Studie der Uni Kassel zum Unterricht in 8. Klassen: Jungen haben anderes Rollenbild

Musik gilt als unmännlich

Frauke Heß

Kassel. Musik ist ein relativ unbeliebtes Schulfach? Mit dieser häufig von Forschern geäußerten Vermutung räumt eine Studie der Uni Kassel jetzt auf. Allerdings: Bei Jungen in der Pubertät ist Musikunterricht tatsächlich nicht gerade ein Renner. „Musik gilt als Mädchenfach. Es hat ein feminines Image“, sagt Prof. Frauke Heß, Musikpädagogin und geschäftsführende Direktorin des Instituts für Musik an der Uni Kassel.

Und daraus ergebe sich für die ein psychologisches Problem: Insbesondere Singen und Tanzen entspreche nicht dem männlichen Rollenbild, das die meisten Jungen von sich selbst haben. Darin seien sie so gefangen, dass sie sich quasi zwangsläufig von diesen „femininen“ Tätigkeiten distanzieren.

Für ihre Studie hat die Wissenschaftlerin die Antworten von mehr als 1000 Achtklässlern aus 19 hessischen Schulen ausgewertet. Danach rangiert der Musikunterricht unter den Lieblingsfächern der Schüler immerhin mit einem sechsten Platz im oberen Drittel. Offensichtlich gehört das Fach aber vor allem bei Mädchen zu den Favoriten. Mehr als die Hälfte ihrer männlichen Mitschüler stufen Musik in die Kategorie „Mädchenfach“ ein, lediglich 5,5 Prozent sehen es als „Jungenfach“ an.

„Sich für ein ,Mädchenfach‘ zu interessieren, ist für pubertierende Jungen mit einem Imageverlust verbunden“, erklärt Heß. Schule müsse dem geschlechtsspezifischen Image etwas entgegensetzen, sagt die Forscherin. „Denn im Idealfall bietet Musikunterricht Jungen neue Ausdrucksmöglichkeiten.“ Wege, den Unterricht attraktiver zu machen, deutet die Musikpädagogin an: Jungen müsse phasenweise ein Schonraum geboten werden, beispielsweise durch reine Jungengruppen im Musikunterricht.

Häufig sei es so, das zeige die Studie deutlich, dass die thematischen Angebote im Musikunterricht besonders stark von den Interessen der männlichen Schüler abwichen. In einer im Fachgebiet Musikpädagogik entstandenen Dissertation zeigte sich das geschlechtsstereotype Männlichkeitsideal bereits im Grundschulalter: „Im dritten Schuljahr stehen viele Jungen beispielsweise auf Gangsta Rap“, berichtet Heß. Diese Vorliebe dürfte ebenfalls viel mit dem Männlichkeitsideal von Jungen in Zusammenhang stehen.

Die Professorin hat die Förderung einer Anschlussstudie beim Land Hessen beantragt. Wenn das klappt, will sie direkt in den Klassen mit Haupt- und Realschülern arbeiten, um konkrete Vorschläge für einen geschlechtersensiblen Unterricht zu entwickeln. Ziel sei es, die Hürden für Jungen beim Zugang zur Musik zu verringern. (pdi)

Von Peter Dilling

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