„Er war wie mein Bruder“ 

Mordfall Knorrstraße: Zeugin bestreitet Affäre mit Opfer

Auf der Anklagebank: Maurice K. behauptet, dass Shpetim Aloci ihn vor der Tat auf den Hinterkopf geschlagen habe und er dadurch eine Beule erlitt. Rechtsmediziner konnten allerdings bei der Untersuchung des Angeklagten keine Hinweise auf eine Beule finden.
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Auf der Anklagebank: Maurice K. behauptet, dass Shpetim Aloci ihn vor der Tat auf den Hinterkopf geschlagen habe und er dadurch eine Beule erlitt. Rechtsmediziner konnten allerdings bei der Untersuchung des Angeklagten keine Hinweise auf eine Beule finden.

Kurz bevor er in der Nacht zum 1. August 2019 mehrere Schüsse auf den 21-jährigen Shpetim Aloci auf der Knorrstraße abgefeuert habe, habe dieser ihn auf den Hinterkopf geschlagen, wodurch er eine Beule erlitten habe.

Das hat der 27-jährige Maurice K., der sich wegen des Verdachts des Mordes vor der zehnten Strafkammer des Kasseler Landgerichts verantworten muss, zumindest zum Prozessauftakt durch seinen Verteidiger Mustafa Üstün erklären lassen.

Auch gestern – am vierten Verhandlungstag – ging es noch einmal um diese Beule. Ein Rechtsmediziner, der die Untersuchung des Angeklagten nach dessen Festnahme dokumentierte, hatte bereits am Montag ausgesagt, dass er sich an eine Beule nicht erinnern könne. Deshalb war gestern auch noch sein Kollege geladen worden, der Maurice K. am späten Nachmittag des 1. August im Polizeipräsidium untersucht hatte.

Und auch dieser Rechtsmediziner sagte aus, dass Maurice K. keinerlei Verletzungen aufgewiesen habe. Eine Rötung, die er am Hinterkopf hatte, könne keine Folge eines Schlags sein. Wenn er in der Tatnacht einen Schlag abbekommen hätte, so wäre am nächsten Nachmittag ein Hämatom, aber keine Rötung zu erwarten gewesen.

Maurice K. hatte durch seinen Verteidiger nicht nur erklären lassen, dass Shpetim Aloci ihn vor der Tat geschlagen habe, sondern dieser habe ihn Tage zuvor auch beleidigt, sexuelle Anspielungen gemacht sowie ihn und seine Familie bedroht. Ein 24-jähriger Zeuge, der bei der Tat dabei war und den Angeklagten und das Opfer wenige Tage zuvor bekannt gemacht hatte, hatte diesen Behauptungen bei seiner ersten Vernehmung vor Gericht widersprochen. Shpetim habe Maurice K. nur aus Spaß als „Pisser“ und „Wichser“ bezeichnet.

Gestern wurde der junge Mann erneut vernommen. Auch da bestritt er, dass er Maurice K. zu den Schüssen animiert und ihn an den rechten Arm gefasst habe, bevor er den ersten Schuss abgegeben habe. Er habe über fünf Meter entfernt von dem Angeklagten gestanden, als dieser auf seinen Freund Shpetim geschossen habe. Gestern erfuhr der Zeuge auch, dass auf dem T-Shirt, das er in der Nacht getragen hatte, Schmauchspuren gefunden worden sind. Allerdings nur kleine Partikel, wie der Vorsitzende Richter Robert Winter ausführte.

Der 24-jährige Zeuge erzählte erneut, dass er nach der Tat zunächst die Polizei und dann seine Verlobte angerufen habe, um diese über das Geschehene zu informieren. Die 21-jährige Altenpflegehelferin erklärte im Zeugenstand, dass sie sofort zum Tatort geeilt sei. Sie sei aufgewühlt und traurig gewesen und habe geweint. Anschließend sei sie zur Familie von Shpetim gefahren, um ihr die Nachricht von dessen Tod zu überbringen.

In Niederzwehren hatten nach der Tat viele Gerüchte kursiert, unter anderem, dass Shpetim Aloci eine Affäre mit der Verlobten seines Freundes gehabt habe. Diese Gerüchte wies die 21-Jährige gestern vehement zurück. „Er war wie mein Bruder.“ Sie sagte auch aus, dass Maurice K., der sich am Tattag bei ihr und ihrem Verlobten aufgehalten hatte, gedroht hatte, Shpetim zu erschießen, weil dieser ihn beleidigt habe. „Ich habe die Äußerung nicht ernst genommen.“

Der Tod von Shpetim habe ihren Verlobten sehr mitgenommen. Shpetims Freundin und Familie hätten ihn dafür verantwortlich gemacht, so die 21-Jährige. Dass die Angehörigen so ein schlechtes Bild von ihrem Verlobten hätten, liege daran, dass Shpetim „immer alles“ auf seinen Freund geschoben habe. Zum Beispiel wenn es um Besuche in der Spielothek ging.

Der Prozess wird am Freitag, 5. Juni, fortgesetzt.

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