Die Familie sieht H. als Mittäter

Plädoyers im Lübcke-Prozess: Familie fordert lebenslang für Stephan Ernst und Markus H.

Jan-Hendrik Lübcke (von links), Irmgard Braun-Lübcke, Rechtsanwalt Holger Matt und Christoph Lübcke
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Nebenkläger: Jan-Hendrik Lübcke (von links), Irmgard Braun-Lübcke, Rechtsanwalt Holger Matt und Christoph Lübcke.

Im Prozess um den Mord an Walter Lübcke hat der Anwalt der Opferfamilie, Holger Matt, gefordert, Stephan Ernst und Markus H. zu lebenslangen Freiheitsstrafen zu verurteilen.

Frankfurt – Rechtsanwalt Holger Matt ist in diesem Verfahren vor dem Oberlandesgericht Frankfurt bisher vor allem durch seine stets ruhige und sehr korrekte Art aufgefallen. An diesem Tag aber legt er all seine Zurückhaltung ab, als er seinen Schlussvortrag hält. Mal hebt er seine Stimme, mal senkt er sie. Mal dreht er sich zum Oberstaatsanwalt, mal zeigt er auf den Mitangeklagten Markus H. Fast immer unterstreicht er seine Worte mit Gesten. Nicht selten drückt er seinen Zeigefinger auf sein Rednerpult, um dem Argument Stärke zu verleihen.

Matt, der Professor aus Frankfurt, vertritt die Familie des Opfers Walter Lübcke, die mit ihrer Präsenz in diesem Prozess die Werte Walter Lübckes weiter vertreten und insofern auch ein Zeichen gegen Hass und Hetze setzen will. Das klingt immer wieder bei Matts fast vierstündigem Plädoyer an. Vor allem aber möchte Matt beweisen, dass der Mitangeklagte Markus H. als Mittäter an diesem Mord einzustufen ist. Er soll demnach am Abend des 1. Juni 2019 mit in Wolfhagen-Istha gewesen sein, als Lübcke auf seiner Terrasse erschossen worden ist.

Mord an Walter Lübcke: Staatsanwaltschaft bezweifelt Mittäterschaft von H.

Oberstaatsanwalt Dieter Killmer hatte das in seinem Schlussvortrag kurz vor Weihnachten anders gesehen und für Beihilfe am Mord eine Freiheitsstrafe für H. von neun Jahren und acht Monaten gefordert. Der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts hat sogar solch eine Beihilfe bezweifelt, als er am 1. Oktober veranlasste, Markus H. aus der Untersuchungshaft zu entlassen.

Für Matt und die Familie Lübcke gibt es aber eine Reihe von Indizien, die auf eine Mittäterschaft schließen lassen. Deswegen verlangen sie für H. ebenso eine lebenslange Freiheitsstrafe wie für den Hauptangeklagten Stephan Ernst, der mittlerweile mehrfach gestanden hat, Lübcke getötet zu haben.

Auf Ernsts Geständnis während der Hauptverhandlung bezieht sich Matt auch in erster Linie, wenn er auf die Rolle H.s eingeht. Nach widersprüchlichen Aussagen zuvor präsentierte Ernst hier eine dritte Tatversion: Er selbst hat demnach geschossen – und H. war mit dabei. Für Matt und die Familie Lübcke erscheint das glaubhaft. Am Ende seines Vortrags erörtert Matt 30 Punkte, die dafür sprechen. Alles Indizien, die nach Ansicht der Nebenkläger in der Summe aber für eine Mittäterschaft sprechen.

Mord an Walter Lübcke: Lob und Kritik für die Richter

Viele dieser Indizien sind der Aussage Ernsts während der Hauptverhandlung entnommen: etwa der Hinweis auf das Treffen mit H. am 4. Mai 2019, als beide die Tat geplant haben sollen. Oder die Darstellung der Tat an sich auf der Terrasse der Lübckes. Immer wieder betont Matt, dass sich mancher Aspekt erst nach dem 1. Oktober ergeben hat – also nach jenem Tag, als H. wieder ein freier Mann wurde. So soll deutlich werden, dass auch das Gericht die Situation neu zu bewerten hat.

Auf die Rolle des Gerichts geht Matt immer wieder ein. Zu Beginn lobt er die fünf Richter für die Art und Weise, wie sie das Verfahren seiner Meinung nach angegangen sind und wie einfühlsam sie die Zeugen befragt haben. Dann aber übt er auch Kritik, als er auf die Entscheidung vom 1. Oktober eingeht. In dem Beschluss hatte der Staatsschutzsenat die Untersuchungshaft für Markus H. auch deswegen beendet, weil sie den Aussagen Ernsts während der Hauptverhandlung kaum Glauben schenkte.

Matt aber versteht gerade das nicht. Es sei ja das Verdienst des Gerichts gewesen, Ernst immer mehr zum Sprechen zu bringen. Warum sollte daraus dann geschlussfolgert werden, dass Ernst nach all dem Aussagewirrwarr im Vorfeld des Prozesses ausgerechnet in all seinen Antworten während der Hauptverhandlung die Unwahrheit sagt?

Mord an Walter Lübcke: Letzte Sekunden vor dem Schuss unklar

Das ist aber nicht die einzige Kritik am Gericht, das wird am Ende noch einmal deutlich. Da geht Matt erneut auf die kurz vor Weihnachten geäußerte Forderung der Nebenklage ein, die sich mit der Spurensuche und der Position des Schützen am Tatort befasst.

Der Rechtsanwalt und die Familie Lübcke sahen da noch Aufklärungsbedarf, sie verlangten weitere Ermittlungen. Das Gericht aber lehnte ab – zum Unverständnis der Familie, die gerade ein Punkt umtreibt: Wie sind die letzten Sekunden im Leben von Walter Lübcke abgelaufen?

So bleibt die auf Ernsts Aussage und Indizien gestützte These von H. als Mittäter. Matt und die Familie Lübcke sind sich sicher: Walter Lübcke blickte zu H., als Ernst schoss. Nach den Plädoyers der Verteidigung will das Gericht am 26. Januar das Urteil verkünden. (Florian Hagemann)

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