"Man schenkt sich Erlebnisse, davon kann man ganz lang zehren."

Die Kleinen sollen die Größten sein: Warum Kindergeburtstage heute ein Spektakel sein müssen

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Welche Party wünschst du dir zum Geburtstag? Mit dem Ausblasen von Kerzen ist es heute nicht mehr getan. Kindergeburtstage müssen das ganz große Ding sein.

Früher war es schon etwas Besonderes, wenn man auf einem Kindergeburtstag kegeln durfte. Heute geht man ins Sepulkralmuseum oder in den Actionpark. Was sagt die Eventisierung des Kindergeburtstags über uns aus?

Weil ein Sechsjähriger keine Lust auf das Naturkundemuseum hatte, können sich Mädchen und Jungen in Kassel seit einiger Zeit auf dem Kindergeburtstag mit dem Tod beschäftigen. 2009 rief ein Vater bei Gerold Eppler vom Sepulkralmuseum an und fragte, ob sein Sohn den Geburtstag mit Freunden im Haus auf dem Weinberg verbringen könne. Kunstpädagoge Eppler, der das bundesweit einmalige Museum derzeit kommissarisch leitet, war erst einmal überrascht, denn die Bestattungskultur ist nicht unbedingt das Thema, für das sich Kinder als erstes interessieren.

Dann aber organisierten die Mitarbeiter eine Party rund um Piraten und deren Motiv, einen Totenschädel mit gekreuzten Knochen. Dem Sechsjährigen und seinen Freunden gefiel es. Seitdem finden im Sepulkralmuseum Jahr für Jahr etwa 20 Kindergeburtstage statt, Tendenz steigend. Ob Piraten, Geister oder mexikanischer Zuckerschädel als Oberthema - immer geht es irgendwie um den Tod.

Mit seinem Angebot liegt das Sepulkralmuseum im Trend. Früher wurde auf Kindergeburtstagen Topfschlagen gespielt, heute laden Eltern die Kleinen in Museen, in Actionparks und auf Erlebnisbauernhöfe ein. Warum wurde der Kindergeburtstag zum Event? Wir haben uns umgehört.

Die Expertin

Aus dem Trend zum besonderen Geburtstag hat Iris Timocin eine Geschäftsidee gemacht. Die 31 Jahre alte Mutter zweier Kinder berät in ihrem Familienentspannungszentrum im Kasseler Stadtteil Wehlheiden gestresste Eltern. Irgendwann fragte eine Freundin sie: "Du feierst doch gern Kindergeburtstage, warum organisierst du nicht auch welche?"

Mittlerweile sind Timocins Nachmittage von Donnerstag bis Sonntag ausgebucht. Für 190 Euro bietet sie unter anderem ein dreistündiges Rundum-Sorglos-Paket. Nicht einmal die Einladungskarten müssen die Eltern selbst basteln.

Ihre jüngsten Gäste sind drei Jahre, die ältesten elf. Die Mottos heißen "Willkommen Majestät" für kleine Prinzessinen und "Möge die Macht mit dir sein" beim "Star Wars"-Spezial. Absolute Renner sind jedoch Piraten- und Einhorngeburtstage. Laut Timocin sprechen vor allem zwei Gründe für den besonderen Kindergeburtstag: "Gerade in der kalten Jahreszeit kommen die Leute so raus aus ihrer Wohnung. Und sie müssen sich um nichts kümmern."

Bei den Spielen, mit denen sie und ihre Mitarbeiterin die Gäste unterhalten, ist es aber fast wie früher: "Die Eltern wollen immer etwas Besonderes bieten, aber die Kinder bevorzugen meist doch wieder Stopptanz und Schokoladenwettessen."

Der Actionpark

Irgendwann sind auch die genügsamsten Kinder zu alt für die Reise nach Jerusalem. Dann kommen sie in der ehemaligen Sprengstofffabrik im Hessisch Lichtenauer Stadtteil Hirschhagen auf ihre Kosten. Wo die Nazis einst Munition produzieren ließen, können sich Action-Fans heute mit Farbkugeln beschießen. Paintball heißt der dazugehörige Mannschaftssport für die Älteren. Neunjährige spielen im Actionpark Hirschhagen dagegen Lasertag. Bei der Mischung aus Räuber und Gendarm und "Star Wars" versucht man, den anderen mit einer ungefährlichen Laserwaffe zu treffen.

Einen Zuwachs von zehn Prozent hat Betreiber Eugen Klipan bei Kindergeburtstagen festgestellt. Für ihn ist die Beliebtheit seines Angebots ein allgemeiner Trend: "Man schenkt sich Erlebnisse, davon kann man ganz lang zehren."

Die Museen

Es hat aber auch damit zu tun, dass Kinder heute viel wichtiger sind als früher. "Im 19. Jahrhundert ist das Kind zu einem wichtigen konstituierenden Element der Familie geworden", sagt Museumsleiter Eppler. Das hat sich durch die Geburtenkontrolle noch einmal verstärkt: "Fast alles kann geplant werden. Man will, dass sich das Kind optimal entwickelt."

Vor allem am Geburtstag soll es dem Nachwuchs besonders gut gehen. Darum richten manche Eltern in Geschäften sogar Geschenktische ein, eine Art Wunschzettel, von dem die jungen Gäste für das Geburtstagskind etwas kaufen sollen. So etwas gab es früher nur bei Hochzeiten. Und Einschulungsfeiern werden mittlerweile fast so groß gefeiert wie Eheschließungen, hat Eppler festgestellt. Alles wird optimiert. Ob das besser ist, bleibt die Frage.

Eine Nummer kleiner geht das Ganze nicht nur im Sepulkralmuseum, sondern auch in der Museumslandschaft Hessen Kassel. 70 Kindergeburtstage finden jährlich in den Einrichtungen der MHK statt - von der Gespensterjagd in der Löwenburg bis zur GPS-Rallye durch den Bergpark. Wie und wo man auch immer feiert - zu viele Kinder sollten es nicht sein. Nach wie vor gilt die Faustregel: So alt man wird, so viele Gäste sollten es sein, rät Entspannungsexpertin Timocin.

Dann kann man so viel Spaß haben wie im Sepulkralmuseum. Leiter Eppler sieht manchmal die besorgten Gesichter der Eltern, die ihre Kinder zur Party des Schulfreundes bringen. Wenn sie ihren Nachwuchs wieder abholen und das Strahlen im Gesicht sehen, ahnen sie: Der Tod und alles, was mit ihm zusammenhängt, ist zwar kein Kinderspiel, aber vielleicht auch gar nicht so schlimm.

Alle Beiträge zu unserem Monatsthema "Lasst uns feiern" gibt es hier.

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