City-Kaufleute wollen nordhessische Tradition wiederbeleben

Zum Nikolaustag kehrt der Glowesabend nach Kassel zurück

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Alter Brauch ist fast verschwunden: Am 6. Dezember gibt es in der Innenstadt Süßigkeiten für vorweihnachtlich maskierte Kinder, die einen Glowesspruch aufsagen.

Kassel. Halloween war gestern, jetzt steht der Glowesabend bevor: In über 30 Geschäften der Kasseler Innenstadt gibt es am 6. Dezember Süßigkeiten für Kinder, die mit Wattebart, roter Mütze oder in anderer Nikolaustags-Verkleidung einen Glowesspruch aufsagen. 

Um 16 Uhr geht es los. An der Aktion parallel zum Märchen-Weihnachtsmarkt beteiligen sich laut Alexander Wild vom Vorstand der City-Kaufleute alle großen Kaufhäuser und Galerien (außer der Kurfürsten-Galerie) sowie viele weitere Innenstadtgeschäfte, die an Plakaten am Eingang erkennbar sind.

Dort können Eltern bereits am Samstag, 19. November, einen Stoffbeutel für ihre Kinder zum Transport der ergatterten Süßigkeiten abholen. Diese Beutel können dann etwa mit Stoffmalstiften oder angenähten Elementen vorweihnachtlich gestaltet werden.

Zwar werden auch Glöwesse beschenkt, die mit eigenen Taschen und Tüten in die Geschäfte kommen. Die Stoffbeutel der City-Kaufleute haben jedoch die Besonderheit, dass sie am Glowesabend zugleich als KVG-Fahrkarte dienen: Damit können jeweils ein Kind bis 12 Jahre sowie eine erwachsene Begleitperson am Nikolaustag in der Zeit von 16 bis 20 Uhr gratis mit Bussen und Bahnen fahren.

„Wir waren früher am Glowesabend immer in großer Gruppe unterwegs und hatten jede Menge Spaß“, erinnert sich Alexander Wild von den City-Kaufleuten an eigene Kindheitstage in der Region. Ob die Wiederbelebung dieser Nikolaustags-Tradition gelingt angesichts des allgegenwärtigen Kürbis- und Kunstblut-Kommerzes zu Halloween, sei aus Sicht der City-Kaufleute ein Experiment. Die Idee sei unter Einzelhandelskollegen jedenfalls auf breite Sympathie gestoßen, so dass man mit ähnlichem Wohlwollen bei Kasseler Eltern rechne.

„Wir hoffen, dass wir am Nikolaustag eine schöne vorweihnachtliche Stimmung in der City hinbekommen“, sagt Wild. Auch Sportler des KSV, der Kassel Huskies und der MT Melsungen würden sich bei der Aktion am 6. Dezember präsentieren und Süßigkeiten verteilen.

Wenn die Glöwesse ihren süßen Beutezug beendet haben, können sie sich mit ihren Eltern an der Märchenbühne am Friedrichsplatz weiter auf die nahen Festtage einstimmen: Ab 19 Uhr werden dort mit Sänger Santo Rotolo Weihnachtslieder gesungen, etwas später liest die diesjährige Symbolfigur Schneewittchen auf der Bühne ein Märchen vor.

Hintergrund: Süßes als Lohn für Kinderverse

Der Nikolausabend wird in Nordhessen als Glowesabend bezeichnet. Sobald es dunkel geworden ist, ziehen Kinder in unterschiedlichen Verkleidungen von Haus zu Haus. Die meisten Kostüme sind von Sankt Nikolaus, dem Kinder-Schutzpatron und Geschenkebringer, inspiriert.

 Wer öffnet, bekommt einen aufgesagten Spruch zu hören. Früher erklangen die Sprüche auf Platt, heute zumeist auf Hochdeutsch. Als Gegenleistung für die oft deftigen Sprüche erwarten die Glöwesse Süßigkeiten oder andere kleine Geschenke. 

Die jüngsten Glöwesse ziehen am 6. Dezember oft schon mit drei oder vier Jahren umher – wohlgemerkt in Begleitung ihrer Eltern. Das Höchstalter für Glöwesse ist nicht festgelegt. Gemeinhin endet die Tradition spätestens in dem Jahr, in dem die Kinder konfirmiert werden. 

Der Ausdruck Glowes leitet sich von Nikolaus ab. Der Begriff wird in Nordhessen nicht nur am 6. Dezember verwendet: Als „ahler Glowes“ wird ein Mensch bezeichnet, dessen Reden oder Handeln nicht ganz so ernst zu nehmen ist.

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