Mundart wird mehrheitsfähig

Kasseläner Ohrwurm: „Heim nach Kassel“ von Dark Vatter

Immer unnerwäjens: Dark Vatter un sinne Combo vor dem historischen Zug Hessencourrier, dem sie auch einen Song gewidmet haben. Von links Julian Schambach, Frontmann Timo Israng, Oliver Schenk und Nina Israng. Foto: privat

Kassel. In der Musik wird die Kasseläner Mundart mehrheitsfähig: Als „Dark Vatter un sinne Combo“ an einem Hessentagsabend ihren Rockabilly im Regionaldialekt der Gastgeberstadt spielten, dürften es tausend Fans gewesen sein, die auf dem Opernplatz ausgelassen feierten.

„Das war Wahnsinn, wie die alle unsere Texte mitgesungen haben“, sagt Bandleader Timo Israng. Songs wie der „Kasseläner Boogie“ und „Ich wohr üwwerall“ treffen nicht nur den Nerv von gesetzten Heimatfreunden, sondern auch eines jüngeren Szenepublikums, das unbefangen mit dem sprachlichen Erbe spielt und beim Ertönen des nordhessischen Idioms nicht gleich augenrollend „Vorsicht, Kabarett“ oder „Achtung, Bierzeltschlager“ argwöhnt. „Kasselänerisch wird schick“, sagt Timos Frau und Musikpartnerin Nina Israng, die diese Aussage selbst am sinnfälligsten verkörpert.

Nicht nur die witzigen Texte voller Lokalkolorit, sondern auch eine hohe musikalische Qualität tragen zur steigenden Bekanntheit der Dark-Vatter-Combo bei. Ihr gerade erschienener Titel „Heim nach Kassel“ ist ein kleiner Geniestreich, der alle Voraussetzungen für einen Dauer-Ohrwurm hat: In der Versmetrik von Johnny Cashs „A Boy Named Sue“, gepaart mit einem Refrain, der sich auf alle Zeiten im Ohr festhakt, besingt Timo Israng, wie es dem Kasseläner emotional ergeht, wenn er diverse Winkel der Welt bereist und sich schon bald wieder nach seinem ahlen Nesd an der Fulle sehnt. Weltläufig, poetisch, witzig, mitreißend, sentimental und dennoch kitschfrei – so hat dies bisher kaum je ein Musiker in Kasseläner Mundart vereint.

Musikalisch haben Timo und Nina Israng schon eine gewisse Wegstrecke zurückgelegt. Einige Jahre waren sie mit der Kasseler Beatband „The Montesas“ europaweit erfolgreich und auf Tour, bis sie dieses Kapitel Ende 2012 abgeschlossen haben. „Das Tourleben war irgendwann zu stressig“, sagt Nina Israng. Zwei Töchter, vier und neun Jahre alt, sollten die Wochenenden nicht immer bei der Oma verbringen müssen. Das Paar lebt mit den Kindern im Stadtteil Süsterfeld, er (37) betreibt in Kirchditmold eine Musikschule, sie (35) ist Förderschullehrerin.

Jetzt sind Kassel und die nordhessische Umgebung das musikalische Wirkungsfeld. Ihre selbst empfundene Mission dabei: „Die Faggel d’r Mundaachd weiderdraachen“, wie beide sagen. Zu einem Forum für Szene-Guerilleros des Kasseläner Dialekts hat sich inzwischen die Facebook-Präsenz von Dark Vatter entwickelt.

Der Künstlername leitet sich natürlich vom Star-Wars-Finsterling Darth Vader her. Ein Schlüsselerlebnis für die Israngs war eine mundartliche Produktion des Kasseler Flinntheaters, bei der unter anderem der Name des keuchenden Kino-Bösewichts auf Kasselänerisch verballhornt wurde. „Und sein Lichtschwert“, erinnert sich Nina Israng an die offenbar todkomische Aufführung, „war ’ne stracke Ahle Wurscht.“

Mit dem Kosenamen „Vatter“ hatte sie ihren Timo gelegentlich vorher schon geneckt: „Das hat meine Oma auch immer zum Opa gesagt.“

Von Axel Schwarz

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.