Haus ist begehrte Immobilie mit Vorzeigecharakter 

Wingas-Beschäftigte sorgen sich um Jobs: Spekulation um Teilumzug nach Berlin

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Gashandel wie an der Börse: Von ihrer Zentrale am Königstor aus steuert die Wingas GmbH das europaweite Gasgeschäft. Unser Foto zeigt Oliver Siebert (vorn) und Konstantin Feiler bei ihrer Arbeit.

Kasel. Die Beschäftigten des Kasseler Gasgroßhändlers Wingas sorgen sich um ihre Jobs. Sie fürchten eine Verlagerung nach Berlin.

Seit dem Weggang des langjährigen Geschäftsführers Gerhard König vor fast eineinhalb Jahren halten sich hartnäckig Gerüchte, wonach die Konzernmutter, der allmächtige russische Energieriese Gazprom, seine Europa-Aktivitäten in der Bundeshauptstand konzentrieren will – zum Nachsehen Kassels.

Denn die Stadt verlöre im Falle des Abzugs von Wingas nicht nur einen großen Gewerbesteuerzahler, der nach HNA- Informationen jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag an die Stadt überweist, sondern auch einen wichtigen Arbeitgeber. Denn von den 600 Wingas-Beschäftigten arbeiten 500 in Kassel – meist hoch qualifizierte Energie-Handelsexperten aus aller Herren Länder, die es in dieser Konzentration an nur wenigen Stellen in Deutschland und Europa gibt.

Und genau das könnte das Problem für Gazprom bei einer Verlagerung werden. Die Frage ist, wie viele von ihnen bereit wären, nach Berlin zu gehen. Aus Branchenkreisen ist zu hören, dass ein Teil zur Konkurrenz wechseln könnte, was aus zweierlei Gründen sehr schmerzlich für Gazprom wäre: Es gingen wichtige Mitarbeiter und Informationen verloren. Einige Beobachter glauben deshalb, dass es in Kassel eher zu einer Straffung des Apparats als zu dessen Auflösung kommt.

Die Zentrale

Zweieinhalb Jahre ist es erst her, dass 400 der 500 Wingas-Beschäftigten in Kassel in die nagelneue, schmucke Zentrale ins Königstor umzogen.

30 Millionen Euro investierte die Unternehmerfamilie Strauss aus Biebergemünd unweit von Frankfurt seinerzeit in das imposante Gebäude, das anstelle des früheren Großhändlers für Sanitär- und Heizungstechnik Karl & Co entstand. 

Eine sichere Anlage für das private Vermögen der Gesellschafter des Herstellers trendiger Arbeitskleidung, Engelbert Strauss. Denn die solvente Wingas AG unterschrieb nach HNA-Informationen einen Mietvertrag über 20 Jahre. Wie hoch die Miete für die 12 000 Quadratmeter ist, ist nicht bekannt. Erfahrene Makler gehen aber von zehn Euro je Quadratmeter aus, macht also 1,4 bis 1,5 Millionen Euro im Jahr. 

Könnte Wingas das Gebäude räumen?

Das repräsentative Gebäude setzte arbeitsmedizinisch und energetisch Maßstäbe: helle Büros, großzügige Besprechungsräume, eine ausgeklügelte Heizungs-, Klima- und Beleuchtungstechnik, mordernste Büro- und Kommunikationstechnik, hochwertige Möbel, Ruhebereiche und Vorzeige-Restaurant. Alles vom Feinsten, versteht sich. 

Und nun? Könnte Wingas das Gebäude ganz oder in Teilen räumen? Eine Frage, auf die der Mieter keine Antwort gibt. Die Familie Strauss würde einen Auszug des europaweit tätigen Gashändlers verkraften – nicht nur wegen des langen Mietvertrags, der bei vorzeitiger Kündigung weiterbedient werden müsste – auch weil die Immobilie nach Makler-Angaben „schnell wieder vermietet wäre, ganz oder teilweise“. 

Doch so weit ist es noch nicht. „Die Inhaberfamilie hat keine Hinweise darauf, dass Wingas Kassel verlassen will“, heißt es aus dem Umfeld der Investoren. Insofern habe man sich mit einem möglichen Nachmieter-Szenario noch nicht befasst. 

Der ist das Unternehmen Wingas

Wingas gehört mit einem Marktanteil von 20 Prozent zu den wichtigsten Gasgroßhändlern Europas. Beliefert werden Kraft- und Stadtwerke, Regionalversorger und industrielle Großkunden in Zentral- und Nordeuropa. 2016 verkauften die Kasseler 800 Milliarden Kilowattstunden Gas – eine Menge die ausreicht, um 32 Millionen Einfamilienhäuser ein Jahr lang mit Gas zu versorgen. Dabei setzte das Unternehmen 12,6 Mrd. Euro um. Wie viel unterm Strich blieb, ist unbekannt. 2015 lag der Reingewinn bei nahezu 100 Millionen Euro.

Gegründet wurde Wingas 1993 als Gemeinschaftsunternehmen des Kasseler Gas- und Ölförderers Wintershall – eine Tochter des Chemieriesen BASF – und des weltgrößten Energiekonzerns Gazprom. 2015 verkaufte Wintershall seinen Anteil an die Russen. Nur gut ein Jahr später verließ der damalige Wingas-Chef Gerhard König das Unternehmen ohne Angaben von Gründen. Seither halten sich hartnäckig Gerüchte über eine Verlagerung nach Berlin. Kürzlich wurde zudem die komplette Wingas-Führung ausgetauscht.

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