Konzern beschäftigt eigene Forensiker

VW: Bande sorgt durch Diebstahl von Ersatzteilen für Millionenschaden

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Transportdiebstähle machen nicht nur VW zu schaffen. Auch andere Autobauer sind davon betroffen. Unser Archivfoto zeigt Hybridantriebe mit Elektromotoren im Baunataler VW-Werk.

Kassel. Der Überfall auf einen Lastzug mit VW-Ersatzteilen könnte nur die Spitze des Eisbergs gewesen sein. Im Prozess war die Rede von einer straff organisierten Bande mit klarem "Geschäftsmodell".

Der VW-Konzern beklage jedes Jahr Millionenverlust durch Transportdiebstahl, sagte am Montag der Leiter der Forensik-Abteilung beim VW-Konzern (siehe Hintergrund), Erik L., als Zeuge im Prozess vor dem Landgericht aus.

Dort wird gegen vier Männer verhandelt, die im Mai 2015 den Lastzug mit Drosselklappen im Wert von 40.000 Euro gekapert haben sollen. In dieser Zeit, so Erik L., habe es im Raum Kassel eine starke Häufung von Diebstählen bei den Transporten der Zulieferer ins Baunataler Werk gegeben.

Bereits im Jahr 2012 habe ein Informant dem VW-Werk gegen Geld Informationen über den Diebstahl von Drosselklappen angeboten. Dieses Angebot sei im Jahr 2015 im Zusammenhang mit dem aktuellen Fall erneuert worden.

Richter Stanoschek zitierte aus diesen Informationen, nach denen eine straff organisierte Bande aus 20 Mitgliedern im Umfeld der sechs VW-Standorte in Deutschland VW-Teile gleich lastwagenweise klaut und dann dem Konzern zum Rückkauf anbietet, damit der Produktionsengpässe vermeiden kann.

Laut Zeuge Erik L. lehnt VW derartige Angebote aber grundsätzlich ab und zahlt in der Regel auch kein Geld für Informationen.

Hochprofessionell und gewaltbereit: So beschreibt der Informant die rund 20-köpfige Gruppe organisierter Krimineller, die im Umfeld der sechs VW-Standorte Transporte für den Autobauer überfällt.

„Das sind Russen, Albaner, Türken und Deutsche, die in großen Limousinen herumfahren“, zitierte Richter Jürgen Stanoschek aus den Akten im Prozess gegen die vier Angeklagten mit türkischen Wurzeln, die im Mai 2015 bei Morschen einen Lastzug der Spedition Rudolph überfallen haben sollen. Zwei als Polizisten verkleidete Männer hatten eine Verkehrskontrolle simuliert, den Fahrer mit vorgehaltener Pistole überwältigt und mit Kabelbinder gefesselt. Beim Umladen der VW-Ersatzteile waren sie gestört worden und geflohen.

Die Diebstähle

Im Jahr 2015 hätten sich die Diebstähle bei Transporten zum Werk in Baunatal gehäuft, sagte am Montag der Chef der Forensik-Abteilung (siehe Hintergrund) bei VW, Erik L., vor dem Landgericht aus. Ob die vier Angeklagten auch bei anderen Taten beteiligt waren, könne er nicht sagen. Auffällig sei aber, dass nach ihrer Festnahme der Umfang der Diebstähle deutlich zurückgegangen sei.

Das Problem der Transportdiebstähle, das dem VW-Konzern jedes Jahr viele Millionen Euro koste, sei nicht auf die Wolfsburger beschränkt. Richter Stanoschek berichtete von Hinweisen, dass auch BMW, Daimler, Ford und ein Kosmetikunternehmen Opfer der Wegelagerer seien.

Ob es da nicht Verbindungen unter den Konzernen gebe, wollte der Richter von Erik L. wissen.

Das Sicherheitsnetzwerk

„Es gibt ein informelles Netzwerk der Sicherheitssysteme“, sagte L., der im Konzern für die Sicherheit und die Verfolgung von Straftaten zuständig ist. Der Werksschutz kümmere sich allerdings in erster Linie um die Straftaten innerhalb des Konzerns.

In Baunatal habe der Werksschutz damals einen Schwerpunkt krimineller Aktivitäten rund um Kassel registriert. L.: „Es gab hier eine Form organisierter Kriminalität zum Nachteil von VW und anderen regionalen Betroffenen.“ Wenn VW konkrete Hinweise auf eine Tätergruppe hat, werde dann versucht, einen verdeckten Ermittler einzuschleusen, zum Beispiel einen Privatdetektiv, fragte Verteidiger Werner Momberg.

„Das ist im Rahmen des Geschehens denkbar, aber ausgesprochen selten“, antwortete der Zeuge. Eingeschleust würden Informanten eher in Teams oder Gruppen in den Werken, wenn dort große Materialverluste auftreten. Das habe sich aber als „wenig zielführend“ erwiesen.

Das „Geschäftsmodell“

Das „Geschäftsmodell“ der Kriminellen, VW-Ersatzteile zu stehlen und sie dann dem Konzern zum Rückkauf anzubieten, funktioniere nicht, sagte L. „Wir verbauen grundsätzlich keine Teile, die einmal die Produktionslinie verlassen haben. Für uns ist das Schrott.“

Tatsächlich würden Teile wie Drosselklappen, Einspritzpumpen oder Airbags, die von der Polizei nach Diebstählen sichergestellt wurden, von VW abgeholt. „Die wandern aber dann direkt in den Schrottcontainer.“

Dass nur durch den Kauf gestohlener Ersatzteile ein Produktionsstopp verhindert werden könne, stimme nicht. L.: „Das passiert nicht, das ist ein wenig vorstellbares Risiko. Das sind so enorme Mengen, dass Fehlteile sofort ausgeglichen werden.“ Schließlich gebe es auch andere Gründe als Diebstahl, dass ein Lastzug nicht wie geplant im Werk eintreffe.

Tatsächlich seien die Handlungsmöglichkeiten von VW gegen den Transportdiebstahl beschränkt. Der Zeuge sprach von vielen Milliarden Teilen, die jährlich von den Zulieferern in die Werke gebracht werden. Gestohlen würden sie ja gerade, bevor sie in den Besitz des Konzerns gelangten.

Das Gericht prüft jetzt, ob weitere Vertreter des VW-Konzerns als Zeugen gehört werden sollen. L. hatte angeboten, weiteres Material zu dem Überfall bei Morschen liefern zu können.

Der Prozess wird am 14. August um 9 Uhr in Saal D 130 fortgesetzt. Weitere Verhandlungstage sind der 21. und der 28. August. Vermutlich wird das Verfahren bis in den September dauern.

Anwalt krank: Prozess dauert länger

Eigentlich sollten im Verfahren vor dem Landgericht gegen drei Männer wegen des Diebstahls von wertvollem Katalisatorenstaub bei VW am Montag die Plädoyers gehalten werden. Doch ein Verteidiger war erkrankt, deswegen dauert es noch etwas länger. Seit letztem September wird mit einer Unterbrechung gegen die Männer verhandelt. Zwei von ihnen sollen von 2007 bis 2008 als Mitarbeiter des Recycling-Hofes auf dem Kasseler Henschel-Gelände tonnenweise sogenannten Monolithenbruch beiseite geschafft und verkauft haben. Der jüngste Angeklagte soll von seinem Vater 200 000 Euro für den Hauskauf erhalten und gewusst haben, dass das Geld aus einer Straftat stammt.

Ursprünglich war der Wert der gestohlenen Ware auf über eine Million Euro geschätzt worden. Im Laufe des Mammutverfahrens schrumpfte der nachweisbare Schaden auf rund 200 000 Euro. Nun soll am kommenden Montag, 14. August, ab 9.30 Uhr in Saal D 130 plädiert werden. Allerdings hat ein Verteidiger noch drei Sachanträge angekündigt. Als möglichen Termin für die Urteilsverkündung nannte Richter Volker Mütze Mittwoch, 23. August, ab 15 Uhr.

Hintergrund: Forensik bei Volkswagen

Der Volkswagen-Konzern hat eine eigene Forensik-Abteilung, die direkt beim Wolfsburger Vorstand angesiedelt ist und deren Leiter am Montag im Prozess vor dem Landgericht als Zeuge aussagte. Forensik ist ein Sammelbegriff für die systematische wissenschaftliche und technische Untersuchung krimineller Handlungen. Seine Aufgabe beschrieb VW-Forensik-Chef Erik L. so: „Immer wenn VW von Straftaten betroffen ist, werden wir beteiligt.“ An jedem der VW-Produktionsstandorte gebe es einen Sicherheitsdienst mit dem „Werksermittler“ an der Spitze, einen Werksschutz und eine Werksfeuerwehr.

Er und seine Abteilung seien nicht strafverfolgend tätig, sondern für die Sicherheit des Konzerns zuständig. Selbstverständlich arbeite man mit den staatlichen Ermittlungsbehörden zusammen.

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