Lübcke-Prozess

Zeuge mit heftigen Vorwürfen: Hätte die Polizei besser gearbeitet „wäre Walter Lübcke vielleicht noch am Leben“

Ahmed I.
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Ahmed I. ist Nebenkläger im Lübcke-Prozess: Er hat vor Gericht schwere Vorwürfe gegen die Polizei erhoben.

Ein Zeuge und mutmaßliches Opfer von Stephan Ernst übt im Prozess heftige Kritik an der Arbeit der Polizei - er ist überzeugt: Walter Lübcke könnte noch leben.

  • Lübcke-Prozess: Nebenkläger Ahmed I. erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei.
  • Der mutmaßliche Lübcke-Mörder Stephan Ernst soll ihn 2016 angegriffen haben.
  • Ahmed I.: Die Polizei hat damals nicht richtig ermittelt.

Kassel/Frankfurt - Die Polizei Kassel will die schweren Vorwürfe, die der irakische Flüchtling Ahmed I. gegen sie erhoben hat, nicht kommentieren. Der 27-Jährige war im Januar 2016 in Lohfelden niedergestochen worden und hatte nach seiner Vernehmung im Prozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke den Ermittlern vorgehalten, sie seien Spuren nicht nachgegangen, die von Anfang an für einen rechten Täter gesprochen hätten.

Erst nach dem Tod des Politikers hatte die Polizei bei dem mutmaßlichen Mörder Stephan Ernst ein Messer sichergestellt, an dem sich DNA-Spuren von I. fanden. Am Oberlandesgericht Frankfurt muss sich der Rechtsextremist auch wegen des Angriffs auf den Iraker verantworten. Deshalb will die Polizei die Vorwürfe nicht kommentieren. „Wir dürfen ein laufendes Gerichtsverfahren nicht beeinflussen“, sagt Sprecher Matthias Mänz.

Tatort Industriegebiet: Im Januar 2016 wurde Ahmed I. auf der Crumbacher Straße in Lohfelden angegriffen. Für die Tat soll der mutmaßliche Lübcke-Mörder Stephan Ernst verantwortlich sein.

Zeuge im Lübcke-Prozess: „Sie wollten mir nicht glauben, dass ich von einem Nazi angegriffen wurde“

Auf einer Pressekonferenz hatte I. geklagt: „Sie wollten mir nicht glauben, dass ich von einem Nazi angegriffen wurde. Ich habe mich gefühlt, als sei ich der Täter und nicht das Opfer.“ Hätten die Polizisten besser gearbeitet, „wäre Walter Lübcke vielleicht noch am Leben“.

Bei seiner Vernehmung im Gericht hatte der 27-Jährige die Stimmung damals beschrieben. Nach der Silvesternacht von Köln, in der es in der Domstadt zu Übergriffen von jungen Männern mit Migrationshintergrund auf Frauen gekommen war, seien er und die anderen Flüchtlinge in der Unterkunft vor möglichen Attacken von Rechtsradikalen gewarnt worden, die damals mobil machten. „Passt auf euch auf“, hieß es.

Umgang mit Opfer von Stephan Ernst: „Beispiel für das Versagen der Gesellschaft im Umgang mit rechter Gewalt“

Wie es nach der Tat in Lohfelden für I. weiterging, ist für Anna Brüggemann ein „Beispiel für das Versagen der Gesellschaft im Umgang mit rechter Gewalt“. Die Mitarbeiterin der Kasseler Beratungsstelle Response für Opfer von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt betreut den Iraker seit vier Jahren: „Es ist oft so, dass Taten und Drohungen nicht ernst genommen und Opfer nicht geschützt werden.“ Dreieinhalb Jahre musste I. mit dem Mann, der ihn mutmaßlich töten wollte, in einer Stadt leben.

Er ist nicht nur von der Polizei enttäuscht. „Ich hätte mir gewünscht, dass ein Politiker vorbeikommt, denn auf die hören die Menschen“, sagt der aus Mossul stammende Musiker. Der Linken-Landtagsabgeordnete Hermann Schaus solidarisierte sich nach der Aussage von I. mit dem Opfer und anderen Betroffenen rassistischer Gewalt. Die Ermittlungen seien nur halbherzig erfolgt. Dies soll auch Thema im Lübcke-Untersuchungsausschuss des Landtags werden. (Matthias Lohr)

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