Worüber haben die Menschen gestern gesprochen? Wir haben zugehört

Mode, Wetter, Rücktritt

Der Rücktritt im Fernsehen und kaum einer guckt zu: Zu Fußball-Länderspielen drängeln sich dagegen die Massen vor den Bildschirmen im Media-Markt. Fotos: Fischer

Kassel. In der Fernsehabteilung des Media-Marktes flimmern schöne blaue Bilder über die Bildschirme: Flipper unter Wasser. Wenig weiter ist einer zu sehen, der ebenfalls gestern abgetaucht ist: Ex-Bundespräsident Christian Wulff.

Doch ein wirkliches Gesprächsthema war der Rücktritt des Bundespräsidenten gestern im Einkaufszentrum Dez nicht – den meisten Menschen ging es eher um die praktischen Dinge des Lebens wie einen neuen Fernseher oder eine Waschmaschine. Vor der Wand, auf der die Fernseher präsentiert wurden und Wulff zigfach zu sehen war, bildeten sich jedenfalls keine Menschentrauben. Wenn Fußball übertragen wird, sieht das anders aus.

Doch kurz nach dem Rücktritt kein Wort über Wulff? Kein Meckern über die Unzulänglichkeiten der Politiker? Kein Diskurs über Moral? Draußen, am Springbrunnen, endlich ein politisch interessierter Mann. „Wulff ist zurückgetreten“, sagt er zu der Frau an seiner Seite. „Der arme Kerl.“ In seinen Augen funkelt Spott – doch seine Begleiterin ist eher am Schaufenster des Modeladens gegenüber interessiert. Wieder nichts mit Wulff.

Auf dem Weg zum Metzger

Doch wenig weiter neue Hoffnung: Drei Herren fortgeschrittenen Alters flanieren durchs Dez. Ihr Begehren: eine leckere Kochwurst. Bevor man beim Metzger angelangt ist, bleibt reichlich Zeit, um die aktuelle politische Lage zu erörtern.

„Haste schon gehört, es ist ein Job frei“, beginnt einer die Diskussion über Verfehlungen eines Staatsoberhauptes. Doch sein Kollege hat keinen Schimmer, worum es geht: „Wo denn?“ „Der Bundespräsident“, wirft der Erste locker in die Runde. Räuspert sich da einer und verkündet so seinen Unmut? Oder ist es doch nur der knurrende Magen? „Ist der denn nun zurückgetreten?“, will der dritte Mann wissen. „Ja.“ „Um elf wollte der doch eine Rede halten.“ „Hat er.“ „War wohl die letzte.“

Nächster Versuch: Wenn ernsthafte Gespräche mit Tiefgang und voller Vertrauen geführt werden, dann wohl beim Friseur. Also auf zum Salon von Christa Gruber. Dort arbeiten, als wir am Nachmittag fragen, genau zwölf Friseurinnen seit fünf Stunden an den Haarschöpfen ungezählter Kunden. Und, hat man sich hier die Köpfe heiß geredet über Christian Wulff? War wenigstens seine Gattin Bettina ein Thema?

Mitnichten. Von den zwölf Mitarbeiterinnen führte einzig und allein Aylin Sahin ansatzweise ein politisches Gespräch. „Wissen Sie, was um 11 Uhr heute passiert?“, hatte ein männlicher Kunde die Friseurin gefragt und gleich selbst die Antwort gegeben: „Der Wulff räumt seinen Platz.“ Auf den anderen Stühlen im Salon wurde unterdessen über die wirklich wichtigen Themen gesprochen: Wetter und Mode. Offenbar gibt es für viele Menschen Wichtigeres als Wulffs Rücktritt.

Von Frank Thonicke

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