Murhardsche Bibliothek

Zauberhandschrift aus dem 18. Jahrhundert ist entziffert

Haben den Schlüssel zum Geisterbeschwören: Sabina Lüdemann (links) und Dr. Brigitte Pfeil haben das in Geheimschrift verfassten Zauberbuch aus dem 18. Jahrhundert entziffert. Fotos: Rudolph

Kassel. Seit vergangenem September ruhte in der Murhardschen Bibliothek in Kassel zwischen zwei vergilbten Buchdeckeln ein Geheimnis. Für die Handschriftenabteilung hatte die zur Universität gehörende Bibliothek von einem Eschweger Historiker und Sammler ein Manuskript mit rätselhaften Zeichen erworben.

Wegen der alchemistischen Symbole und Pentagramme bezeichneten die Wissenschaftler der Bibliothek das Büchlein aus dem 18. Jahrhundert von Anfang an als Zauberhandschrift. Was genau auf den 86 mit Tinte beschriebenen, und zum Teil von Würmern angefressenen Seiten steht, wussten sie aber nicht.

Jetzt haben zwei Wissenschaftlerinnen der Bibliothek den Geheimcode geknackt und den gesamten Text übersetzt. Es handelt sich um eine Anleitung zum Geisterbeschwören, einen sogegannten Höllenzwang. „Die meisten beschriebenen Geister sind dazu da, verborgene oder verlorene Schätze zu heben. Es ist aber auch einer dabei, der einen Liebeszauber bewirken soll“, sagt Dr. Brigitte Pfeil, stellvertretende Leiterin der Handschriftenabteilung, die zusammen mit ihrer Kollegin Sabina Lüdemann das rätselhafte Buch entzaubert hat.

Schon zu Beginn der Recherche hatten die Wissenschaftlerinnen vermutet, dass das Schreiben aus dem Umfeld der Freimaurer, Rosenkreuzer oder einer anderen Geheimgesellschaft stammen könnte. Schnell war aber klar, dass das Freimaureralphabet nicht mit den Zeichen des Texts übereinstimmt.

Sabina Lüdemann, Leiterin der Hessischen Abteilung der Bibliothek, hatte inzwischen der Ehrgeiz gepackt. Auf einer Zugfahrt nach Marburg, von wo die 36-Jährige nach Kassel pendelt, knobelte sie an der Geheimschrift herum. „Ich habe angenommen, dass der Text auf Deutsch verfasst ist und dann nach häufigen Buchstaben und kleinen Wörtern wie der, die, das gesucht.“ Die studierte Arabistin und Judaistin (Hebräisch), die schon mehrere Alphabete lesen gelernt hat, entdeckte nach kurzer Zeit das relativ einfache Verschlüsselungssystem des Texts.

Hinter jedem Zeichen steht dabei ein Buchstabe. Eine Finte des Autors war allerdings, dass er für Vokale mehrere Stellvertreterzeichen erdacht hat. „Das E zum Beispiel ist im Deuschen der am häufigsten vorkommende Buchtstabe, danach habe ich natürlich gesucht. Wenn es aber durch drei verschiedene Zeichen repräsentiert wird, verringert sich die Häufigkeit im Text“, erklärt Lüdemann, die sich dadurch aber nicht in die Irre führen ließ. Nachdem sie das Alphabet komplett hatte, begann sie mit der Germanistin Brigitte Pfeil, den Text zu übersetzen. „Wir saßen da wie die Erstklässer, die sich aus Buchstaben Wörter zusammenstammeln“, erzählt Pfeil und lacht.

Inzwischen ist ein lückenloser Text daraus geworden. Über den Hintergrund der Entstehung der Zauberhandschrift hingegen wissen die beiden Frauen noch nicht viel. Sie wollen im nächsten Schritt prüfen, ob die Geheimschrift einem gängigen Rosenkreuzer-Code entspricht und zudem ihre Übersetzung für Forscher zur Verfügung stellen, die sich mit Geheimbünden und dem Interesse an Alchemie, Magie und Schatzgräberei Ende des 18. Jahrhunderts auskennen.

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