Stephanie Zehnle forscht zu ungeklärter Gewalt-Serie im Afrika der Kolonialzeit

Mörder im Leopardenpelz

Der Leopardenmann beflügelte die Fantasie der Kolonialherren: Diese Skulptur von Paul Wissaert aus dem Jahr 1913 ist im Königlichen Museum für Zentralafrika in Tervuren, Belgien, ausgestellt. Foto: Royal Museum for Central Africa/nh

Kassel. Leoparden als Massenmörder? Einer mysteriösen Mordserie in Afrika zur Zeit der Kolonialherrschaft ist die Kasseler Doktorandin Stephanie Zehnle auf der Spur. Zwischen 1880 und 1960 kam es zu mehreren Tausend Morden in verschiedenen Ländern Afrikas. Eines hatten sie gemeinsam: Die Opfer waren immer so zugerichtet, als hätte sie ein Tier getötet.

In Sierra Leone und Liberia, mit denen sich die 25-jährige Geschichtswissenschaftlerin genauer beschäftigt, waren die Ermordeten stark zerkratzt. In der Nähe des Tatorts wurden Leopardenfellbüschel und Tatzenabdrücke gefunden. In anderen Regionen wurden Krokodile oder Löwen mit den Morden in Verbindung gebracht. Auch Organe fehlten den Opfern häufig. Das deute darauf hin, dass doch Menschen hinter den Tötungen standen, weiß Stephanie Zehnle. Denn so akkurat hätte kein Leopard Organe entfernen können.

Geheimgesellschaften

Die kolonialen Ermittler damals waren verwirrt, die Aussagen von Zeugen merkwürdig, berichtet die Kasseler Doktorandin. Die Rede war von Leoparden, die von Menschen gesteuert seien, von Leopardenmännern, die sich für die Tat in ein Tier verwandeln. Hintergrund waren sogenannte Leopardenvereinigungen, die vermutlich auf frühere Jägergemeinschaften zurückgingen, erklärt Zehnle.

Stephanie Zehnle

Ihre Vermutung ist, dass diese bis heute geheimnisumwobenen Gesellschaften gerichtliche und polizeiliche Funktionen übernahmen und innergemeinschaftliche Urteile vollstreckten. Das mussten sie aber verschleiern, weil die Kolonialherrschaft diese Aufgaben für sich beanspruchte. Mordopfer waren häufig Frauen, sagt Zehnle. Dabei ging es meist darum, dass ein Brautpreis gezahlt worden war, die Ehe aber nicht zustande kam und das Brautgeld nicht zurückgezahlt wurde. Kolonialbeamte blieben verschont. Die Leopardenmänner – in anderen Regionen waren es Krokodils- oder Löwenmänner – sorgten dennoch für Angst bei den Kolonialherren, weiß die Forscherin: „Sie befürchteten, dass dahinter eine antikoloniale Guerillabewegung steht.“ Auch in Europa sorgten die mysteriösen Morde für Aufsehen – das Thema fand unter anderem Einzug in einen Tim-und-Struppi-Comic und die Tarzan-Geschichten.

Die Mörder werde sie natürlich nicht mehr ermitteln können, sagt die Doktorandin, die ihr Thema kürzlich auf kurzweilige Art beim Science Slam der Uni präsentierte. Sie interessiert sich vielmehr dafür, wo und nach welchen Vorstellungen die Trennlinie zwischen Mensch und Tier seinerzeit gezogen wurde.

Und was das Aufeinandertreffen des traditionellen afrikanischen und des westlich-kolonialen Normsystems für Folgen hatte. Das wird sie in den nächsten drei Jahren als Teil eines größeren Projektes der Forschergruppe „Gewaltgemeinschaften“ untersuchen, deren Leiter an der Uni Kassel Prof. Winfried Speitkamp (Neuere und Neueste Geschichte) ist. Foto: Rudolph

Von Katja Rudolph

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