Richter: „Nur die Spitze des Eisbergs“

71-Jähriger muss wegen Missbrauchs 20 Monate in Haft

Kassel. Drei Fälle von sexuellem Missbrauch waren dem 71-jährigen Angeklagten vorgeworfen worden, am Ende wurde er lediglich wegen eines Falles verurteilt. Eine Freiheitsstrafe von 20 Monaten kassierte er dafür am Freitag vor dem Amtsgericht.

Am Ende eines langwierigen Prozesses, der bereits im Januar begonnen hatte, sah es das Gericht als erwiesen an, dass der Rentner seine Stief-Enkelin in einem Fall missbraucht hat. In den beiden übrigen Fällen wurde er freigesprochen.

Auch in dem, den der Angeklagte gestanden hatte: Regelrecht gebrüstet hatte er sich damit, dass er mit seiner Stief-Enkelin im Alter von 15 Jahren Sex gehabt habe. Sie habe dafür, so seine Behauptung, 50 Euro bekommen. Die Stief-Enkelin, heute eine junge Frau, bestreitet hingegen, dass es zum Geschlechtsverkehr kam und dass sie Geld erhalten hat. Das Gericht sprach den Angeklagten in diesem Fall frei, weil es keine Anhaltspunkte dafür hatte, dass Zwang ausgeübt wurde und weil die Stief-Enkelin zu dem Zeitpunkt kein Kind mehr war.

Den Missbrauch, den das Gericht für erwiesen hält, schilderte die junge Frau, die als Nebenklägerin auftrat. Demnach hat sie der 71-Jährige, als sie im Alter zwischen sechs bis acht Jahren bei ihm und seiner Frau übernachtete, im Genitalbereich unsittlich berührt. Zu einem zweiten Vorwurf, bei dem es ebenfalls beim Berühren geblieben sein soll, konnte die junge Frau jedoch keine konkreten Angaben machen. Da der Angeklagte diesen Vorwurf bestritt, wurde er auch in diesem Fall freigesprochen. Eine Verurteilung sei mit Blick auf die dünne Beweislage mit rechtsstaatlichen Grundsätzen nicht vereinbar, so Richter Winter.

Er war freilich überzeugt davon, dass die beiden Vorfälle, für die es am Freitag einen Freispruch gab, stattgefunden haben, doch es habe eben zu wenig konkrete Beweise dafür gegeben. Winter war sich zudem sicher, dass die drei Vorfälle, um die es jetzt vor Gericht ging, nur „die Spitze des Eisbergs“ waren und es weitere Missbrauchstaten gegeben haben muss.

Staatsanwalt Joachim Schnitzerling hatte eine Bewährungsstrafe sowie eine Geldzahlung an das Opfer verlangt, Verteidiger Markus Sittig hatte auf Freispruch in allen drei Fällen plädiert. Richter Winter sah mit Blick auf die Folgen für die junge Frau, die heute noch unter dem schon vor Jahren erlebten Missbrauch leidet, keine Chance für eine Bewährungsstrafe. Trotz des hohen Alters des Angeklagten wollte das Gericht ihm keine besondere Haftempfindlichkeit zubilligen, schließlich habe er auch im Alter - wie sein Vorstrafenregister ausweist - diverse weitere Taten begangen. Es gebe deshalb keine besonderen Umstände, die eine Bewährung rechtfertigen würden.

Von Ralf Pasch

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.