Helmut Wetzel, Chef des K 11, geht in den Ruhestand

Mordermittler aus Kassel: "Jedem Menschen ist alles zuzutrauen"

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Im Aktenlager des Kommissariats 11: Der Erste Kriminalhauptkommissar Helmut Wetzel, Chef des Kommissariats 11, geht heute in den Ruhestand.

Kassel. 17 Jahre arbeitete Helmut Wetzel bei der Schutzpolizei, bevor er 1991 zur Kriminalpolizei wechselte. Jetzt geht er in den Ruhestand. Wir haben mit ihm über die Arbeit als Mordermittler und besondere Fälle gesprochen.

Bei der Kriminalpolizei war Wetzel unter anderem beim Kriminaldauerdienst und beim Diebstahlkommissariat eingesetzt, ab 1997 dann beim K11, das für die Aufklärung von Kapitalverbrechen zuständig ist. 

20 Jahre lang hat der Erste Kriminalhauptkommissar mit kleinen Unterbrechungen beim K 11 im Polizeipräsidium Nordhessen gearbeitet, die letzten fünf Jahre als dessen Chef. Heute hat der 60-jährige Ermittler seinen letzten Arbeitstag, bevor er in den Ruhestand geht. 

Herr Wetzel, Sie haben in vielen Bereichen der Polizei gearbeitet. Welche Aufgabe hat Ihnen am besten gefallen?

Helmut Wetzel: Ganz klar die beim K 11. Ich hatte großes Glück, dass ich in dieser Dienststelle arbeiten konnte. Meiner Ansicht nach werden hier die interessantesten Ermittlungen geführt. In allen Kommissariaten, außer bei der Sitte und im K 11, geht es doch am Ende immer nur um Geld. Ob nun bei der Organisierten Kriminalität oder Rauschgift, beim Diebstahl oder Betrug.

Im K 11 spielt das Motiv eine große Rolle?

Wetzel: Im K 11 ermitteln wir nicht nur den Täter, sondern es geht auch um das Warum, um das Menschliche und Abgründige. Bei uns spielt das Motiv eine große Rolle. Was steckt hinter der Tat? Warum steckt zum Beispiel jemand Autos oder ein Haus an. Was muss passieren, dass ein Mensch einen anderen tötet? Wichtig für die Klärung der Tat, aber auch für das spätere Urteil vor Gericht, die Beurteilung der Schuld und die Strafzumessung.

Hat sich durch die Arbeit Ihr Menschenbild verändert?

Wetzel: Man legt im Laufe der Jahre eine gewisse Naivität ab. Im K 11 lernt man, dass grundsätzlich jedem Menschen alles zuzutrauen ist und es nur eine Frage von Motiv und Gelegenheit ist, die einen Menschen dazu bringt, einen anderen zu töten. Denken Sie an einen Menschen, der jahrelang Demütigungen und Verletzungen erleidet, bis es dann irgendwann so weit ist…

Hatten Sie solch einen Fall?

Wetzel: Wir konnten nie nachweisen, dass es sich tatsächlich um ein Tötungsdelikt handelte. Ein gewalttätiger Mann, der getrunken und seine Frau regelmäßig misshandelt hat, lag eines Tages tot in seiner Küche. Er hatte eine Stichverletzung in der Brust. Seine Frau sagte aus, dass er sich die Verletzung selbst zugefügt hat. In diesem Fall hätte die Frau ein Motiv und die Gelegenheit gehabt, zu töten. Die Ermittlungen wurden in beide Richtungen geführt, der Fall wurde als Suizid abgeschlossen.

Gab es auch Morde ohne Motiv?

Wetzel: Ich kenne keinen, irgendein Motiv gibt es immer - und sei es auch noch so banal. Meist sind Tötungsdelikte Beziehungstaten, es gibt eine Vorgeschichte. Es kommt aber auch vor, dass ein völlig unschuldiges Opfer getötet wird. Das sind Fälle, die man nicht vergisst, weil es jeden hätte treffen können.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Wetzel: Wir hatten vor Jahren solch einen Fall in Kaufungen. Dort ist ein Mann in seinem Haus getötet worden, weil der Täter einfach nur sein Auto haben wollte. Das Opfer hatte zuvor eine Verkaufsannonce aufgegeben. Der Täter kam ins Haus, erstach den Autobesitzer und fuhr mit dem Wagen weg. Der Täter hat den Mord nie gestanden. Wir konnten ihn überführen, weil er seine Fußspuren im Blut des Opfers hinterlassen hat. Ich spreche übrigens bewusst von „Tötungsdelikten“, weil „Mord“ eine sehr spezielle Form des Tötungsdeliktes ist.

Gibt es bestimmte Tätertypen?

Wetzel: In vielen Deliktsbereichen schon, bei Gewaltdelikten in der Öffentlichkeit an bestimmten Örtlichkeiten spielt sich vieles im Drogen-Milieu ab. Bei den meisten Tötungsdelikten darf man sich allerdings nicht auf einen bestimmten Tätertyp festlegen. Da gibt es junge und alte Täter, reichlich vorbestrafte und völlig unbescholtene, deutsche und Ausländer, es gibt lange geplante Taten und ganz spontane, fast zufällige. Frauen als Täter sind allerdings die Ausnahme, da Gewaltdelikte eine männliche Domäne sind. Man muss sich aber von dem Vorurteil frei machen, dass es einen bestimmten Tätertyp gibt. Oft klingt es komisch, wenn in der Zeitung steht, die Polizei ermittelt in alle Richtungen. Das ist aber wichtig, wir dürfen bei unseren Ermittlungen keine Scheuklappen tragen.

Welche Fälle haben Sie besonders mitgenommen?

Wetzel: Wenn Kinder gestorben sind, dann ist das für uns immer ganz heftig. Im Dezember 2012 fand ein Flaschensammler eine Plastiktüte mit einem toten Säugling zwischen Grebenstein und Udenhausen. Die Mutter des toten Mädchens haben wir nie ermittelt. Ich habe dann unseren Polizeipfarrer Kurt Grützner angerufen und habe ihn gefragt, was mit dem Kind passiert. Es gab dann eine ökumenische Beerdigung, an der ich auch teilgenommen habe. Das hat mich sehr bewegt. Ich habe den Fall später in einer Kurzgeschichte geschildert.

Verarbeiten Sie mit Kurzgeschichten solche Erlebnisse?

Wetzel: Nein. Ich habe das aufgeschrieben, weil ich das Gefühl hatte, es wäre schade, wenn das Schicksal dieses Kindes nur in die Akten wandert und dann vergessen wird.

Was für ein Gefühl haben Sie gehabt, wenn sie einen Täter überführt haben?

Wetzel: Wenn ein Team einen Täter ermittelt und festnimmt, ist das immer eine Mischung aus Erfolgserlebnis und Erleichterung. Wenn ein Tötungsdelikt begangen wurde und der Täter noch nicht ermittelt wurde, müssen wir immer befürchten, dass es zu weiteren Taten kommt - sei es, weil der Täter erneut tötet oder aus Vergeltung. Auch für die Angehörigen der Opfer ist es nach einer Erfahrung sehr wichtig, dass die Täter überführt werden.

Konnten Sie auch Mitleid mit Tätern entwickeln?

Wetzel: Mitleid ist das falsche Wort, eher Mitgefühl. Wenn man ein Delikt nur von außen, also aus den Medien kennt, denkt man über den Täter, wie kann er nur, was ist das für ein Monster. Wenn man aber Hintergründe erfährt, dann kann man vielleicht auch verstehen, wie es zu der Tat kommen konnte. Wenn man zuhört und versucht, die Täter zu verstehen, dann erfährt man mehr über die Tat. Das ist für die Ermittlungen und auch für die spätere Gerichtsverhandlung, für das Urteil, wichtig. Wenn die Verdächtigen aber das Gefühl haben, wir verachten sie, dann reden sie auch nicht mit uns.

Gab es einen Fall, in dem Sie für einen Täter kein Verständnis hatten?

Wetzel: Ja, so einige - zum Beispiel im Fall einer türkischen Familie, bei dem ein Mann seine Schwester entführt und ermordet hat, weil die sich wohl nicht so verhalten hat, wie er es für richtig hielt. In einem solchen Fall können wir versuchen zu verstehen und zu erklären, wie und warum es zur Tat kam, aber Verständnis in dem Sinn, wie Sie es meinen - nein.

Gibt es Fälle, die Sie besonders beschäftigt haben, weil sie nicht aufgeklärt werden konnten?

Wetzel: Ja. In den Fall der ermordeten Margrit Viehmann aus Kaufungen habe ich mich noch einmal tief hineingekniet. Im Jahr 2014 hatte die HNA 50 Jahre nach dem Mord über den alten Fall erneut berichtet. Daraufhin bekamen wir Hinweise aus der Bevölkerung, denen wir nachgegangen sind. Wir haben auch noch Asservate gefunden und auf DNA-Spuren untersuchen lassen. Allerdings konnten wir den Mörder der jungen Frau aus Kaufungen nicht mehr ermitteln. 50 Jahre nach der Tat ist das aber auch schwer.

Und welcher Fall hat Sie am meisten geprägt?

Wetzel: Das war der Mord an Halit Yozgat. Zunächst habe ich 2006 die Mordkommission MK Café geleitet. Es war die größte MK, die es hier je gab, und die Ermittlungen lassen sich in ihrem Umfang und der bundesweiten Zusammenarbeit mit keinem anderen Fall vergleichen. Als dann 2011 herauskam, dass der Nationalsozialistische Untergrund für die Mordserie verantwortlich ist, wurde die Mordkommission wieder aktiviert. Es gab und gibt einen Pauschalvorwurf gegen alle Ermittlungsbehörden wegen des allgemeinen Versagens und zusätzlich viele Verschwörungstheorien. Das trifft natürlich auch uns.

Und es gab den Vorwurf des institutionellen Rassismus an die Ermittler.

Wetzel: Darüber war ich zunächst empört. Aber man muss darüber nachdenken und sich fragen, wie Rassismus hier zu definieren ist. Spricht man von Rassismus, wenn einer Ethnie bestimmte Eigenschaften zugesprochen werden, also eher im Sinne von Vorurteil, dann kann ich mich nur schwer völlig davon freisprechen. Wenn man wie ich mit 16 zur Polizei gegangen und dort sozialisiert wurde, ist die Gefahr, von Vorurteilen beeinflusst zu werden, groß. Rassismus im Sinne einer allgemeinen Fremdenfeindlichkeit weise ich aber weit von mir.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Wetzel: Als Polizist lernt man viele Straftäter und kriminelle Organisationen kennen, die aus bestimmten Ländern kommen. Meine Kinder zum Beispiel bringen mit einigen osteuropäischen Ländern Urlaube, schöne Landschaften und nette Leute in Verbindung in Verbindung. Als Polizist denke ich zunächst an Verbringungsrouten für gestohlene Autos und Rückzugsräume für Enkeltrickbetrüger. So etwas muss man sich immer wieder bewusst machen und dagegen ankämpfen. Gleichzeitig beruhen diese „Vorurteile“ natürlich auf Erfahrungen, die auch ihre Berechtigung haben. Ein schwieriges Thema.

Zurück zum Fall Yozgat. Hier gibt es viele Verschwörungstheorien.

Wetzel: Ich kenne die Theorien, die meisten halte ich für Unsinn. Aber vielleicht liegt in einigen auch ein wenig Wahrheit. Es gibt so einiges, das auch mir noch unklar ist, wo noch Aufklärungsbedarf besteht. Wir alle sind auch gut beraten, uns mit dem Vorwurf zu beschäftigen, „auf dem rechten Auge blind“ gewesen zu sein, ihn ernst zu nehmen und darüber nachzudenken. Allerdings muss ich dazu sagen, dass wir in der „MK Cafe“ bereits sehr früh die Möglichkeit eines Täters aus dem rechtsextremen Bereich in Erwägung gezogen haben. Diesen Vorwurf müssen sich aber auch manche Wissenschaftler und Journalisten gefallen lassen.

Wie meinen Sie das?

Wetzel: Einige Wissenschaftler haben in den Jahren 2006 und 2007 gesagt, dass rechtsgerichtete Täter für die Mordserie aus bestimmten Gründen eher nicht in Frage kommen. Das Unwort „Dönermorde“ hat nicht die Polizei erfunden, sondern die Presse. Und ein bekanntes, eher linkes Magazin schrieb im Zusammenhang mit der Mordserie noch kurz vor Bekanntwerden des „NSU“ von „geheimen Schattenwelten“ in der Türkei. Es ist also meiner Meinung nach kein spezifisches Polizeiproblem.

Können Sie im Nachhinein sagen, dass bei den Ermittlungen in Kassel Fehler gemacht wurden?

Wetzel: Fakt ist: Wir haben die Tat nicht geklärt. Ich weiß aber auch heute nicht, was wir nach dem Mord an Halit Yozgat anders bzw. mehr hätten machen können. Aus damaliger Sicht hatten wir alles Denkbare versucht. Ich sehe auch aus heutiger Sicht nicht den Ansatzpunkt, wie wir damals auf den „NSU“ hätten kommen können.

Zur Person: Helmut Wetzel

Der Erste Kriminalhauptkommissar Helmut Wetzel (60) wuchs in Frieda (Werra-Meißner-Kreis) auf. 1974 kam er zur Ausbildung zur Polizei nach Kassel, arbeitete anschließend mehrere Jahre in Frankfurt und kehrte 1984 zurück aufs Revier nach Waldau. 1991 wechselte er von der Schutz- zur Kriminalpolizei. Als Ermittler begann er ein Jahr später beim Kommissariat 11, seit 2012 ist er dort der Leiter. Er leitete zwischenzeitlich auch die Mordkommission MK Café, die den Mord an Halit Yozgat untersuchte. Er sagte im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss und im NSU-Prozess in München aus. Seit Anfang des Jahres unterrichtet er auch an der Polizeihochschule in Niederzwehren. Diese Arbeit will er nach seiner Pensionierung fortsetzen. Wetzel ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Er lebt im Landkreis Kassel. 

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