Bald ist Schluss mit lustig 

Ziege & Harjes: Kostümhandel in Kassel schließt im Sommer

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Alles muss raus: Dirk Vogel und seine Mitarbeiterin Astrid Bischoff müssen bis zur Ladenschließung Ende Juni noch 1000 Kostüme verkaufen.

Kassel. Eigentlich wollte Dirk Vogel schon ein paar Tage früher die Schließung seines Kostüm- und Karnevalsladens „Ziege & Harjes“ bekannt geben. Dann aber fürchtete er, die Kunden könnten es für einen Aprilscherz halten.

Nach Späßen ist dem Inhaber und seiner Mitarbeiterin Astrid Bischoff in diesen Tagen aber nicht zu Mute.

68 Jahre nach seiner Eröffnung wird das Traditionsgeschäft an der Werner-Hilpert-Straße am 30. Juni 2017 geschlossen. Die Umsätze seien in den vergangenen Jahren stetig gesunken, sagt Vogel.

Die Geschichte von „Ziege & Harjes“ begann mit einer anderen Kasseler Institution: Dem Dampfer „Elsa“. Kapitän Ernst Ziege beförderte von 1919 bis 1972 Ausflügler auf dem Schiff von Kassel bis zum Restaurant „Graue Katze“ und nach Hann. Münden. Seine Tochter Gertrud, später eine Verheiratete Harjes, half ihrem Vater auf dem Dampfer. Um auch in den Wintermonaten eine Einnahmequelle zu haben, eröffnete sie 1949 das Kostümgeschäft „Ziege & Harjes“.

Bis 1980 stand Gertrud Harjes, die 2004 gestorben ist, in ihrem Laden. Damals kaufte Dirk Vogels Vater Wolfgang den Laden. Als sein Vater 1989 nach kurzer Krankheit starb, stieg der Sohn ins Geschäft ein. Bis dahin hatte er als Elektroinstallateur bei der Firma Föbus in Kassel gearbeitet.

Seit damals sei ihm der Verkauf und Verleih von Kostümen nie langweilig geworden. „Ich habe auch selbst noch Spaß an der Verkleidung. Nur eben jetzt nicht“, sagt Vogel, der in mehreren Karnevalsvereinen aktiv ist. Die Entscheidung ist dem 48-Jährigen, der mit seiner Familie in Helsa lebt, nicht leicht gefallen. Die Gründe für die Schließung seien vielfältig: Zum einen die Konkurrenz aus dem Internet, zum anderen fänden immer weniger Feste statt. Für diese verkauft Vogel nicht nur Kostüme, sondern zündet als ausgebildeter Pyrotechniker auch Feuerwerke. Nur allein vom Geschäft in der Karnevalszeit könne ein Kostümverleih nicht leben. Zumal die Kostüme immer billiger würden – selbst Discounter hätten diese in der närrischen Zeit inzwischen im Angebot.

Anders als dort gab es bei „Ziege & Harjes“ aber immer auch fachkundige Beratung. Mitarbeiterin Astrid Bischoff (56) ist dafür bekannt, auch für den letzten Verkleidungsmuffel noch ein passendes Kostüm zu finden. Bis zum 30. Juni wird sie ihre Stärke noch oft zum Einsatz bringen. Denn noch 1000 Kostüme und hunderte Perücken und Hüte sind auf Lager, die verkauft werden müssen. Auf alle Artikel gibt es Rabatte, sagt Vogel.

Der verheiratete Vater von zwei Kindern weiß noch nicht, was er ab Sommer machen wird. Er sei noch auf Jobsuche. Viel wichtiger sei ihm aber, dass seine Angestellte Astrid Bischoff eine neue Stelle im Verkauf finde. Dann wäre beiden wieder zu Scherzen zu Mute. 

Haben Sie Fotos von sich in „Ziege & Harjes“-Kostümen? Wir wollen demnächst die schönsten als Erinnerungen veröffentlichen. Bilder per E-Mail an: kassel@hna.de

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