Bauarbeiten wurden 1955 gestoppt

Als eine Vision scheiterte: Wie das Kasseler Staatstheater ursprünglich aussehen sollte

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So sollte das Staatstheater ursprünglich aussehen: Der Bau nach dem Siegerentwurf der Architekten Hans Scharoun und Hermann Mattern wurde aber 1955 abgebrochen.

Kassel. Als im Jahr 1955 die erste documenta in Kassel stattfand, war die Kunstwelt auch wegen eines weiteren Ereignisses in Aufruhr:

Es handelte sich um den Neubau des Kasseler Staatstheaters, der als „Kunstskandal“ und „Staatstheater-Katastrophe“ bundesweit für Schlagzeilen sorgen sollte. Ein Jahr zuvor war mit dem Neubau des Kasseler Staatstheaters begonnen worden. Vorgesehen war es, den visionären Entwurf des Architekten-Duos Hans Scharoun und Herrmann Mattern zu verwirklichen. Die beiden hatten mit ihrem Entwurf den Architektenwettbewerb klar für sich entschieden und damit 116 weitere Vorschläge verdrängt.

Hans Scharoun

Scharoun hatte später etwa auch die Berliner Philharmonie entworfen und Mattern war der Gestalter der Bundesgartenschau 1955 in Kassel. Für ihr preisgekröntes Theaterprojekt, das weltweit den Beifall der Fachwelt fand, wurde am 15. Oktober 1954 der Grundstein gelegt. Das Gebäude sollte am Friedrichsplatz am Hang zur Karlsaue entstehen – unmittelbar neben der Stelle, wo ein Jahr zuvor noch das preußische Theater gestanden hatte, das im Krieg zerstört worden war und schließlich abgerissen wurde.

Doch zwei Monate nach Baubeginn des Neubaus wurde ein Baustopp verhängt. Die Landesregierung begründete dies mit Gründungsschwierigkeiten. Tatsächlich waren die Bauarbeiter auf alte Festungswälle und Kasematten gestoßen. Wegen der drohenden Kostensteigerung von gut sieben auf 21 Millionen Mark lag die Baustelle über Monate brach. Es entbrannte ein Streit zwischen der Landesregierung und Scharoun/ Mattern um die Frage, wer für die Probleme verantwortlich ist.

Unterdessen begann die Landesregierung in Hinterzimmern an einem Plan B zu arbeiten. In einem geheimen Verfahren wurde schließlich Paul Bode, der Bruder des documenta-Vaters Arnold Bode, als Architekt für das Staatstheater ausgeguckt. Er bekam den Auftrag vom Land übertragen und auch die Kasseler Stadtverordneten gaben ihre Zustimmung.

Bode stellte das Staatstheater im Jahr 1959 fertig. Ironie der Geschichte: Auch sein Entwurf sollte nach Kostensteigerungen letztlich 21 Millionen DM verschlingen.

62 Jahre nach der ersten documenta und den Querelen um den Theaterneubau hat der Architektursalon Kassel eine 3D-Simulation von den ursprünglichen Plänen angefertigt. Diese 3D-Simulation wurde in die Sammlung des Stadtmuseums übergeben. Damit würdigt der Architektursalon das Werk von Scharoun und Mattern. 

1959 eröffnet: Das Kasseler Staatstheater wurde schließlich nach Plänen von Paul Bode gebaut. Foto: dpa

Deren geplantes Bauwerk sei von vielen Zeitgenossen schlicht nicht verstanden worden, sagen Sylvia Stöbe und Michael Krauss vom Architektursalon.

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