Urteil des OLG Frankfurt

Mordfall Walter Lübcke: Familie äußert sich - ein „außerordentlich schmerzliches“ Urteil

Stephan Ernst ist wegen des Mordes an Walter Lübcke zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Doch es ist ein anderer Aspekt des Urteils, den sich die Familie des Opfers ganz anders erhofft hat.

Frankfurt – Thomas Sagebiel wusste, dass das, was er sagte, nicht das war, was die Angehörigen von Walter Lübcke erhofft hatten. Bevor der Vorsitzende Richter also begründete, warum der Mitangeklagte Markus H. nicht wegen Mittäterschaft verurteilt wird, richtete er seine Worte an die Familie Lübcke. Er könne den Verlust ermessen, der durch den Tod des Ehemannes, Vaters und Großvaters entstanden sei. Das sei eine schwierige Aufgabe: „Aber auch unsere Aufgabe war schwer.“ Der Senat habe ein faires Verfahren ermöglichen und am Ende unvoreingenommen urteilen müssen.

Daran haben Irmgard Braun-Lübcke sowie ihre Söhne Christoph und Jan-Henrik auch keine Zweifel, wie ihr Sprecher Dirk Metz nach der Urteilsverkündung versicherte: „Es wird von der Familie Lübcke keinerlei Gerichtsschelte geben. Denn Walter Lübcke ist ein Leben lang für diesen Rechtsstaat eingetreten, auch wenn es schwierig oder unbequem wurde.“

Urteil im Lübcke-Prozess: Familie war an fast allen Prozesstagen im Gericht

Es wäre untertrieben zu behaupten, die Situation für die Hinterbliebenen des CDU-Politikers Walter Lübcke sei schwierig. Prozessbeobachter waren in den vergangenen Monaten immer wieder beeindruckt von der Familie. An fast allen der 45 Prozesstage waren sie in Frankfurt und sahen den Angeklagten ins Gesicht.

Waren an fast allen Prozesstagen im Gericht: Irmgard Braun-Lübcke und ihre Söhne Jan-Henrik (Mitte) und Christoph.

Das machte in ganz Deutschland Eindruck, wie Metz berichtete. Die Familie habe aus der ganzen Republik sehr viele Botschaften bekommen: „Das waren Mails oder Briefe, in denen stand, wie stark man das findet, dass die Familie das bei aller Belastung so macht.“

Witwe und Söhne von Walter Lübcke haben immer wieder betont, dass sie ihre Nebenklage auch als Zeichen gegen Hass und Gewalt und eine sprachliche Verrohung in unserer Gesellschaft verstehen. Und natürlich wollte die Familie auch wissen, was wirklich auf der Terrasse ihres Hauses in Istha passiert ist in der Nacht auf den 2. Juni 2019. Anders als das Gericht glaubt sie dem Hauptangeklagten Stephan Ernst. Dessen Anwälte durften im Herbst sogar den Tatort besichtigen.

Familie Lübcke: „Das Urteil überrascht uns nicht“

Es verwundert daher nicht, wenn Metz sagt, dass der Freispruch für Markus H. „für die Familie außerordentlich schmerzlich“ sei. Sie sei „nach wie vor der festen Überzeugung, dass beide Angeklagten diese Tat gemeinsam geplant und begangen haben“. Und dann übt der Frankfurter Jurist doch etwas Kritik am Senat: „Die Familie ist der Ansicht, dass nicht alles vom Gericht ausgelotet worden ist, was möglich gewesen wäre.“

Weil sich die Sichtweise des Gerichts schon abgezeichnet hatte, sagte Holger Matt, der Anwalt der Familie Lübcke: „Das Urteil überrascht uns nicht.“ Auf die Frage, ob er Revision einlegen werde, antwortete er, dass die Familie „diesen Tag erst mal sacken lassen und das in Ruhe in den nächsten Tagen bedenken“ werde.

Reaktion nach Urteil im Lübcke-Prozess: „Kommunalpolitiker viel besser schützen“

Es gab gestern nach der Urteilsverkündung im Lübcke-Prozess jedoch nicht nur Botschaften von, sondern auch an die Familie. So teilte der SPD-Bundestagsabgeordnete und Bundesopferbeauftragte Edgar Franke mit: „Als Politiker, der leidenschaftlich für eine menschliche Gesellschaft kämpfte, bleibt Walter Lübcke uns allen in Erinnerung. In Gedanken sind wir auch heute bei seiner Familie.“

Für den Gudensberger Politiker schlägt „das Herz der Demokratie in den Städten und Gemeinden. Deshalb müssen wir gerade Kommunalpolitiker viel besser schützen als bisher – Ehrenamtliche ebenso wie Hauptamtliche.“ (Ulrike Pflüger-Scherb, Kathrin Meyer und Matthias Lohr)

Rubriklistenbild: © Kai Pfaffenbach/dpa

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