Zerstörung von Bauhaus-Lampen sorgte für einen Eklat

Museumsnacht Kassel: Darum war die längste Nacht des Jahres einzigartig

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Macht kaputt, was euch kaputt macht: Die Performance vor der Neuen Galerie, bei der Plagiate der Wagenfeld-Leuchten zerstört wurden. Hier zerschlägt Jens Thumser eine der Lampen.

Tausende Menschen erlebten am Samstag die Kasseler Museumsnacht. Die ist so vielfältig wie das Alphabet. Unser ABC zur Museumsnacht  - mit einem Eklat an der Neuen Galerie.

A wie Anfang: Die Museen öffneten um 17 Uhr, für Evelin Höhne begann die längste Nacht des Jahres jedoch schon zwei Stunden vorher. Da startete die Künstlerin ihre Malaktion im ehemaligen Flughafen-Check-in im Kulturbahnhof. Bis in den späten Abend fertigte sie bunte Porträts an. Einige wird man dort bald wiedersehen: In dem Eckraum öffnet die Galerie „Freiraum für Kulturentfaltung“ (Kubatur), in dem Höhne als eine der ersten Künstler ausstellen wird.

B wie Bilanz: Fällt durchweg positiv aus. Laut ersten Schätzungen zählten die Veranstalter etwa 90 000 Besuche, was zwar 5000 weniger wären als im Vorjahr. In den Häusern lag die Zahl mit 63 000 aber höher als 2018 (61 000). Für Kassels Kulturdezernentin Susanne Völker ist dies ein Indiz dafür, dass „sich die Menschen für die Angebote interessieren“. Schon im Vorfeld hatte sie gesagt: „Die Museumsnacht ist einer der schönsten Termine, den wir im Terminkalender haben.“ Es kann sein, dass sie damit falsch liegt, denn für viele ist es sogar der schönste Termin.

C wie Connichi: Eigentlich ist Luca Käse jedes Jahr auf der Manga-Messe. Diesmal besuchte der 20-Jährige aus Baunatal jedoch die zeitgleich stattfindende Museumsnacht. Im Landesmuseum verkleidete er sich mit einer Mönchskutte, seine Begleiterin Helena Singer (19) lieh sich für ein Foto ein barockes Kleid aus dem Fundus der Museumslandschaft Hessen Kassel. Nicht nur mit der Verkleidungsaktion lockten die Veranstalter viele junge Leute an. Singer fand etwa das Sepulkralmuseum beeindruckend: „Ich hätte nicht gedacht, dass ein Museum, in dem es um den Tod geht, so lebendig und bunt sein kann.“

D wie Dancefloor oder Dach der Grimmwelt: Am Samstag war beides eins. Der Bau erzitterte beinahe unter den basslastigen Elektro-Klängen von DJane Betty Ford. Den Gästen gefiel es.

E wie Eklat: Gab es vor der Neuen Galerie, als Plagiate einer legendären Bauhaus-Lampe zertrümmert wurden. Kopien der Wilhelm-Wagenfeld-Tischleuchte waren in der Bauhaus-documenta-Ausstellung zu sehen. Die Firma Tecnolumen, die die 400 Euro teuren Originale produziert, hatte die Plagiate unter der Bedingung zur Verfügung gestellt, dass sie am Ende zerstört werden – wie Zigaretten-Schmugglerware. Für Kurator Philipp Oswalt war die Performance ein Beitrag zur Debatte über Original und Fälschung. Kunststudentin Karo Achilles protestierte zuvor jedoch mit einem flammenden Appell gegen die Zerstörung. In „vorauseilendem Gehorsam“ erfülle die MHK die „privaten Interessen einer Firma“. Ein Zwischenrufer forderte mitten in der Debatte: „Zerstört die Lampe. Nieder mit dem Bauhaus.“ So kam es dann auch. Politischer war die Museumsnacht selten.

F wie Fotos: Ich-Denkmal, Fotobox, blaue Stunde – die Museumsnacht bot viele tolle Motive. Besonders gefragt waren die „Fotospots“, bei denen man sich fotografieren lassen konnte.

G wie Gsella, Thomas: Dichter, dessen Lesungen in der Caricatura bis auf den letzten Platz gefüllt waren. Von Gsella stammt übrigens auch das lustige Kassel-Gedicht: „Die City wie aus Hass gerührt, / Der Bahnhof ein Schlamassel. / Leb’ du zur Not in Ulm und Fürth, / Doch nie, niemals in Kassel.“

H wie Heiraten: „Wir verheiraten heute alles und jeden“, sagte David Zabel. Für eine Hochzeitsperformance im Theater im Fridericianum (Tif) wurde Zabel für einen Abend zum Priester und Kassel zu Las Vegas. 50 Personen gaben sich unter dem Motto „Love is the answer“ ein Eheversprechen, das allerdings, wenn auch schriftlich festgehalten, nur bis zum nächsten Morgen gültig war.

I wie Informationen: Gab es nicht nur in der Museumsnacht-App, sondern auch in Form des Programmhefts. 35 000 Stück hatte die Stadt drucken lassen – und trotzdem gingen sie am Samstag vorzeitig aus. Auch das ist kein schlechtes Zeiten.

J wie Junggesellenabschied: Zugegeben: Schon wieder geht es um den Bund fürs Leben. Den wird nämlich auch Nonna Holstein demnächst eingehen. Zur Probe heiratete die Göttingerin während ihres Junggesellenabschieds auf der Museumsnacht ihre drei Freundinnen Katharina Hendrich, Pia Kaestner und Mary Käding im Tif. „Schon das war für mich sehr aufregend“, sagte die Braut im Nachhinein. K wie Kinder: Sie standen in diesem Jahr neben Jugendlichen besonders im Fokus und hatten kostenlosen Eintritt. Wahrscheinlich auch deswegen traf man bis spät in die Nacht so viele Familien.

L wie Licht: In ein besonderes Licht gerückt wurden die Kasseler Museen. So fühlte man sich fast ein bisschen wie in einer anderen Welt und nicht in Kassel. Das passte zum Motto der Museumsnacht: „Öffnet Welten.“

M wie Musik: Spielte an diesem Wochenende an vielen Orten – und zwar nicht nur an den vielen Standorten der Museumsnacht, wo zahlreiche Bands auftraten. Zu den drei Open-Air-Konzerten an den Messehallen mit Michael Patrick Kelly, Pur und Wincent Weiss kamen insgesamt 16 500 Fans. Die Manga-Messe Connichi zählte 27 000 Besucher. Spitzenreiter war aber die Museumsnacht (etwa 90 000). In Kassel folgt derzeit ein Mega-Wochenende auf das nächste. Zuletzt war das Sommernachts-Open-Air, nächste Woche ist Marathon, danach radelt ganz Kassel über für den Autoverkehr gesperrte Straßen. Wie gut, dass dann endlich Herbstferien sind und erst einmal Schluss mit Remmidemmi ist.

N wie Naturwissenschaften: Um die ging es beim Science Slam im Naturkundemuseum. Vier Wissenschaftler aus ganz Deutschland hatten jeweils zehn Minuten Zeit, eine Forschungsarbeit vorzustellen. Die Darmstädter Soziologin Fabienne Pasternak etwa erläuterte die „Darstellung von Beziehungen in TV-Soaps“ und rechnete aus: In einer Serie mit 20 Figuren kann es 105 Beziehungen geben. Auch sein unnützes Wissen konnte man also auf der Museumsnacht vertiefen.

O wie Oldtimer: Ob im VW-Bus oder in einem alten Mercedes, wem irgendwann die Füße wehtaten, der konnte auf die „Rollenden Raritäten“ ausweichen. Der kostenlose Shuttle-Service von ADAC und Oldtimer-Besitzern wurde auch im zweiten Jahr gut angenommen.

P wie Prominente: Gab es einige. Der ehemalige Bundesfinanzminister Hans Eichel schenkte im Stadtmuseum Wein aus. In der weltältesten Videothek, dem vom Verein Randfilm betriebenen Film-Shop im Schillerviertel, verdrehte Schauspielerin Beatrice Manowski mittelalten Männern den Kopf. Die 51-Jährige war einst in Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“ und der RTL-Serie „Und tschüss!“ zu sehen. Und auch der ehemalige MTV-Moderator Markus Kavka, der spät in der Nacht im Club „Kleiner Onkel“ als DJ Techno auflegte, schaute zuvor auf der Museumsnacht vorbei.

Q wie Qual der Wahl: Das ist das einzig Negative an   der Museumsnacht – sie bietet so viel, dass man ständig das Gefühl hat, etwas zu verpassen. Gerade hat man eine ungewöhnliche Tanz-Performance im Landesmuseum gesehen, da ruft der Kumpel an, man solle unbedingt ins Technikmuseum kommen, weil da irgendwas mit Feuer sei. Nicht einmal das ÖPNV-Ticket, das jeder Besucher mit der Museumsnacht-Karte gekauft hat, kann in solchen Situationen helfen. Nächstes Jahr lassen wir uns von einem Standort zum anderen beamen.

R wie Rad: Was man damit alles machen kann, demonstrierte die Ausstellung „Fahr Rad“ in der documenta-Halle. Axel Kretschmer fuhr bei seiner Klangperformance mit einem umgebauten Klapprad über eine mehr als 40 Meter lange Luftpolsterfolie aus Plastik. Statt eines Vorderrads hatte er ein Nudelholz montiert. Das Ganze klang wie ein Mix aus Feuerwerk und Minimal Techno. Später konnten Besucher mit Rädern auf einer Rolle fahren, die Strom fürs Kino erzeugte. Die Filme liefen nur, wenn jeder mindestens 50 Watt trat. Gott sei dank bestand das Programm aus Kurzfilmen und nicht drei Stunden „Ben Hur“.

S wie Schlangen: Gab es fast nicht. Am Schloss Wilhelmshöhe mussten Besucher zwischenzeitlich allerdings mehr als eine Stunde auf eine Führung warten.

T wie Trommeln: Brasilianisches Flair verbreitete die Trommel-Gruppe „Vamos lá“ aus Mittelhessen vor dem Fridericianum. Das Publikum klatschte begeistert zu den Klängen. Und auch jemand, der sich sonst nicht für Kunst begeistert und gerade wenig zu feiern hat, tanzte mit Besuchern und Musikern – Totti, Maskottchen des Fußball-Hessenligisten KSV Hessen.

U wie Unterführung: Auch die kann bei der Museumsnacht eine Bühne sein. Der Verein „Raum für urbane Experimente“ ließ im Philosophenweg heimische Künstler wie Markuz Wallach und Alexandra Supertramp auftreten. Passanten blieben stehen und setzten sich zu den Zuhörern auf der Treppe, die zur Tram führt.

V wie verdammt gemütlich: Das waren die Schaukeln auf dem Friedrichsplatz, die die Gruppe Raamwerk aufgestellt hatte. Damit boten die jungen Kreativen eine unterhaltsame Alternative zu den roten Bänken. Vielleicht könnte die Stadt darüber nachdenken, sie stehen zu lassen? Unfreiwillig komisch war daneben die Holzkonstruktion mit der Aufschrift „Zentrum für Kreativwirtschaft“. Auf dem Friedrichsplatz wirkte der Titel wie ein Kommentar zur Großbaustelle, wo nun auch noch ein großer Glaspavillon entsteht. Im Zentrum Kassels sieht derzeit alles ein bisschen aus wie Kreativwirtschaft.

W wie Wesseler, Moritz: Für den Direktor des Fridericianums war es die erste Museumsnacht. Der Kunsthistoriker ist erst seit November 2018 im Amt. „Ich bin am Nachmittag hergekommen und war da schon überrascht, wie viel in der Stadt los ist“, sagte der 40-Jährige: „Es fühlt sich an, als wenn die ganze Stadt ein Volksfest feiert. Ich bin wirklich beeindruckt. Was für eine tolle Atmosphäre. Am liebsten würde ich auf dem Friedrichsplatz tanzen.“

X wie X für ein U: Machte die Wettervorhersage vor. Eigentlich war für den Tag Regen angesagt worden, den suchte man allerdings zumindest am Abend vergebens. Die lauschige Sommernacht aus dem vergangenen Jahr allerdings auch, denn ohne Jacke kam man am Samstag nicht weit.

Y wie Yakitori: Über Yakisoba (Nudelgericht) und Yakitori (Hühnchenspieße) – japanische Speisen – wurde vor dem Kunsttempel diskutiert. Die direkt gegenüber in der Stadthalle stattfindende Connichi, auf der es diese exotischen Gerichte gibt, ist an diesem Wochenende überall in Kassel zu finden. Und eigentlich passt das ja auch ganz gut zur Ausstellung im Kunsttempel „Poesis – Sprachkunst“, denn mit Sprachkunst haben diese ganzen Dinge, die aufgrund der vielen Vokale nicht einfach auszusprechen sind, ja auch irgendwas zu tun.

Z wie Zweitausendzwanzig: 2020 findet die Museumsnacht am 5. September statt.

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