Mit 12 Jahren angefangen, Orgel zu spielen

Wilhelm Ritter ist seit 50 Jahren Organist in der Kasseler Martinskirche

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Spielt seit einem halben Jahrhundert die Orgel der Martinskirche: Wilhelm Ritter. Seit Pfingsten dieses Jahres bedient er das neue von der Voralberger OrgelbaufirmaRieger realisierte Instrument, das der Norweger Ingve Holen entworfen hatte.  

Kassel. Wilhelm Ritter war 13 Jahre alt, als er von der großen Orgel der Kasseler Martins-kirche in der Zeitung las.

Wenig später bat er seinen Vater, der wegen einer Behördenangelegenheit nach Kassel fuhr, ihm doch ein Bild von dem damals noch neuen Instrument mitzubringen.

Statt eines Bildes gab es eine Sonderbriefmarke von den Olympischen Spielen in Tokio. Die Bosch-Orgel aber sollte der Junge aus dem kleinen Ort Orferode bei Bad Soden-Allendorf drei Jahre später nicht nur selbst in Augenschein nehmen, sondern spielen. Und das ein halbes Jahrhundert lang: Seit 50 Jahren ist Wilhelm Ritter Organist in der Martinskirche.

Das Klavierspielen hat der heute 67-Jährige als Grundschüler gelernt. Seit seinem 12. Lebensjahr spielt er Orgel. „Manchmal in drei Dörfern an einem Sonntag“, erinnert sich Ritter. Dazwischen gab’s ein Mittagessen beim Pfarrer. „Das hat mich unabhängig gemacht.“ Denn die 120 Mark, die er im Monat verdiente, waren mehr als ein gutes Taschengeld. Investiert hat er es in Unterricht. Apropos Unterricht: Nachdem Wilhelm Ritter in der elften Klasse sitzen geblieben war, zog er als 16-Jähriger vom Werra-Meißner Kreis nach Kassel und setzte seine Ausbildung am Pädagogischen Fachinstitut fort. Sein Musikausbilder, Organist Klaus Martin Ziegler, vertrat den damaligen Kantor der Martinskirche.

Im November 1967 wurde dann Wilhelm Ritter der Vertreter des Vertreters und saß selbst an dem imposanten Instrument. Und er blieb. 16 Mark hatte Ritter für sein Orgelspiel bekommen, 4,50 Mark sogleich wieder ausgegeben: „Für ein Zigeunerschnitzel mit Pommes im Lokal Zur goldenen Ente am Entenanger.“

Fast 1000 Gottesdienste

Wie viele Gottesdienste er seither in der Martinskirche als Organist begleitete – Wilhelm Ritter weiß es nicht. „Insgesamt habe ich bis 1997 etwa 500 Gottesdienste gespielt. Danach hab ich das Zählen aufgegeben – Gottesdienste sind doch keine Erbsen“, sagt der pensionierte Lehrer, den man auch als Glockenspieler der Karlskirche kennt. Aber dann überschlägt er doch: „Es werden inzwischen an die 1000 gewesen sein.“ Hinzu kommen noch all die Gottedienste in Kasseler Kirchen, in denen er als Organist aushalf. Selbst im Knast hat er georgelt, „eingeschlossen auf der Empore“.

Vier Bischöfe hat Wilhelm Ritter in St. Martin erlebt und etwa ebenso viele Dekane, Pfarrer und Küster. Und seit diesem Frühsommer auch die zweite Orgel. Sicher, die vier Manuale und über 80 Register seien beeindruckend, aber (Ehr)-Furcht vor dem neuen Instrument hat Ritter nicht. „Gehemmt sein darf man nicht, das Zaubern kann man lernen“, sagt er, während er der Orgel immer neue Töne entlockt. Leise und solche, die die Fenster der Kirche zum Vibrieren bringen.

Immer an Wilhelm Ritters Seite ist Ehefrau Gabriela. Im Februar 1972 hatten sie geheiratet, natürlich in der Martins-kirche. Seither sitzt sie neben ihm auf der Orgelbank und schlägt die Notenblätter um. „Meine Frau ist mein Ohr”, sagt Ritter. Mit ihr teilt er die Liebe zur Musik. Und sie stattet ihren Mann mit Stricksocken aus: Mit Schuhgröße 46 könne er nur in Socken die Pedalen treffen, erläutert der baumlange, bärtige Organist.

Am  Sonntag (10 Uhr) werden die Schuhe wieder neben der Orgel stehen. Im Gottesdienst wird Wilhelm Ritter sein goldenes Orgeljubiläum feiern. Und drei Präludien von Bach spielen – dieselben Stücke, die er auch vor 50 Jahren schon spielte.

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