150 Kasseler haben bereits ihre Andenken für die neue Sonderausstellung dem Museum geliehen

Der Wagen aus dem Inferno in neuer Sonderschau im Stadtmuseum

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Bewegte Geschichte: Dieser Handwagen wurde am Morgen nach der Kasseler Bombennacht in den Grebensteiner Ortsteil Udenhausen gebracht. Er ist einer von vielen Gegenständen mit Kassel-Bezug, die die Stadtmuseumsmitarbeiter Julia Herdes (li.) und die stellvertretende Museumsleiterin Kathrin Schellenberg erhalten.

Kassel. Der Ansturm auf das Stadtmuseum ist groß: Die Menschen kommen in diesen Tagen aber nicht nur, um sich Ausstellungsstücke anzusehen, sondern auch, um selbst welche vorbeizubringen.

Dazu hatte das Museum für seine am 16. Dezember startende Sonderschau „Dein! Stadtmuseum“ aufgerufen. Wir stellen einige spannende Objekte vor, die in den vergangenen Tagen leihweise abgegeben wurden.

Handwagen mit Geschichte

Bewegend ist die Geschichte eines hölzernen Handwagens, den Hans-Peter Giebing aus Espenau ins Museum brachte. Dieser kam im Zweiten Weltkrieg auf ungewöhnliche Weise in Familienbesitz. Giebings Mutter war im Oktober 1943 mit dem Zug nach Kassel gefahren. Im Auftrag ihrer Mutter sollte die damals 17-jährige Auguste Artikel in einem Gebrauchtwarenladen tauschen – auf keinen Fall sollte sie aber den Lederkoffer aus der Hand geben, in dem sich die Tauschware befand.

Als sie in Kassel ankam, gab es Fliegeralarm und Auguste rettete sich in den Weinbergbunker. Den Koffer musste sie draußen lassen. Als sie nach dem Angriff den Bunker verließ, war der Koffer weg. Ihr Weg in die Innenstadt war von Toten gesäumt. Ganz Kassel brannte. An der Martinskirche half sie einer alten Frau, die ihre Habseligkeiten auf einen Handwagen gepackt hatte, diesen zu ziehen.

Plötzlich stürzte die Frau und verstarb ohne ersichtlichen Anlass an Ort und Stelle. Jede Hilfe kam zu spät. Weil Auguste zu Hause nicht mit leeren Händen dastehen wollte, nahm sie den Wagen mit, in dem sich eine Sense, zwei Milchkannen und eine Säge befanden. Sie lief den Weg bis zu ihren Heimatort Udenhausen (Kreis Kassel) zu Fuß.

Obwohl gerade dem Tod entkommen, wurde sie zu Hause nicht mit offenen Armen empfangen. Von der Mutter gab es eine Backpfeife, weil sie den Koffer verloren hatte. Diese Reaktion konnte Auguste in all den Jahren nicht vergessen. Der Handwagen ist bis heute in Familienbesitz, die Werkzeuge wurden rege genutzt. Auguste verstarb vor wenigen Tagen im Alter von 90 Jahren.


Ephesus & Kupille

Kasseler Orginale: Ephesus & Kupille

Marion und Jörg Deichmann aus Habichtswald gaben die bekannten Kasseler Saufbrüder im Stadtmuseum ab: Ephesus und Kupille als Bronzestatue. Diese entstand, als der frühere Kasseler Oberbürgermeister Georg Lewandowski plante, in der Unterneustadt ein Denkmal für die Kasseler Kultfiguren aufstellen zu lassen. Die Statue sollte Vorlage für das Denkmal sein, das allerdings nie realisiert wurde. Es gibt lediglich drei dieser Figurenpaare, die für das Vorhaben gegossen wurden.


Mit Kötze nach Kassel

Weit gereist: Dorothea Ahlheid mit der Kötze, den Schuhen und der Milchkanne ihrer Großmutter, die damit immer nach Kassel lief.

Zwetschgen und Schmand aus Dörnhagen waren jahrelang in der Kötze und der Milchkanne nach Kassel getragen worden, die Dorothea Ahlheid ins Museum brachte. Beides gehörte ihrer Großmutter Martha-Elisabeth, die damit in der Vorkriegszeit einmal pro Woche von Dörnhagen zum Markt auf dem Königsplatz lief. Entsprechend zerschlissen sind ihre Schuhe und ihre Socken, die die Enkelin ebenfalls dem Museum überließ.

„Meine Großmutter erzählte immer, wie die feinen Damen aus Kassel zunächst einen Finger in den Schmand steckten, um zu kosten, ob er gut ist“, sagt Ahlheid. Wenn die Großmutter auf ihrem Weg von freundlichen Kutschern mitgenommen wurde, behielt sie die Kötze doch immer auf dem Rücken. „Sie sagte immer, die Pferde hätten doch schon genug zu tragen.“

Liebespost in Kühltasche

Eine Tasche voll Feldpost: Kasselerin hob ihre gesammelten Liebesbriefe auf.

In einer Coca-Cola-Kühltasche aus den 50er-Jahren befindet sich ein persönlicher Schatz. Gisela Bürkholtz hat diesen vorbeigebracht. In der Tasche stecken Dutzende Feldpostbriefe, die ihre Mutter von ihrem Verlobten und ihrem Cousin aus dem Zweiten Weltkrieg erhalten hat. Beide kamen nicht von der Front zurück. Der letzte Brief des Verlobten ist auf den 31.12.1942 datiert. Der Verlobte galt seit dem Kampf um Stalingrad als vermisst.

Die Coca-Cola-Tasche fiel der Tochter in die Hände, als ihre Mutter starb und sie deren Haushalt auflöste. Die Mutter wuchs in der Nordstadt auf und lebte ihr ganzes Leben in Kassel.

Bäriger Stammtisch

Kneipenhistorie: Stammtisch-Aschenbecher des früheren Traditionslokals Bärenkammer

Den Stammtisch-Aschenbecher der Kasseler Traditionskneipe „Bärenkammer“ lieh der Kasseler Ralf Backhausen dem Museum. Backhausen ist der Enkel des langjährigen Bärenkammer-Wirtes. Rudi Backhauses führte das Lokal in der Altstadt seit 1937. Nach dessen Zerstörung im Krieg eröffnete er 1961 die neue Bärenkammer am Ständeplatz, die es nicht mehr gibt.

Von Bastian Ludwig

Wer glaubt, eine interessante Leihgabe zu besitzen, kann sich bis 21. November telefonisch an das Stadtmuseum wenden: 0561/ 787 41 59 (Mo-Fr. 9 bis 15 Uhr) oder E-Mail (stadtmuseum@kassel.de). Dort wird geklärt, ob Interesse besteht. Die Leihgaben müssen bis Ausstellungsende am 1. Mai 2017 im Museum bleiben.

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