Fragen und Antworten zum Fall

Mordfall Lübcke: Stephan E. fiel immer wieder als Neonazi auf

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Auf Sendung vor der JVA Kassel I: Marie Przibylla vom Nachrichtensender „Welt“ meldete sich am Montag aus Kassel.

Nach der Festnahme eines dringend Tatverdächtigen in Kassel im Mordfall Lübcke geht die Bundesanwaltschaft von rechtsextremen Verbindungen aus. Wer genau ist Stephan E.?

Nach Erkenntnissen der Rechercheplattform „Exif“, die sich mit der rechten und neonazistischen Szene befasst, wurde der Verdächtige Stephan E. am 21. September 1973 geboren. Er soll aus dem bayerischen Lichtenfels stammen. Seit Anfang der 2000er-Jahre soll er laut „Exif“ als Neonazi in Erscheinung getreten sein, heißt es. Er habe sich zum Beispiel an NPD-Auftritten beteiligt. Am 1. Mai 2009 sei E. mit sechs weiteren Neonazis aus der Kasseler Szene nach Dortmund gereist und habe sich an einem Angriff auf die DGB-Demonstration beteiligt. Dabei sei er auch festgenommen worden.

Bereits 1993, so berichtet es „Zeit-online“, habe Stephan E. vor der Unterkunft für Flüchtlinge in Hohenstein-Steckenrodt (Main-Taunus-Kreis) eine Rohrbombe deponiert. Sie konnte vor der Explosion unschädlich gemacht werden. Dafür sei Stephan E. 1995 vom Landgericht zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden; dabei handelte es sich angeblich um eine Jugendstrafe von sechs Jahren wegen versuchten Totschlags und versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion. In den Akten der Kasseler Staatsanwaltschaft soll Stephan E. nach HNA-Informationen im Jahr 2003 auftauchen.

Wie „Exif“ weiter berichtet, sei Stephan E. auch 2016 im hessischen NSU-Ausschuss Thema gewesen. Die Partei „Die Linke“ habe E. als Beispiel für gewalttätige Kasseler Neonazis genannt. Ein V-Mann des Verfassungsschutzes habe damals angegeben, ihm sei ein „NPD-Stephan“ bekannt.

Insgesamt soll Stephan E. ein langes Vorstrafenregister haben; laut mehrerer Medienberichte liegen polizeiliche Erkenntnisse über Landfriedensbruch, Körperverletzung und Waffenbesitz vor. Nach Recherchen unserer Zeitung ist der verdächtigte Stephan E. Mitglied in einem Schützenverein im Landkreis Kassel. Dort soll er offiziell Bogenschütze gewesen sein. Das wirft die Frage auf, ob er auch leicht an Schusswaffen herankam. Walter Lübcke wurde mit einer Kleinkaliberwaffe getötet. Schützenvereine verwenden in der Regel Kleinkaliberwaffen und entsprechende Munition.

Nach Informationen des Recherchenetzwerkes von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung haben die Ermittler inzwischen zahlreiche hetzerische Kommentare in sozialen Netzwerken entdeckt. Unter anderem soll Stephan E. 2018 unter dem Decknamen „Game Over“ geschrieben haben: „Entweder diese Regierung dankt in kürze ab oder es wird Tote geben.“

Stephan E. sitzt nun in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Kassel I. Auch dort fanden sich gestern Reporter ein, um über Stephan E. zu berichten. Insgesamt wurden gestern fast stündlich neue Informationen über den mutmaßlichen Mörder Lübckes öffentlich. Die jüngsten Entwicklungen haben den Fall bundesweit noch brisanter gemacht. ARD und ZDF sendeten gestern Abend Sondersendungen zum Thema. Zu Gast im ZDF war Janine Wissler, die Fraktionsvorsitzende der Linken im Hessischen Landtag. Sie sagte, die Gefahr von rechts dürfe nicht kleingeredet werden.

Lesen Sie auch: Mordfall Lübcke: Nachbarn des Verdächtigen berichten über Festnahme

Fragen und Antworten zum Mordfall Walter Lübcke

Es gab die ganze Zeit schon Gerüchte, dass Lübckes Mörder aus der rechtsextremen Szene stammen könnte. Woran liegt das?

Dr. Walter Lübcke hatte im Oktober 2015 bei einem Info-Abend zur Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Lohfelden erklärt, man müsse für die Werte in diesem Land eintreten. „Wer diese Werte nicht vertritt, kann jederzeit dieses Land verlassen.“ Dies sei „die Freiheit eines jeden Deutschen“. Seine Aussage habe er an jene gerichtet, „die durch Zwischenrufe ihre Verachtung unseres Staates artikulierten“, sagte Lübcke später in einem Interview mit der HNA. Aufgrund seiner Aussagen bekam Lübcke anschließend Morddrohungen – mutmaßlich aus rechten Kreisen.

Gab es aktuell auch noch Morddrohungen?

Anfang 2019 tauchte das Video mit Lübckes Aussagen auf der Versammlung plötzlich wieder im Internet auf. Recherchen des Nachrichtenportals T-Online zufolge sollen zwei rechte Blogs im Februar das Video aufgegriffen haben, ohne mitzuteilen, dass die Veranstaltung bereits 2015 stattfand. Auch die ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach soll demnach einen dieser Blog-Beiträge in sozialen Netzwerken geteilt, aber mittlerweile gelöscht haben.

Der festgenommene 45-jährige Tatverdächtige soll durch einen Treffer in der DNA-Datenbank des Bundeskriminalamts identifiziert worden sein. Nach Informationen der HNA wurde eine Hautschuppe von ihm auf Lübckes Kleidung gefunden. Wie funktioniert so etwas?

Es ist unmöglich, einen Tatort ohne Spuren zu hinterlassen, sagte der Molekularbiologe Dr. Harald Schneider (Landeskriminalamt) in einem Interview mit der HNA vor zwei Jahren. Aufgabe der Ermittler sei es, die tatrelevanten von den nicht tatrelevanten Spuren zu unterscheiden.

Durch die DNA-Analyse kann sich also kein Täter mehr sicher fühlen?

Da stimmt Schneider zu. Das liegt daran, dass man mittlerweile ganz kleine Spuren, mikroskopisch kleine Blut-, Sekret- und Hautabriebspuren, untersuchen könne. Auch geringste, mit früher üblichen Verfahren nicht analysierbare Spuren, könnten mittlerweile für eine molekularbiologische Untersuchung verwendet werden.

Der Tatverdächtige soll Verbindungen in die rechtsextreme Szene haben, zum Beispiel zu der Neonaziorganisation „Combat 18“. Was ist „Combat 18“?

Im Jahr 2012 gründete sich die Neonaziorganisation „Combat 18“ („Kampfgruppe Adolf Hitler“) Deutschland, heißt es auf der Internetseite der antifaschistischen Rechercheplattform Exif. „Combat 18“ (C18) Deutschland ist die „autorisierte“ deutsche Division eines internationalen Netzwerks von C18-Gruppen, die sich als eine weltweite Bruderschaft verstehen und organisatorisch und sozial eng verbunden sind. Regionale Schwerpunkte in Deutschland bilden der Raum Dortmund, Ostholstein, Thüringen und Nordhessen. Der bekannte Neonazi Stanley R. aus Helsa ist schon länger als einer der Köpfe der berüchtigten Neonazi-Organisation „Combat 18“ im Visier der Ermittler.

Der Fall Lübcke: RP wurde erschossen

Der Regierungspräsident wurde in der Nacht zum 2. Juni auf der Terrasse seines Wohnhauses in Wolfhagen-Istha erschossen. Seitdem suchte die Polizei unermüdlich nach einem Verdächtigen. Am 13. Juni nahmen Freunde, Weggefährten und die Familie mit einem Trauergottesdienst in Kassel Abschied von dem 65-Jährigen. Zwei Tage später wurde Lübcke beigesetzt.

Abschied von Walter Lübcke: Trauerfeier in der Martinskirche

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