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Sohn arbeitet Geschichte seiner Mutter auf: Musik war ihre Rettung im KZ

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Von: Thomas Siemon

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Alice Försterling, die das Konzentrationslager überlebte, mit einer Laute.
Ein Leben mit der Musik: Alice Försterling war Pianistin, spielte aber auch andere Instrumente wie die Laute. © privat

Die Musik hat seiner Mutter das Leben im Konzentrationslager gerettet. Davon ist Klaus Försterling aus Kassel überzeugt.

Kassel – Der 82-Jährige, der in Niederzwehren wohnt und seit 1957 mit einer Kasselerin verheiratet ist, hat seine Familiengeschichte akribisch aufgearbeitet. Auch deshalb, um den blinden Fleck in der eigenen Biografie irgendwie mit Leben zu füllen. „Über das, was in der Nazizeit passierte, wurde in unserer Familie kaum geredet“, sagt er. Vor ein paar Jahren hat er von einem Cousin umfangreiche Unterlagen bekommen und daraus vieles rekonstruiert.

Die Mutter, Alice Försterling (Jahrgang 1897), war Mitglied der Reichsmusikkammer und zu Beginn der NS-Diktatur eine begeisterte Anhängerin von Adolf Hitler. Für den Führer hat sie sogar ein Gedicht geschrieben. Mit dem Kriegsbeginn änderte sich allerdings die Einschätzung. Die Pianistin und Musiklehrerin unterrichtete auch jüdische Schüler und weigerte sich, zum Beispiel Stücke des jüdischen Komponisten Mendelssohn aus dem Repertoire zu nehmen.

Familie lebte damals in Bad Karlshafen

Die Familie wohnte damals in Bad Karlshafen. Dort wurden in einem Lager auch französische Kriegsgefangene untergebracht. Einer von ihnen sollte den Försterlings bei der Gartenarbeit helfen. „Meine Mutter sprach gut französisch“, sagt Klaus Försterling. Da der Gefangene zudem Klavier spielen konnte, entwickelte sich eine freundschaftliche Beziehung. Als das der Lagerleitung auffiel, durfte der Gefangene das Lager nicht mehr verlassen. Eines Nachts flüchtete er und klopfte an die Tür von Alice Försterling. Die versteckte den Mann im Keller.

Kurze Zeit später habe die Gestapo nach dem Mann gefahndet und ihn in seinem Versteck bei den Försterlings gefunden. „Meine Mutter kam in Kassel vor Gericht und wurde verurteilt“, sagt Klaus Försterling.

Nach einem Artikel in der HNA über den 80. Jahrestag der Deportation der Kasseler Juden hat er Kontakt zur Zeitung gesucht. Bereits vor einigen Jahren hatte er Teile der Familiengeschichte erzählt, mittlerweile konnte er viele Unterlagen einsehen und weitere Puzzlestücke zusammenfügen.

Klaus Försterling
Klaus Försterling aus Kassel-Niederzwehren. © Thomas Siemon

Mann aus Kassel arbeitet Familiengeschichte auf: „Ich wollte immer wissen, was damals passiert ist“

„Ich wollte immer wissen, was damals passiert ist“, sagt er. Denn die Verhaftung der Mutter hatte gravierende Folgen. Weil der Vater als Soldat im Krieg war, wurden die drei Kinder aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen. Die älteren Geschwister durften nicht mehr in die Schule gehen und mussten bei Bauern in der Umgebung helfen. Der Jüngste kam zu einer Pflegemutter.

Seine leibliche Mutter sollte Klaus Försterling erst nach Kriegsende wiedersehen. Die war nach der Verurteilung in Kassel zunächst nach Ziegenhain gebracht worden. Später wurde sie dann in ein Außenlager des KZ Theresienstadt deportiert. Über diese Zeit habe sie auch Jahre später kaum geredet. Fest steht nur, dass sie als Pianistin im KZ-Orchester mitwirkte. Die Gefangenen mussten für ihre Peiniger musizieren.

Der Ausweis der Musikerzieherin Alice Försterling.
Der Ausweis der Musikerzieherin Alice Försterling. © privat

„Meine Mutter hat Appelle erwähnt, bei denen alle Insassen auf dem Hof antreten mussten und bei denen selektiert wurde“, sagt Klaus Försterling. Weil sie im Orchester spielte, sei sie verschont geblieben. Der Weg in die Gaskammer sei seiner Mutter deshalb erspart geblieben. Nach dem Krieg hat Alice Försterling den Neuanfang in Hofgeismar versucht. Die Ehe war bereits 1943 geschieden worden.

Mit seinen mittlerweile verstorbenen älteren Geschwistern habe er nie über diese Zeit reden können, sagt Klaus Försterling. Wohl auch deshalb nicht, weil ihnen die Verurteilung der Mutter peinlich war. Die ist nach dem Krieg nicht nach Bad Karlshafen zurückgekehrt, sondern hat in Hofgeismar wieder als Musiklehrerin gearbeitet.

Mann aus Kassel erbt Begeisterung für die Musik von seiner Mutter

Sie hat ihm Kompositionen hinterlassen, aber viele Fragen sind lange unbeantwortet geblieben. Jetzt hat der Mann, der als Ingenieur beim Staatsbauamt gearbeitet hat, alles zusammengetragen, was er finden konnte. Jede Menge Ordner, Dokumente, Briefe und auch Fotos. Die Zeit als Kleinkind, als er von seiner Mutter getrennt war, kann ihm niemand zurückgeben. Aber immerhin ist der blinde Fleck in seinem Leben nicht mehr ganz so groß.

Die Begeisterung für die Musik hat Klaus Försterling von seiner Mutter geerbt, die 1974 starb. Er komponiert, hat zu Anton Bruckner geforscht und ist bis heute im Kasseler Konzertchor aktiv. Als vor zweieinhalb Jahren die neu gebaute Hafenanlage in Bad Karlshafen eröffnet wurde, gab es eine musikalische Premiere. Das Karlshafenlied stammt aus dem Jahr 1935. Alice Försterling hat es geschrieben, aber nie veröffentlicht. Es gehört zu den Entdeckungen, die ihr Sohn gemacht hat. (Thomas Siemon)

Zuletzt sind bisher noch bislang noch unveröffentlichte Fotos vom alten Kassel aufgetaucht. Sie zeigen die Stadt vor der Bombennacht im Zweiten Weltkrieg.

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