Erweiterte Widerspruchslösung 

Wer nicht widerspricht, wird Organspender: Klinikum Kassel begrüßt Spahns Vorschlag 

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Mit der „erweiterten Widerspruchslösung“ will Gesundheitsminister Spahn die Organspende reformieren – indem er jeden Bürger automatisch zum Organspender erklärt. Im Kasseler Klinikum hält man die Neuregelung für sinnvoll - sieht die eigentlichen Stellschrauben aber woanders. 

Deutschland gehört in Sachen Organspende zu den Schlusslichtern Europas. Mehr als 10.000 Menschen warteten 2017 auf ein Organ – zu weniger als 800 Transplantationen kam es tatsächlich. Ein Rekordtief. Mit der „erweiterten Widerspruchslösung“ könne sich das ändern, meint Gesundheitsminister Jens Spahn.  

„Das ist eine faire Chance“, sagt Julian Bösel, Chefarzt der Neurologie am Klinikum. er meint aber auch: „Der Effekt wäre gar nicht so groß.“ 119 Organspenden habe es vergangenes Jahr in der Region Mitte der Deutschen Stiftung Organspende gegeben. Neben Hessen zählen hierzu Rheinland-Pfalz und das Saarland. 121 wären es mit der doppelten Widerspruchslösung gewesen, so Bösel.

„In gerade mal zwei Fällen haben die Angehörigen Nein gesagt, weil nie über das Thema gesprochen wurde.“ Nichtsdestotrotz wäre eine solche Verpflichtung „ein toller erster Schritt“, meint Jana Godau, Fachärztin für Neurologie und hauptverantwortlich für 13 Transplantationsbeauftragte am Klinikum Kassel: „Organe zu spenden, ist etwas Besonderes. Das muss sich ändern. Mit der Widerspruchslösung wäre es etwas Besonderes nicht zu spenden.“

Viel wichtiger aber sei es, die strukturellen Probleme in den Kliniken zu lösen. So lägen auch in kleineren Krankenhäusern durchaus potenzielle Organspender – also Patienten mit schweren Hirnschäden. Den Kliniken aber fehlten die Mittel, diese als potenzielle Organspender zu identifizieren und zu melden. „Für eine Organentnahme bekommen wir von den Trägern der Krankenkassen pauschal 5103 Euro“, erklärt Godau. Das decke die Kosten für Personal, Untersuchungen und Material. „Dann kommen aber noch Kosten für das belegte Bett auf der Intensivstation sowie für Aus- und Weiterbildung des Klinikpersonals hinzu.“ Am Ende sei man so bei bis zu 12 000 Euro, sagt Godau.

Pro & Kontra: Sollte jeder ohne Widerspruch Organspender sein?

14 Organspender in Kassel

„Klar macht man da Verlust. Für uns ist das noch tragbar, weil wir relativ groß sind und Transplantationen selten sind.“ 21 Organspender habe man 2017 im Klinikum Kassel identifizieren können. Bei 14 von ihnen konnte eine Transplantation realisiert werden, so Godau. Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt gelingt das nur in jedem zweiten Fall. Die Mittel, Transplantationsbeauftragte freizustellen, wie es seit Neuestem sogar im Koalitionsvertrag festgelegt ist, habe aber auch das Klinikum nicht, so Bösel.

Dieses Video ist ein Inhalt der Videoplattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Bei den 14 Transplantationsbeauftragen im Klinikum handelt es sich um normale Ärzte und Pfleger. Ein Viertel ihrer Arbeitszeit verbringen sie damit, potenzielle Spender zu erkennen, die Angehörigen manchmal tagelang zu beraten, die Organspende vorzubereiten und zu koordinieren. „Wenn ich träumen dürfte, wäre das eine volle oder zumindest eine halbe Stelle“, sagt Godau. „Man könnte viel mehr tun.“ Aktuell bleibt den Kliniken nur eines übrig: aufklären. Zum einen in den eigenen Personalreihen, wenn es darum geht, Organspender zu erkennen. Zum anderen in der Öffentlichkeit. „Das sollte so früh wie möglich losgehen“, meint Jana Godau. „Am besten schon in der Schule.“

Die Kasseler Kliniken Rotes-Kreuz-Krankenhaus und Agaplesion-Diakonie-Kliniken wurden von uns zum Thema angefragt, haben sich aber nicht geäußert.

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