Verwirrung um Booster-Impfungen

Pharmazeut aus Kassel: Moderna ist absolut gleichwertig

Pharmazeut Michael Höckel aus dem Klinikum kennt sich mit Corona-Impfstoffen aus.
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Pharmazeut Michael Höckel aus dem Klinikum kennt sich mit Corona-Impfstoffen aus.

Im Kampf gegen Corona setzt die Politik derzeit vor allem auf Auffrischimpfungen. Das Boostern sorgt aber auch für Verwirrung. Ein Pharmazeut aus Kassel klärt auf.

In diesen Tagen mit steigenden Corona-Infektionen sorgt das Thema Impfen abermals für Verwirrung. Vor allem hinsichtlich des Boosterns, also der Auffrischimpfungen, erreichen unsere Redaktion zahlreiche Fragen. Darüber sprachen wir mir dem Pharmazeuten Michael Höckel, der im Klinikum in Kassel den Zentralbereich Apotheke der GNH verantwortet. Höckel gehört im Klinikum der Task Force Impfen an.

Herr Höckel, sind Sie schon geboostert?
Das bin ich. Bei der Erst- und Zweitimpfung habe ich den Wirkstoff von Biontech erhalten, beim dritten Mal auch.
Hätten Sie auch ein anderes Vakzin genommen?
Selbstverständlich. Für die dritte Impfung kommt ohnehin nur ein mRNA-Impfstoff infrage – also Biontech oder Moderna. Wenn es für mich infrage gekommen wäre, hätte ich mich beim ersten und zweiten Mal auch mit einem Vektorimpfstoff immunisieren lassen, etwa Astrazeneca.
Apropos: Astrazeneca wollte irgendwann niemand mehr haben. Aktuell scheint eine Skepsis gegenüber Moderna zu wachsen. Können Sie die Ablehnung verstehen?
Das kann ich nicht. Moderna ist absolut gleichwertig im Vergleich mit Biontech. Es gibt nur eine Einschränkung: Menschen, die jünger als 30 Jahre sind, sollten möglichst mit Biontech geimpft werden, alle über 30 brauchen keine Bedenken zu haben, wenn sie Moderna erhalten. So ist es geprüft und von der Stiko empfohlen. Bei unter 30-Jährigen sind geringfügig Herzmuskelentzündungen nach einer Moderna-Impfung aufgetreten. Aber der Anteil ist verschwindend gering.
Aber wie ist es zu erklären, dass sich der Ruf eines Impfstoffs schlagartig verschlechtert?
Für eine erfolgreiche Impfkampagne ist das denkbar schlecht. Wir dürfen uns nicht verwirren lassen durch Schlagzeilen und durch gewisse Gruppen, die in den sozialen Medien Stimmung machen gegen das Impfen. Nehmen Sie das erwähnte Beispiel Herzmuskelentzündung. Diese Nebenwirkung betrifft eine bestimmte Altersgruppe und auch dort tritt sie nur ganz selten auf. Trotzdem wächst die Sorge, dass es mich auch treffen könnte. Meine Empfehlung: Erst einmal den Arzt oder Apotheker fragen.
Fehlt uns das Vertrauen?
Die Politik hat die Rahmenbedingungen für diese Kampagne geschaffen, und das hat sie gut gemacht. Die Umsetzung muss aber noch mehr in der Verantwortung der medizinischen Experten liegen. Es gibt genügend Gründe, in unser Gesundheitssystem zu vertrauen. Unruhe entsteht, wenn unterschiedliche Meldungen grassieren und die auch noch aus nicht offiziellen Quellen stammen. Zu kritisieren ist, dass der Kampagne, gerade in Sachen Aufklärung, Struktur und Ruhe gefehlt haben. Es gibt renommierte Institutionen, die die Risiken einschätzen und Empfehlungen aussprechen. Auf diese Quellen sollten wir hören, anstatt uns von einer Flut an Informationen verunsichern zu lassen.
Mitunter ist diese Verunsicherung aber auch hausgemacht, wenn hier nach sechs und dort bereits nach fünf Monaten die Auffrischimpfung angeboten wird, finden Sie nicht?
Aber auch in dieser Hinsicht spricht die Stiko klare Empfehlungen aus: Eine Booster-Impfung sechs Monate nach der Grundimmunisierung reicht vollkommen aus.
Bringt es mir also nichts, wenn ich mich vorzeitig boostern lasse?
Eine Ausnahme bilden jene, die gesundheitlich gefährdet sind, und jene, die viel Kontakt mit vulnerablen Menschen haben. Ansonsten ist es für die Gesellschaft wichtig, dass sich an die gesetzte Frist gehalten wird. Nicht zuletzt mit Blick auf die zur Verfügung stehenden Impfstoffe.
In dieser Hinsicht herrscht ebenfalls Verunsicherung: Welcher Impfstoff ist beim Boostern der richtige?
Ich hatte es eingangs erwähnt: Für die Auffrischimpfung gibt es einen mRNA-Impfstoff, egal wie Erst- und Zweitimpfung aussahen. Wer vorher Moderna hatte, bekommt wieder Moderna. Wer Biontech hatte, bekommt wieder Biontech. Gibt es Lieferengpässe, wird eben der andere Wirkstoff verwendet – und das ist kein Grund zur Sorge. Einzige Ausnahme: Wer unter 30 ist, erhält nach aktueller Stiko-Empfehlung ausschließlich den Wirkstoff von Biontech. Bei allen anderen ist es egal.
Laut Statistiken lässt der Schutz nach einer Doppel-Impfung mit Astrazeneca schneller nach.
Aber auch hier empfiehlt die Stiko: Booster-Impfung erst nach sechs Monaten. Niemand muss in Panik geraten.
Besteht aktuell die Gefahr, dass vor lauter Boostern die Ungeimpften vom Radar verschwinden?
Tatsächlich kommen mir die Erst-Impflinge etwas zu kurz. Wir müssen die erreichen, die noch immer zögern.
Eine Impfpflicht?
Wir müssen appellieren und motivieren. Beim Thema Impfpflicht gehen viele auf die Barrikaden, fühlen sich bestätigt in ihrer Abwehrhaltung. Nein. Es muss verdeutlicht werden, dass ich mich und andere schütze, dass ich schwere Verläufe und den Tod verhindere. Wir müssen das Vertrauen in unser Gesundheitssystem stärken. Und wir müssen immer wieder klarmachen: Der Nutzen einer Impfung überwiegt um ein Vielfaches mögliche Nebenwirkungen. (Robin Lipke)

Zur Person

Michael Höckel (59) ist Leiter des Zentralbereichs Apotheke der Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) im Klinikum Kassel. Er ist in Witzenhausen geboren und in Rommerode im Werra-Meißner-Kreis aufgewachsen. Nach Ausbildungen zum Polizeibeamten des Bundes und zum Krankenpfleger studierte er in Marburg Pharmazie. Seit 2013 arbeitet er am Klinikum. Höckel ist verheiratet und Vater einer Tochter.

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