Heimaufsicht schreitet ein

Belegungsstopp für Heim: Angehörige erheben Vorwürfe gegen Wohnstift am Weinberg

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Schwere Vorwürfe: Angehörige und Bewohner werfen der Leitung des Wohnstifts am Weinberg vor, Personal einzusparen. Heimleiterin Heike de Lanier wehrt sich dagegen entschieden.

Überforderte Mitarbeiter, falsche Tablettenausgabe, Pflegebedürftige, die spät oder nicht gewaschen werden – die Vorwürfe gegen das Kasseler Pflegeheim Wohnstift am Weinberg sind schwerwiegend.

Nun ist die Betreuungs- und Pflegeaufsicht Kassel des Hessischen Amts für Versorgung und Soziales eingeschritten und hat einen Belegungsstopp, also das Verbot, weitere Personen aufzunehmen, angeordnet.

Anfang April seien insgesamt vier Beschwerden bei der zuständigen Betreuungs- und Pflegeaufsicht Kassel eingegangen, bestätigt André Rieb, Pressesprecher des Regierungspräsidiums Gießen, auf HNA-Anfrage. Das RP Gießen ist die obere Aufsichtsbehörde für das Amt für Versorgung und Soziales. Im Zuge der Überprüfung seien Mängel festgestellt worden. Die sollen nun neben dem Belegungsstopp abgestellt werden, so Rieb weiter.

„Darüber hinaus sind weitere kurzfristige Überprüfungen der Einrichtungen geplant.“ Ob die Mängel auch tatsächlich beseitigt werden, werde engmaschig überwacht.

Heike de Lanier, die seit über einem Jahr das Wohnstift am Weinberg leitet, bestätigt auf HNA-Anfrage, dass eine Anlassprüfung in der Einrichtung erfolgt sei. „Die Heimaufsicht wurde von Angehörigen unserer Bewohner angesprochen“, teilt sie in einem Schreiben mit. Durch Defizite in Organisation und Führung hätten sich Mängel in der Grund- und Behandlungspflege ergeben. „Die Dokumentation war nicht auf einem angemessenen Stand, die Personalausstattung war zum Prüfungszeitpunkt aufgrund eines hohen Krankenstands nicht ausreichend“, so de Lanier. Ausschlaggebend sei ein Wechsel in der Pflegedienstleitung gewesen, zudem seien einige Fachkräfte wegen der Grippewelle länger erkrankt. Ersatz konnte nicht schnell genug gefunden werden. „Insgesamt wird es in Kassel immer schwieriger, geeignete Fachkräfte zu finden“, sagt de Lanier. 

„Mehr Personal als vorgeschrieben“

Das Kasseler Pflegeheim Wohnstift am Weinberg sei vor Jahren eines der besten in Kassel gewesen, sagt ein Bewohner gegenüber der HNA. Das habe sich im Laufe der vergangenen zwei Jahre geändert: Immer mehr Personal sei in der Pflege eingespart worden, lautet der Vorwurf des Bewohners: „Die Pflege, die bezahlt wird, wird nicht mehr geleistet.“

„Wenn ich meine Mutter besucht habe, habe ich manchmal niemanden gesehen“, sagt auch eine Angehörige, deren Mutter seit etwa einem Jahr in der Einrichtung lebt. Anfangs sei alles noch gut gewesen, in den vergangenen Wochen hätte sich die Situation jedoch zugespitzt. 

Dadurch seien Fehler passiert, wirft die Kasselerin der Einrichtung vor. Etwa beim Bereitstellen der Medikamente. Mehrfach. Immer wieder habe ihre Mutter darauf hinweisen müssen, dass es sich bei den gestellten Tabletten um die falschen handelte. 

„Zum Glück hatte sie das im Blick“, so die Angehörige. Eine Zeit lang habe die Tochter die Situation beobachtet, bis sie sich bei der zuständigen Betreuungs- und Pflegeaufsicht des Hessischen Amts für Versorgung und Soziales beschwert habe. „Es ist schrecklich, wenn der eigenen Mutter so etwas passiert.“ 

Heike de Lanier, Heimleitung des Wohnstifts am Weinberg, wehrt sich entschieden gegen den Vorwurf, dass Personal eingespart werde. „Dieser Vorwurf ist schlichtweg falsch. Erstens würden wir das nie machen und auch nicht machen wollen. Zweitens gibt es in Deutschland vorgeschriebene Personalschlüssel, die zwingend einzuhalten sind und laufend geprüft werden“, teilt sie in einem Schreiben auf HNA-Anfrage mit. 

Drittens sei in der Vergangenheit konstant mehr Personal eingesetzt worden, als vorgeschrieben war, und zudem eine höhere Fachkraftquote als gefordert. Zurzeit seien 26 Mitarbeiter in der Pflege eingestellt, hinzu kämen drei Alltagsbegleiter. „Wir haben 47 genehmigte vollstationäre Pflegeplätze, von denen zum Zeitpunkt der Heimaufsichtsprüfung 42 belegt waren und wir somit schon auf die enge Personaldecke reagiert hatten“, so de Lanier weiter. 

Ausschlaggebend für die festgestellten Mängel in Grund- und Behandlungspflege, in Dokumentation und Personalausstattung seien Defizite in Organisation und Führung sowie ein hoher Krankenstand gewesen, so de Lanier. „Ausschlaggebend war ein Wechsel der Pflegedienstleitung. Eine nach längerem Suchen neu eingestellte Pflegedienstleitung stellte sich als nicht kompetent heraus, musste in der Probezeit wieder gehen und wir mussten uns wieder auf die Suche machen. Daraus ergab sich eine unzureichende Anleitung und Führung der Mitarbeiter.“ 

Hinzu sei die Grippewelle gekommen, für erkrankte Fachkräfte habe man nicht schnell genug Ersatz finden können. „Dies machte sich leider auch in der Reaktionsgeschwindigkeit auf das Klingeln bei Bewohnern bemerkbar. Dass bei einer Grippewelle oder erhöhtem Krankheitsanfall die Anzahl der Pflegekräfte vorübergehend niedriger ist, lässt sich leider nicht immer vollständig verhindern, das ist auch den Aufsichtsbehörden bekannt.“ 

Der von der Betreuungs- und Pflegeaufsicht angeordnete Belegungsstopp könne aufgehoben werden, sobald das Pflegeheim Wohnstift am Weinberg die Mängel behoben hat und dies auch nachweisen kann, sagt de Lanier.

Heime werden regelmäßig kontrolliert

Alle Betreuungs- und Pflegeeinrichtungen unterliegen in Hessen der staatlichen Aufsicht. Prüfungen erfolgen wiederkehrend und auch anlassbezogen, heißt es auf der Homepage des Regierungspräsidiums Gießen. Sie können jederzeit und in der Regel unangemeldet erfolgen. Bei Mängeln gibt es die Aufforderung, diese zu beseitigen. Sofern es sich um Mängel in der Betreuung und Pflege handelt, wird diese Anordnung oftmals mit einem Belegungsstopp verbunden.

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