familie zurück nach Kassel, der Vater wurde an die Ostfront verlegt und die dritte Schwester kam zur Welt. Schließlich galt der Vater als vermisst.

Tatsächlich war er schwer verwundet in ein Lazarett nach Göttingen gebracht worden. Durch Zufall entdeckten ihn dort Bekannte. Nach dem Krieg besuchte Graviat die Jacob-Grimm-Schule, die damals eine Oberschule für Mädchen war. Mit 14 Jahren begann sie eine Lehre als Speditionskauffrau und arbeitete als solche bis 1958. Durch die Kindererziehung unterbrach sie ihre Karriere. Später war sie unter anderem als HNA-Zustellerin tätig. Mit ihrem Mann, der aus der Nähe von Magdeburg stammt, hat sie drei Söhne und inzwischen auch Enkelkinder.

Rubriklistenbild: © Ludwig

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