Mordfall Walter Lübcke

Mutmaßlicher Waffenhändler von Stephan E. ist wieder daheim

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Natzungen ist ein Stadtteil von Borgentreich in Ostwestfalen: Hier lebt Elmar J., einer der drei Hauptverdächtigen im Mordfall Walter Lübcke.

Elmar J. soll Stephan Ernst die Tatwaffe verkauft haben, mit der Walter Lübcke erschossen wurde. Nun lebt er wieder in Natzungen. So reagieren die Dorfbewohner darauf.

  • Elmar J. ist nach seiner Haftentlassung nach Natzungen zurückgekehrt.
  • Der mutmaßliche Waffenhändler lebt in dem ostwestfälischen Dorf.
  • Dorfbewohner sind verunsichert.

Ein halbes Jahr, nachdem das ostwestfälische Dorf Natzungen bundesweit in die Schlagzeilen geriet, sagt eine Einwohnerin zu ihrer Nachbarin: „Er ist wieder da.“ Die Frau meint Elmar J. Der 64-Jährige soll dem Kasseler Neonazi Stephan Ernst die Waffe verkauft haben, mit der am 1. Juni vorigen Jahres der Regierungspräsident Walter Lübcke erschossen wurde.

Vier Wochen nach der Tat durchsuchte ein Spezialeinsatzkommando sein Haus im Stadtteil von Borgentreich und nahm Elmar J. fest. Neben Ernst und dessen Kumpel Markus H. war er einer der drei Hauptverdächtigen im Mordfall Lübcke. Am Mittwoch hob der Bundesgerichtshof den Haftbefehl gegen Elmar J. auf. Bekannte, die sich in den vergangenen Monaten um seine Frau gekümmert hatten, holten ihn aus der JVA Detmold ab.

Elmar J. aus Haft entlassen: Dorfbewohner wissen nichts über ihn zu berichten

Elmar J. sagt nur: „Mir geht es ganz gut. Ich weiß nicht, warum ich entlassen worden bin.“ Sein Karlsruher Anwalt hat ihn angewiesen, bloß den Mund zu halten. So bleibt unklar, wer Elmar J. eigentlich ist. „Hier kennt jeder jeden“, sagt eine Frau aus dem Dorf. Nur über Elmar J. weiß niemand etwas zu berichten.

„Er hat am Dorfleben nicht teilgenommen“, sagt Ortsvorsteher Benedikt Dierkes. In der Dorfkneipe, dem Pilsstübchen Eschenberg, hat er sich nie blicken lassen. Er war weder Mitglied in den beiden Sportvereinen, noch im Schützenverein. Auch im Spielmannszug, bei der DLRG, der Freiwilligen Feuerwehr und der Kolpingsfamilie kennt man ihn nicht.

„Wir sind ein ganz normales Dorf mit einem guten Zusammenhalt“, sagt der erst 32-jährige Ortsvorsteher Dierkes, der in Göttingen Agrarwissenschaft studiert, den elterlichen Bauernhof übernommen hat und für die CDU im Borgentreicher Stadtrat sitzt.

Mieter von Elmar J. sah bewaffnete Polizisten vor seinem Fenster

Am 27. Juni, als das SEK kam, war die Idylle plötzlich zerstört. Ein Mieter von Elmar J. sah bewaffnete Polizisten vor seinem Fenster. „Ich kann heute noch nicht schlafen“, sagt er. Dann kamen die Journalisten aus der ganzen Republik. Sie wollten wissen, was hier los ist in der Provinz genau in der Mitte zwischen Kassel und Paderborn.

Einige der 750 Einwohner sind noch heute nicht gut auf Medienvertreter zu sprechen. „Hört auf, hier rumzuschnüffeln. Haut ab, ihr Arschlöcher“, ruft ein großer Mann über seinen Hof auf die andere Straßenseite, ohne dass man ihn irgendetwas gefragt hätte.

„Die Leute haben Angst, dass Rechtsradikale im Dorf sind. Vielleicht murksen die einen auch noch ab“, sagt eine Frau. Ortsvorsteher Dierkes musste in den vergangenen Monaten immer wieder Reporterfragen beantworten, ob es eine rechte Szene gebe: „Das müsste man in den Wahlergebnissen sehen. Wir haben aber keine NPD-Wähler.“

Ortsvorsteher von Natzungen: Elmar J. hat sich politisch nie geäußert

Bei der Europawahl im Mai bekam die AfD 6,6 Prozent, weniger als anderswo. Für die CDU stimmten fast 52 Prozent. Wo Elmar J. politisch steht, weiß Ortsvorsteher Dierkes nicht. Er habe sich nie politisch geäußert. Elmar J. war einer der Zugezogenen, für die Natzungen ein Wohnort ist, mehr nicht.

Auf Facebook, wo er lediglich sechs Freunde hat, hat er die NPD Sachsen mit „Gefällt mir“ markiert. Außerdem ist er Schalke-Fan. An einem Fenster seines Hauses klebt ein Schild des Gelsenkirchener Revierklubs.

Wollte auch Stephan Ernst nach Natzungen ziehen?

Das Haus ist eine ehemalige Gaststätte, war mal ein Billard-Bistro und hat seine besten Zeiten lange hinter sich. Überall steht Trödel herum. Nachdem Elmar J. es 2012 kaufte, gab es Pläne der Stadt, die Immobilie zu kaufen und abzureißen, damit dort eine neue Dorfmitte entstehen könnte. Elmar J. war erst interessiert. Dann lehnte er doch ab, wie Dierkes sagt. Laut einem Mieter soll auch Stephan Ernst Interesse an dem Haus gehabt haben.

Mordfall Walter Lübcke: Die drei Verdächtigen geben Rätsel auf

Dies ist nur eines von vielen Rätseln rund um die drei Hauptverdächtigen. Wie es weitergeht für Elmar J. und Natzungen, weiß gerade keiner. Die Frau, die Angst um ihr Leben hat, sagt: „Das Beste wäre, er zieht weg.“

Von Matthias Lohr und Kathrin Meyer

Weitere Informationen zum Mordfall Walter Lübcke:

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Trotz seiner neuen Aussage, in dem er seinen mutmaßlichen Komplizen Markus H. beschuldigt, Walter Lübcke versehentlich erschossen zu haben, bleibt Stephan Ernst weiter in U-Haft - das hat der bundesgerichtshof am Montag (27.01.2020) verkündet.

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