Interview mit Dr. Thomas Fischer, Chefarzt am Klinikum Kassel

Operationen bei Kindern: "Der vergessene Patient"

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Operationen sind immer mit Änsgten verbunden: In der Klinik für Kinderanästhesie und Intensivmedizin am Klinikum werden bis zu 5.600 Narkosen bei Kindern vorgenommen. Im Bild: Chefarzt Dr. Thomas Fischer.

Zum Thema Operationen bei Kindern veranstaltet das Klinikum Kassel am Montag einen Vortragsabend. Darin geht es neben Sicherheit bei Eingriffen auch um die Narkose. Vorab sprachen wir mit Dr. Thomas Fischer über das Thema.

Von Phrasen hält Dr. Thomas Fischer nichts. Aber es gibt einen Satz, mit dem der Chefarzt der Klinik für Kinderanästhesie und Intensivmedizin am Klinikum Kassel das Dilemma zusammenfasst: „Das Kind ist der vergessene Patient“, sagt der 57-Jährige, der seit 18 Jahren in Kassel praktiziert. 

Wir sprachen mit Fischer über das Thema Operationen bei Kindern, zu dem es am Montag, 26. August, 19 Uhr, einen Vortragsabend mit weiteren Referenten geben wird.

Herr Dr. Fischer, was war der Anstoß für eine solche Veranstaltung?

Ich habe den Eindruck, dass es beim Thema Operationen von Kindern, insbesondere, was die Narkose betrifft, eine große Verunsicherung in der Gesellschaft gibt – ähnlich wie beim Thema Impfen. Ziel des Informationsabends ist es, aufzuklären, Fragen zu beantworten und deutlich machen, dass die Kindernarkose etwas Besonderes ist.

Ist das nicht selbstverständlich?

Nein, denn wir haben in Deutschland keine Kultur der Kinderanästhesie. Und nicht nur das: Es gibt zu wenige Kinderkrankenhäuser. 20 Prozent der Kinderbetten wurden zuletzt abgebaut. Das Kind ist der vergessene Patient. Es hat aber ein Recht auf eine adäquate Behandlung.

Wie ist die Situation in Kassel?

Kassel hat viel Mühe investiert, ein breites Spektrum vorzuhalten. Wir versorgen jährlich 11 000 Kinder stationär, 40 000 ambulant. Unsere Patienten kommen aus einem Umkreis von 200 Kilometern. Auch was die Kinderanästhesie betrifft, hat Kassel einen Sonderstatus: Mit jährlich 5500 Narkosen, vorgenommen von fünf speziell ausgebildeten Narkoseärztinnen und -ärzten rangieren wir bundesweit an sechster Stelle. Die Qualität einer Narkose ist umso besser, je erfahrener ein Anästhesist ist. Erfahrung ist bei der Narkose eklatant.

Was sind denn die häufigsten Gründe für Operationen bei Kindern?

Das sind Eingriffe im HNO-Bereich wie Mandel- oder Polypen-Entfernung, aber auch Leistenbrüche oder Vorhautverengungen. Hinzu kommen Operationen nach Unfällen, etwa Arm- oder Beinbrüche. Das Gros dieser Kinder ist ohne Grunderkrankung. Die Zahl der Jungen und Mädchen mit Begleiterkrankungen – Herzfehler, Stoffwechsel- und Lungenerkrankungen – nimmt aber zu. Diese Kinder muss der Anästhesist besonders behandeln. Nur 400 Gramm wog das kleinste Neugeborene, das wir narkotisierten. Das gilt es natürlich anders zu beatmen als einen Jugendlichen, der weit über 100 Kilo wiegt.

Welche Komplikationen können grundsätzlich auftreten?

Erst mal gilt klarzustellen: Narkotika an sich schädigen nicht. Die Aufgabe eines Anästhesisten ist es, das zu behandelnde Kind im Normbereich zu halten. Gelingt das nicht, kann es zu Sauerstoffmangel oder Kreislaufzusammenbruch kommen. Auch Komplikation wie Stimmritzenkrampf, Blut- und Flüssigkeitsverluste können auftreten – das sind aber alles Komplikationen, die in den Griff zu kriegen sind und keine Konsequenzen haben.

Und in wie vielen Fällen gab es Komplikationen mit Konsequenzen?

In meinen 18 Jahren in Kassel? Null.

Und trotzdem sind Operationen mit Ängsten verbunden. Wie beruhigen Sie Kinder vorab?

Indem ich mich auf das Niveau der Kinder begebe und nicht nur mit den Eltern, sondern mit ihnen spreche. Ich erzähle Geschichten, beispielsweise wie der Tag der OP abläuft, und zwar in einer Sprache, die Kinder verstehen, etwa, indem ich mir neue, kindgerechte Begriffe ausdenke. Auf Einstiche kleben wir Zauberpflaster, und selbst der Beruhigungssaft schmeckt inzwischen lecker. Auch die Farbe des Gipses soll das Kind natürlich selbst auswählen. Und ich ermuntere es zu sagen, wenn etwas weh tut.

Kinder ängstigt auch die fremde Umgebung und die Trennung von den Eltern ...

... die aber bis zum Operationssaal ihr Kind begleiten dürfen und auch im Aufwachraum wieder präsent sind. Im wachen Zustand ist das Kind also nie unbegleitet. Wichtig ist aber, Kinder darauf vorzubereiten, dass Mama oder Papa mit Haube und Mundschutz anders aussehen werden.

Und wie beruhigen Sie besorgte Eltern?

Eltern gilt es einzufangen, dass sie sich selbst nicht so wichtig nehmen. Sie sind das Sicherheitssystem der Kinder. Mitunter gibt es auch ungehaltene Eltern oder Kinder, die beißen oder hauen – das habe ich alles schon erlebt, kommt aber glücklicherweise selten vor.

Wie können denn Eltern ihre Kinder auf eine OP vorbereiten?

Indem sie mit ihnen reden und ehrlich Rede und Antwort stehe, was sie rund um den Eingriff erwartet. Kinder haben nur vor dem Angst, was sie nicht kennen. Und sie müssen ihre Kinder vorbereiten, dass sie vor der OP nichts essen, nichts trinken und keine Zähne putzen dürfen – Letzteres hören sie meist gerne. Ich verweise auf die Sechs-vier-zwei-Regel: Kinder müssen sechs Stunden vor der Narkose nüchtern bleiben, Säuglinge dürfen bis vier Stunden vor der Narkose noch Milch trinken, Wasser ist sogar noch zwei Stunden vorher möglich.

Gibt es Fälle, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Ja, der achtjährige Philipp, den ich vor vielen Jahren in Berlin auf seine Herz-Operation vorbereitete. Bei der Einleitung sagte er mir, dass er sterben wird. Er hat die Operation nicht überlebt. Mich hat diese Begegnung sehr berührt und sie ist zum Anstoß geworden, immer genau hinzuhören, was Kinder sagen. Ich will, dass sie eine Zukunft haben.  

Vortragsabend

Die Klinik für Kinderanästhesie und Intensivmedizin am Klinikum Kassel lädt zum Vortragsabend am Montag, 26. August, ein. Beginn der Veranstaltung ist um 19 Uhr. Zum Thema „Operationen bei Kindern – Sicherheit bei ambulanten und stationären Eingriffen“ sprechen neben Chefarzt Dr. Thomas Fischer auch Dr. Frank Schreiber, Leitender Oberarzt der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und Lutz-Michael Schäfer, niedergelassener Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Es geht um die Bereiche Narkose beim Kind, das kindliche Ohr sowie Sinn und Unsinn von Eingriffen an Polypen und Mandeln. Veranstaltungsort ist die Konferenzebene des Klinikums (Ebene 8) in der Mönchebergstraße 41-43.

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