"Zwangseinweisungen haben mir mehr Schaden als Nutzen gebracht"

Kasselerin wollte sich das Leben nehmen: So findet sie immer wieder aus der Krise 

+
Will andere Menschen durch Krisen begleiten: Ihre Suiziderfahrungen verarbeitet Leilani Engel als Hobby-Malerin. Das Lachen auf dem Porträt (links) passe aber gar nicht zu ihr, findet sie. Ehrenamtlich arbeitet sie als Reittherapeutin im Reinhardswald.

Leilani Engel ist eine Überlebende. So nennen sich Menschen, die versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Anlässlich des Weltsuizidpräventionstags erzählt sie ihre Geschichte.

Vor einem halben Jahr glaubte Leilani Engel nicht, dass sie heute noch leben würde. Schon bis dahin hatte die Kasselerin mehr als 200 Suizidversuche hinter sich. Nun probierte sie es wieder. Aber sie überlebte jedes Mal oder warf sich dann doch nicht vor den Zug.

Heute redet die 29-Jährige ganz offen darüber. Sie ist überzeugt, dass das helfen kann – sich und anderen. Geschichten wie die von Engel sind wichtig, um das Thema zu enttabuisieren. Auch deswegen gibt es einen Welttag der Suizidprävention, der jährlich am 10. September stattfindet. Diesmal wird verstärkt darüber diskutiert, ob Betroffenen wie der Borderlinerin Engel mehr Gehör geschenkt werden sollte und nicht nur Experten.

Ihren alten Namen hat Engel abgelegt. Sie nennt sich nun Leilani, was im Hawaiianischen „Blume des Himmels“ heißt. Ihre Vergangenheit begleitet sie aber weiterhin. Das ist wie bei den meisten Suizidbetroffenen, deren Geschichten oft mit Missbrauch in der Kindheit beginnen. Engel wurde ab dem 12. Lebensjahr sexuell missbraucht. Mit 14 versuchte sie sich das erste Mal, das Leben zu nehmen. Als 19-Jährige wurde sie erwerbsunfähig geschrieben, seitdem lebt sie von staatlicher Grundsicherung und arbeitet ehrenamtlich.

Private Selbsthilfegruppe

Engel hat eine Ausbildung zur Genesungsbegleiterin gemacht, hält Vorträge, hat eine private Selbsthilfegruppe gegründet und arbeitet für den Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener in der Telefonberatung. „Die meisten Anrufer haben ein Riesenbedürfnis zu reden“, hat Engel festgestellt: „Am besten hilft man ihnen durch Zuhören, ohne dass Zwangseinweisungen im Raum stehen.“

Von der Suizidprävention, wie sie bislang in Deutschland praktiziert wird, ist sie enttäuscht. Betroffene würden nicht gehört. Menschen würden stigmatisiert, indem Ärzte sie für psychisch krank erklären oder zwangseinweisen. „Ich kenne niemanden, dem eine Zwangseinweisung geholfen hat“, sagt Engel. 

Unterstützung erhält sie von Experten wie dem Wissenschaftler Prof. Dr. Reinhard Lindner von der Uni Kassel, der in einem HNA-Interview kritisierte, dass die deutsche Suizidpräventionspolitik „gegenüber anderen Ländern immer noch in den Kinderschuhen“ stecke. Auch die Tabuisierung tue „lebensmüden Menschen nicht gut“. Carola Jantzen, die im Kasseler Gesundheitsamt für Selbsthilfegruppen verantwortlich ist, glaubt, dass „gerade ein Wechsel im Denken im Gange ist“. Der Gedanke, dass Laien nicht helfen können, finde immer weniger Anhänger.

Interviews können Betroffenen helfen

Wobei die Betroffene Engel kein Laie mehr ist. Sie zitiert Statistiken, wonach 6,5 Millionen Deutsche schon mal daran gedacht haben, sich das Leben zu nehmen. Sie kennt nicht nur den Werther-Effekt, nach dem ein Suizid und die Berichterstattung darüber immer Nachahmer motiviert, es ebenfalls zu tun. Sie weiß auch vom Papageno-Effekt. Interviews zum Thema können Suizidgedanken demnach verringern. Und sie rechnet vor, dass jedes Jahr mindestens 100.000 Menschen einen Suizidversuch überleben: „Aber sie werden bislang nicht gefragt.“

Nebenbei arbeitet Engel bei der Interessengemeinschaft Mariendorf für Therapeutisches Reiten. In dem Dorf im Reinhardswald hilft sie Menschen, durch ein Tier Vertrauen zu gewinnen. Im Leben wurde Engel so oft enttäuscht, dass ihr erst ein Pferd wieder neue Hoffnung gab. Als Hobby-Malerin verarbeitet sie ihre Krankheit zudem mit Kunst. Für ein Porträt haben wir sie lachend mit einem ihrer Bilder fotografiert, das ein weinendes Mädchen zeigt. Später schrieb sie, dass die Aufnahme zwar schön sei, aber das Lachen gar nicht zu ihr passe: „Nehmen sie lieber ein Reiterfoto. Da gucke ich nicht ganz so verstrahlt.“

Ihre Bilder und Texte veröffentlicht sie im Internet auf ihrem Blog ferrueckt.com. Dort erzählt sie, wie es sich anfühlt, wenn Ärzte zu einem sagen, man gehöre weggesperrt.

Das Ende ihrer Selbstbeschreibung im Netz macht trotzdem Mut: „Ich habe gelernt, dass es immer irgendwie weitergeht – auch wenn ich oft nicht wusste, wie.“

Weltsuizidpräventionstag

Aktion in Kasseler Innenstadt: Anlässlich des Weltsuizidpräventionstages werden Mitarbeiter der Telefonseelsorge Nordhessen an diesem Dienstag in der Treppenstraße vor dem Nordsee-Restaurant 54 Paar Schuhe aufstellen. So viele Menschen haben sich in Kassel 2017 das Leben genommen. Zahlen aus dem Vorjahr lagen den Organisatoren nicht vor. Von 10 bis 18 Uhr werden die Telefonseelsorger dort über das Thema informieren. Wer sich mit Suizidgedanken trägt, findet rund um die Uhr und kostenlos unter 0800/1110111 sowie auf telefonseelsorge.de Hilfe. 

Hilfe von Betroffenen für Betroffene: Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener hat ebenfalls eine Telefonberatung. Unter 0234/70890510 geben freitags von 21 bis 24 Uhr Betroffene wie Leilani Engel Auskunft. Infos: suizidgedanken.net 

Themenwoche: Unter dem Titel „Brücken ins Leben“ findet vom 15. Oktober bis zum 10. November in Kassel eine Themenwoche Suizid statt. Den Auftakt bildet die Podiumsdiskussion „Ich wünschte, ich wäre tot“ am 15. Oktober (18.30 Uhr) im Hermann-Schafft-Haus.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.