Mord an Kasseler Regierungspräsidenten

Lübcke-Prozess: Ex-Anwalt als Zeuge - Darum vertrat er Stephan Ernst

Nach dem zweiten Geständnis von Stephan Ernst: Frank Hannig bei einer von ihm einberufenen Pressekonferenz im Januar im Kasseler Hotel Reiss.
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Nach dem zweiten Geständnis von Stephan Ernst: Frank Hannig bei einer von ihm einberufenen Pressekonferenz im Januar im Hotel Reiss in Kassel.

Im Prozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke stand nun Frank Hannig im Fokus. Er verteidigte einst den Hauptangeklagten, nun war er als Zeuge geladen.

Frankfurt – Als Frank Hannig den Saal des Oberlandesgerichts Frankfurt betritt, scheint er bemüht, nicht dorthin zu schauen, wo er selbst oft gesessen hat. In den ersten fünf Wochen des Prozesses um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke hatte der Rechtsanwalt während der Verhandlungstage stets als Verteidiger neben dem mutmaßlichen Täter Stephan Ernst Platz genommen. Nun taucht Hannig als Zeuge auf. Er kommt nicht allein. An seiner Seite: ein Rechtsbeistand. Als beide Platz nehmen, ist es 10.20 Uhr.

Hannig ist als Ernsts Verteidiger längst entlassen, weil das Vertrauensverhältnis zwischen ihm und seinem früheren Mandanten zerrüttet war. Als Begründung hatte der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel Ende Juli angeführt, Hannig habe Beweisanträge ohne Absprache mit Ernst gestellt – Beweisanträge, die Ernst möglicherweise hätten schaden können.

Seitdem hat Hannig nicht mehr aktiv an diesem Verfahren teilgenommen – und doch ist er immer wieder Thema gewesen, weil er Ernst zu falschen Angaben bei dessen zweitem Geständnis geraten haben soll. So stellte es Ernst im Fortgang des Prozesses selbst dar.

Ernsts jetziger Verteidiger Mustafa Kaplan und der Kasseler Anwalt Bernd Pfläging, der Ernst am Anfang ebenfalls für einige Zeit vertrat, untermauerten jeweils als Zeuge die Vorwürfe gegen Hannig. Pfläging erzählte dabei auch, dass Hannig ihm gegenüber gesagt habe, „die Strafverteidigung in Deutschland auf neue Beine zu stellen“. Er habe gar einen Knaller angekündigt.

Jetzt also soll dieser Mann als Zeuge dazu gehört werden. Das Interesse ist groß, die Pressetribüne gut gefüllt, der Zuschauerbereich auch. Der Auftritt wird – wie es immer heißt – mit Spannung erwartet. Anwalt Hannig – grauer Anzug, weißes Hemd – wird zu seinen Rechten und Pflichten belehrt, er macht dann Angaben zur Person: 50 Jahre alt, verheiratet, wohnhaft in Dresden. Doch dann?

Als Ernsts Verteidiger hatte Hannig stets viel zu sagen – mitunter in eigenen Videobotschaften und während einer Pressekonferenz nach Ernsts zweitem Geständnis im Januar. Aber nun redet erst einmal Hannigs Anwalt: Professor Dr. Alfred Dierlamm aus Wiesbaden. Er hat eine zweiseitige Erklärung vorbereitet, warum Hannig nicht sprechen wird – und beruft sich dabei auf Paragraf 55 der Strafprozessordnung. Demnach kann jeder Zeuge die Auskunft auf solche Fragen verweigern, deren Beantwortung ihn selbst in Gefahr bringen kann, wegen einer Straftat oder einer Ordnungswidrigkeit verfolgt zu werden.

Nur: Ist das der Fall bei Hannig, der heute dem Gericht erzählen soll, wie er überhaupt an das Mandat gekommen ist und was er schließlich mit Stephan Ernst und dessen anderen Anwälten besprochen hat? Im Raum könnte etwa eine Anstiftung zur falschen Verdächtigung stehen. Nach kurzer Pause entscheidet das Gericht: Hannig hat ein entsprechendes Auskunftsverweigerungsrecht – zumindest in Bezug auf das, was er mit Ernst und den anderen Anwälten besprochen hat. Er muss also nicht dazu Stellung nehmen, ob er Ernst geraten hat, den Mitangeklagten Markus H. als Haupttäter zu benennen.

Ein bisschen Auskunft soll Hannig dann aber doch geben. Wie kam es eigentlich dazu, dass er Stephan Ernst vertreten hat? Hannig hat darauf eine Antwort, die er vorträgt, als habe er sie schon so manches Mal vor sich hingesprochen: Ein Justizvollzugsbeamter aus Kassel habe ihn angerufen und gesagt, Herr Ernst bräuchte dringend einen Anwalt – so einen wie ihn. Er habe zuvor ein Mandat für einen anderen Justizvollzugsbeamten ausgeübt, daher sei er in diesen Kreisen bekannt gewesen. Er habe sich zunächst gefragt, ob die Verteidigung Ernsts zum Image seiner Kanzlei passe. Dann habe er Ernst einen Brief geschrieben und sich vorgestellt. Es sei zu einem Treffen und zu einem Anbahnungsgespräch gekommen. Schließlich habe er das Mandat übernommen.

Kurze Nachfrage des Vorsitzenden Richters, ob er den Namen des Justizvollzugsbeamten noch parat habe. Nein, keine Erinnerung. „Ich kannte ihn nicht.“

Um 10.47 Uhr wird Hannig ein zweites Mal während dieses Prozesses entlassen – diesmal als Zeuge. Unvereidigt. Sein Auftritt hat gerade mal 27 Minuten gedauert – inklusive Pause. Als er den Saal verlässt, sagt er leise: „Auf Wiedersehen.“ (Florian Hagemann)

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