42-Jähriger vor Landgericht

Mordprozess Niederzwehren: Anrufe führten zum Täter

Auf der Anklagebank: Die Staatsanwaltschaft wirft dem 42-jährigen Mann aus Kassel vor, die Rentnerin Ursula B. aus Habgier mit einem Kissen erstickt zu haben. Zeichnung:  Reinckens

Kassel. Ein 42-jähriger Mann muss sich vor dem Kasseler Landgericht wegen des Verdachts des Mordes verantworten. Laut Staatsanwaltschaft soll er die 74-jährige Ursula B. aus Habgier ermordet haben.

Die zwei Männer im Saal D130 des Kasseler Landgerichts sitzen sich fast gegenüber. Beide halten sich eine Hand vors Gesicht, als der Vorsitzende Richter Volker Mütze am Mittwoch polizeiliche Vernehmungen verliest. Für beide Männer, den Angeklagten und den Sohn des Opfers, ist das Verlesen dieser Vernehmungsprotokolle in dem Mordprozess offensichtlich nur schwer zu ertragen.

Der 42-Jährige muss sich auf der Anklagebank verantworten, weil er am Pfingstmontag 2016 die 74-jährige Ursula B. in ihrer Wohnung in Niederzwehren getötet haben soll. Der 46-jährige Sohn der getöteten Rentnerin tritt als Nebenkläger auf.

Am zweiten Verhandlungstag bekamen die Zuschauer in dem Sitzungssaal eine Idee davon, wie die Soko Zwehren, die im Mai 2016 nach dem Kapitalverbrechen gegründet worden war, auf die Spur des Tatverdächtigen kam: Der Angeklagte, dessen Eltern bis zum Frühjahr 2015 im Nachbarhaus von Ursula B. in der Perlengasse gewohnt hatten, hatte demnach versucht, die Frau am 4. und 5. Mai 2016 sieben Mal von seinem Handy aus auf ihrem Festnetz anzurufen. Vergeblich.

Tat zunächst bestritten

Als er damit nach seiner Festnahme am 29. Juni 2016 konfrontiert wurde, habe der Tatverdächtige zunächst bestritten, bei der Rentnerin angerufen zu haben, sagte am Mittwoch ein Ermittler der Soko aus.

Bei seiner zweiten Vernehmung am 30. Juni sei der Verdächtige damit konfrontiert worden, dass seine DNA in der Wohnung des Opfers gefunden worden sei. Laut Protokoll gab der Mann daraufhin an, dass er sich vor acht Jahren mal dort aufgehalten habe. Er habe Ursula B. aber nicht erschlagen. „So etwas kann ich nicht. Das liegt nicht in meiner Art“, gab er damals zunächst zu Protokoll.

Nach einer Vernehmungspause gab der Mann dann plötzlich an, am Abend des 16. Mai 2016 Ursula B. aufgesucht zu haben. So gegen 19.30 Uhr. Sein Motiv: Da er gerade arbeitslos und knapp bei Kasse war, wollte er sie um einen Aushilfsjob für Gartenarbeiten bitten.

Ursula B. habe ihn zunächst in die Wohnung gebeten und sich nach seinen Eltern erkundigt. Sie habe ihm Fassbrause zum Trinken angeboten und man habe sich rund 45 Minuten unterhalten, bis er sein eigentliches Anliegen vorgetragen habe. Die 74-Jährige habe ihm gesagt, dass sie ihn nicht beschäftigen könne.

Als er dann gehen wollte und an der Wohnungstür stand, habe er sie gefragt, ob sie ihm zumindest Geld leihen könne. Daraufhin habe die Frau den Arm gehoben, den er abwehren wollte. In dem Handgemenge seien dann beide im Flur hingefallen.

Angeklagter: Wollte sie „beruhigen“

Nach der Version des Angeklagten handelt es sich um einen Unglücksfall. Nach dem Sturz saß er auf der 74-Jährigen, die um Hilfe schrie. Er habe sie beruhigen wollen und deshalb eine Hand auf ihren Mund gelegt. Man könne doch über alles reden, habe er zu Ursula B. gesagt. Später habe er ein Kissen geholt und unter sie gelegt. Er habe nicht gewollt, dass sie auf dem harten Boden liegt.

Laut Anklage hat der Mann Ursula B. mit diesem Kissen erstickt. 

Freundinnen des Opfers: „Auf die Ursel war Verlass“ 

Geld spielt eine wichtige Rolle in dem Mordprozess, der seit Montag vor der sechsten Strafkammer des Kasseler Landgerichts verhandelt wird. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 42-jährigen Angeklagten vor, die Rentnerin Ursula B. am Pfingstmontag 2016 aus Habgier getötet zu haben. 

Habgier ist ein Mordmerkmal. Laut Anklage soll der Mann mindestens 100 Euro aus der Wohnung der Frau mitgenommen haben. In zwei Portemonnaies, die die Polizei dort fand, waren aber nur noch drei bis fünf Euro Münzgeld. Verteidiger Jan Hörmann vertritt indes die Ansicht, es gebe keinerlei Beweise dafür, dass der Angeklagte Geld aus der Wohnung mitgenommen habe. Nur eine EC-Karte habe er eingesteckt, die er kurze Zeit später, ohne sie zu benutzen, in einem Gully an der Usbeckstraße entsorgt habe. 

Bargeld für Ausflüge genutzt 

Eine 72-jährige Bekannte des Opfers sagte am Mittwoch allerdings aus, dass sich zumindest in einer der Geldbörsen um die 70 Euro am Tattag befunden haben müssten. In diesem Portemonnaie wurde Geld aufbewahrt, das Ursula B. und die Bekannte für gemeinsame Ausflüge nutzten. Am Pfingstmontag 2016 hatte Ursula B. ihre Freundin, die damals im Klinikum Kassel lag, dort von 15 bis 17 Uhr besucht. Und mit Geld aus dem besagten Portemonnaie, wo „noch relativ viel“ drin gewesen sein soll, wurden Kaffee und Kuchen der Frauen bezahlt. 

Auch der 47-jährige Sohn von Ursula B., ein Pastor aus Mecklenburg-Vorpommern, hält es für sehr unwahrscheinlich, dass seine Mutter über das Pfingstwochenende nur drei bis vier Euro im Haus hatte. Wäre das der Fall gewesen, dann hätte sie sich auf alle Fälle noch 50 Euro geholt. 

Mutter war gern im Garten 

Der Sohn, der als Nebenkläger auftritt, beschrieb seine Mutter als empfindsamen Menschen. Von einem Husten abgesehen sei sie topfit und beweglich gewesen. Sie habe sich gern und viel in ihrem Garten aufgehalten. Zudem sei sie sehr zuverlässig gewesen und habe sich an Verabredungen gehalten. Das bestätigte auch eine 79-jährige Bekannte im Zeugenstand. „Auf die Ursel war immer Verlass“, sagte die Frau. Sie könne bis heute nicht fassen, was ihrer Freundin, die sie über 50 Jahre kannte, widerfahren sei. Kurz vor der Tat – um exakt 19.30 Uhr am Pfingstmontag – habe die 74-Jährige sie noch angerufen, weil man sich am nächsten Tag auf einem 90. Geburtstag treffen wollte. „Es war für mich unfassbar, dass die Ursel nicht kam.“ 

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