Prozess vor dem Oberlandesgericht Frankfurt

Mordfall Lübcke: Ehefrau und Freund von Ernst sagen aus - So erlebten sie den mutmaßlichen Mörder

Der Hauptangeklagte Stephan Ernst vor dem Frankfurter Oberlandesgericht.
+
Zeigte kaum eine Regung: Der Hauptangeklagte im Mordfall Walter Lübcke, Stephan Ernst, am Dienstag vor dem Frankfurter Oberlandesgericht.

Zwei Menschen, die den mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke gut gekannt haben, haben am Dienstag im Prozess ausgesagt.

Der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt befragte im Prozess um den Mordfall Walter Lübcke vor dem Oberlandesgericht Frankfurt die Ehefrau des mutmaßlichen Täters Stephan Ernst und anschließend seinen besten Freund.

Mordfall Walter Lübcke: Ehefrau will sich nicht zu Ernsts politischen Ansichten äußern

Stephan Ernsts Blick bleibt starr, als seine Ehefrau um kurz vor halb 11 zaghaft den Gerichtssaal betritt. Auch sie schaut auf den Boden, neigt den Kopf nur kurz zur Seite. Die kleine, zierliche Frau mit den langen, dunklen Haaren und in leicht gebückter Haltung ist 44 und wirkt nahezu schüchtern. Seit 2001 – mittlerweile 19 Jahren – ist sie mit Stephan Ernst verheiratet, gibt sie auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Thomas Sagebiel an.

Ihre Stimme ist leise, brüchig, sie spricht mit leichtem Akzent, räuspert sich oft. In der Tatnacht war sie gerade im Badezimmer, als sie durch das gekippte Fenster zwei Autos gehört hat, die vor dem Haus anhielten. Eins sei sehr schnell angekommen und habe abrupt abgebremst. Das andere habe wenig später angehalten. „Aber es hat leise geparkt“, sagt die 44-Jährige.

Ob es das Auto von ihrem Ehemann war? Das habe sie nicht erkennen können. Sie habe das Schlagen von zwei Autotüren gehört – keine Gespräche oder andere Geräusche. Gedanken habe sie sich darüber nicht gemacht, auch wenn in der Straße sonst eher wenig Verkehr sei. Ob sie aus dem Fenster geschaut habe? Nein, sie sei dann ins Bett gegangen – etwa um Mitternacht. Vom Schlafzimmer aus sind die Geräusche auf der Straße nicht zu hören.

Kurze Zeit später habe sie gehört, wie ihr Mann die Haustür aufschloss. Er sei kurz ins Schlafzimmer gekommen und dann noch mal für zehn Minuten weg gewesen.

Ob sie sich darüber gewundert habe? Sie verneint. Ihr Mann müsse ihr nicht sagen, was er tue, wenn er kurz das Haus verlasse. An die Begebenheit mit den beiden Autos erinnert sich Ernsts Ehefrau erst gut zwei Wochen nach der Festnahme und schildert sie der Polizei.

In der Zwischenzeit, so schildert es Frau Ernst, hatte Dirk Waldschmidt, der erste Anwalt von Stephan Ernst, auch Kontakt zu ihr aufgenommen. Auch bei ihr zuhause sei er gewesen. Waldschmidt habe sich nach der Situation erkundigt und danach, was die Polizei gesagt habe. Sie habe zwar erwähnt, dass sie ihren Job verloren habe, aber nicht von finanziellen Problemen gesprochen, sagt die Ehefrau.

Eine Woche später habe der Anwalt ihr eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen: Sie müsse sich keine Sorgen um das Haus machen, die Kameraden würden ihr helfen und sie unterstützen. Sie habe die Nachricht gelöscht, sagt die Frau – „aus Angst. Ich wollte damit nichts zu tun haben.“

Wer den rechten Anwalt Dirk Waldschmidt beauftragt hat, weiß die Ehefrau angeblich nicht. „Ich habe ihn vorher nicht gekannt“, sagt sie. Wie es dann zum Verteidigerwechsel kam und wie der Kontakt zu Frank Hannig, Ernsts zweitem Verteidiger, entstanden ist, dazu will die Ehefrau nichts sagen.

Ebenso zu vielen anderen Dingen. Wie war das familiäre Verhältnis? Gab es in der Ehe Probleme? Hat ihr Ehemann mit ihr über seine Kindheit gesprochen? Seine politische Einstellung? Zu all dem will sich Ernsts Frau nicht äußern. „Dazu möchte ich nichts sagen.“

Den Mitangeklagten Markus H. kennt Frau Ernst nicht. Sie habe gewusst, dass ihr Mann im Schützenverein war, aber nicht, mit wem. Auch andere Freunde ihres Mannes sind ihr unbekannt. Sie spricht immer von „ihrem Mann“. Seinen Vornamen nennt sie während der gesamten Befragung nicht.

Mordfall Walter Lübcke: Sein Freund will nichts von der politischen Gesinnung von Ernst gewusst haben

„Er war für mich wie ein großer Bruder“, sagt A. über Stephan Ernst. Er habe ihm vieles anvertraut. Er beschreibt Ernst als ruhigen Menschen, der immer seine Arbeit gemacht, sich nie eingemischt oder gelästert habe. Kennengelernt haben sich Ernst und A. über die Arbeit. „Ich kannte ihn besser als seine Frau“, sagt A. Das sei so, wenn man beruflich so viel Zeit miteinander verbringe. Als A. den Gerichtssaal betritt, winkt er Ernst zu. Der sitzt teilnahmslos auf seinem Platz.

A. hatte nie den Eindruck, dass Ernst „ein Rechter“ oder ein „Nazi“ war. „Sonst wäre er ja nicht mein Freund.“ Gemeinsam sprach man aber auch über politische Dinge. Dabei gebe es auch mal Ansichten, die in die linke oder rechte Richtung gehen würde, aber die habe er genauso, erzählt der gebürtige Iraner frei heraus.

Am Tag nach der Tat habe Ernst seinen besten Freund nach einem Alibi gefragt. Wenn die Polizei etwas wissen wollte, sollte er sagen, dass Ernst und er an jenem 1. Juni 2019 zusammen waren. „Ich habe ein Geschäft mit jemandem gemacht und der will mich jetzt in Schwierigkeiten bringen.“ A. fragte nicht weiter nach.

Auch der Mitangeklagte Markus H. arbeitete bis 2014 als Leiharbeiter im selben Unternehmen. Man kannte sich angeblich eher vom Sehen. Außerdem traf man sich im Schützenclub in Sandershausen, in dem alle drei Mitglied waren.

H. habe er dort aber nur zwei Mal gesehen, sagt der Zeuge auf Nachfrage. Ernst und H. hingegen habe er als gute Freunde wahrgenommen. Einmal habe H. eine Anspielung auf seinen Migrationshintergrund gemacht, aber das will A. nur am Rande mitbekommen haben. Ernst will er nie mit einer anderen Waffe außer seinem Bogen gesehen haben. „Ich wusste nicht, dass der Stephan schießen kann.“

Seit seiner Festnahme hat A. Ernst mehrfach im Gefängnis besucht. Er hat ihm einen Brief geschrieben, dass die Tat ein großer Fehler war. „Denn, wenn er das getan hat, dann war es ein großer Fehler.“ Aber vorstellen, „dass der Stephan jemanden tötet“, kann A. sich nicht.

Als A. den Gerichtssaal verlässt, schaut er einige Sekunden zu seinem Freund. Der schaut zurück und nickt. Es ist die erste sichtbare Geste an diesem Verhandlungstag. (Von Kathrin Meyer)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.