OB Hilgen: Wenn Land Mehrkosten auf Stadt abwälzt, wird Einrichtung dichtgemacht

Musikakademie in Not

Die Musikakademie ist auch eine Bereicherung des Kasseler Musiklebens. Unser Foto entstand 2011 bei einem gemeinsamen Konzert von Akademiechor und Akademieorchester in der Karlskirche. Archivfoto: Schoelzchen

Kassel. Monatelang schien die Kasseler Musikakademie auf bestem Wege: Mit der Einführung der neuen Bachelor-Studiengänge und der Umwandlung von einer Fachschule in eine Berufsakademie schien die Einrichtung einer guten Zukunft entgegenzugehen.

Seit gestern steht dies alles infrage: Oberbürgermeister Bertram Hilgen, der auch Kulturdezernent ist, drohte damit, die Musikakademie abzuwickeln, falls das Land Hessen künftige Mehrkosten der Einrichtung auf die Stadt abwälzt. Dies sind die Knackpunkte:

• Finanzierung: Bisher bezahlt das Land Hessen die Personalkosten der Kasseler Musikakademie (wie auch der Akademien in Wiesbaden, Darmstadt und Frankfurt). In Kassel sind dies rund 1,67 Millionen Euro jährlich. Die Stadt Kassel übernimmt Sachkosten und weitere Kosten (Leitung, Hausmeister) in Höhe von 438.000 Euro jährlich. Hilgen zufolge hat das Land signalisiert, künftig statt des Lehrpersonals Studienplätze zu finanzieren - bei 160 veranschlagten Studienplätzen gut 10.000 Euro pro Platz und Jahr. Entscheidend: Das Land wolle diese Kosten deckeln, so die Stadt. Tarifsteigerungen gingen zulasten der Kommune. Bei drei Prozent Gehaltszuwachs wären dies rund 47.000 Euro in einem Jahr.

• Gastschulbeiträge: Weil die Musikakademie künftig keine Fachschule mit Schülern, sondern eine Berufsakademie mit Studierenden ist, entfallen für die Stadt Kassel die Gastschulbeiträge für Jungmusiker, die von außerhalb kommen: rund 25.000 Euro pro Jahr.

• Bafög-Berechtigung: Eine weitere, für viele Studierende dramatische Folge des ungeklärten Status der Musikakademie beschrieb gestern Akademieleiter Dr. Peter Gries: Weil das Land beim Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft nicht dafür gesorgt habe, dass die hessischen Musikakademien nach ihrer Neuausrichtung bafög-berechtigt seien, stünden viele Studierende - geschätzt etwa 50 - ab dem 1. September ohne staatliche Unterstützung da. Dies könne dazu führen, dass einzelne Studierende ihre Ausbildung abbrechen müssten. Auf diesen drohenden Zustand habe man das Land seit einem Jahr mehrfach hingewiesen, aber nichts sei geschehen.

Angesichts dieser Lage richtete OB Hilgen gestern einen „ernst gemeinten Hilferuf“ an Staatsministerin Eva Kühne-Hörmann. Das Land müsse rechtsverbindlich zusagen, auch künftig Kosten der Musikakademie mindestens im bisherigen Umgang zu tragen, sodass der Stadt Kassel keine zusätzlichen Kosten entstünden.

Der Magistrat der Stadt hat die Neuausrichtung der Musikakademie gebilligt, am 8. Oktober sollen die Stadtverordneten zustimmen. Die Zukunft der Musikakademie ist damit aber längst nicht geklärt.

Von Werner Fritsch

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