Zwei Syrer aus Aleppo erzählen in Kassel: Heimat ist ausgelöscht

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Halten sich über die Lage in ihrer Heimatstadt auf dem Laufenden: Omar Shikh Dbs (links) und Abdulkader Abo dan sind von Aleppo nach Kassel geflohen.

Kassel. Omar Shikh Dbs (25) und Abdulkader Abo dan (30) beobachten dieser Tage, wie Syriens Machthaber Assad die Rebellen aus der über vier Jahre umkämpften Stadt Aleppo vertreibt. „Unsere Heimatstadt ist zerstört, unsere Zivilisation vernichtet“, sagt Abo dan, der von seinen Freunden Abdul genannt wird.

Die beiden jungen Syrer konnten rechtzeitig aus dem Hexenkessel fliehen. Dennoch sind sie auch im weit entfernten Kassel täglich in Sorge um ihre Familien, die in Aleppo leben.

Die Familien der Syrer stammen aus dem bis zuletzt umkämpften Ostteil der Stadt, wurden aber inzwischen in den Westteil evakuiert. Gesehen haben die jungen Männer ihre Eltern und Geschwister seit vielen Monaten nicht mehr – nur über das labile Telefonnetz halten sie Kontakt.

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Abo dan flüchtete 2013 und bekam für ein Master-Studium an der Uni Kassel ein Visum. Zuvor hatte er mit seiner Familie im Stadtbezirk Sayf al-Dawla gelebt, den die Rebellen früh kontrollierten. Entsprechend verheerend seien Assads Angriffe ausgefallen. Wie Abo dans Elternhaus wurde auch das von Shikh Dbs zerstört. Der 25-Jährige kam erst 2015 nach Kassel. Er war beim syrischen Militär und fühlte sich vor die Wahl gestellt: „Entweder fliehe oder sterbe ich. Ich wollte keine Menschen töten“, sagt er. Seine Mutter wurde bei einem Bombenangriff verletzt, aber ihr geht es wieder gut.

Auf Assad sind die jungen Syrer nicht gut zu sprechen: „Er ist ein Verbrecher“. Ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung habe er Aleppo bombardieren lassen – alle Krankenhäuser seien zerstört worden. Ungeachtet internationaler Verbote habe er Chemiewaffen eingesetzt. Nach seinem Sieg in Aleppo würden die Familien, die der Opposition anhingen, gezwungen, ihre Häuser zu verlassen.

„Die Revolution hat friedlich begonnen. Wir wollten in Freiheit leben“, sagt Abo dan. Mit Assad sehen die beiden Syrer keine Zukunft für ihr Land und auch keinen Frieden. Der syrische Präsident habe jahrelang einen korrupten Machtapparat geführt, ließ politische Gegner ausschalten.

„Der Kampf um Aleppo ist vorbei, aber Ähnliches könnte nun in vielen weiteren Städten drohen, die noch von den Rebellen gehalten werden“, sagt Abo dan. Es sei enttäuschend, dass Vertreter von UN und EU die Situation in Syrien regelmäßig als „besorgniserregend“ beschreiben würden, aber nicht genug Druck ausüben, um etwas zu ändern.

Dennoch wollen Abo dan und Shikh Dbs die Hoffnung nicht aufgeben, dass der Bürgerkrieg irgendwann ein Ende hat, ihr Land wieder aufgebaut wird und die Bevölkerung friedlich zusammenlebt. „Letztlich sind wir doch alle Menschen“, sagt Shikh Dbs. Die Entwicklung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg habe gezeigt, dass ein Neuanfang möglich ist, ergänzt Abo dan. Dafür sei aber die Unterstützung der Weltgemeinschaft nötig.

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