Muslime der Milli-Görüs-Gemeinde: "Nichts zu verbergen"

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Versteckt gelegen an der Mauerstraße: Der Gebetsraum der Al-Rahman-Moschee.

Kassel. Auch in Kassel gibt es eine islamistische Gemeinde Milli Görüs. Sie hat rund 160 Mitglieder. Man hat sich in einem Hinterhof auf mehreren Etagen an der Jägerstraße eingerichtet. Dort beten die Gläubigen in der Ayasofya-Moschee.

Zum Freitagsgebet kommen weit über 300 Muslime in die Moschee - sie stammen aus der Türkei, aus Afrika, Indonesien oder China. Darunter sind viele Studenten - die Nähe der Moschee an der Jägerstraße zur Universität am Holländischen Platz lockt zusätzlich viele junge Menschen an.

Versteckt gelegen an der Mauerstraße: Der Gebetsraum der Al-Rahman-Moschee.

Dass man im Visier des Verfassungsschutzes steht, versteht die Gemeinde nicht, sieht es aber gelassen. „Wir arbeiten doch nicht gegen den Staat, in dem wir friedlich leben“, sagt der Vorsitzende der Kasseler Milli-Görüs-Gemeinde, Mehmet Saroglu. Er selbst sei 1981 nach Deutschland gekommen, arbeite in Kassel, habe die deutsche Staatsangehörigkeit, seine Kinder seien in Kassel geboren, er zahle hier Steuern und die Gemeinde existiere seit 26 Jahren in Kassel, ohne dass etwas vorgefallen sei. „Wir sind Teil dieser Gesellschaft“, sagt Mehmet Saroglu. „Kassel ist unsere Heimat.

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Und wie fühlt es sich an, möglicherweise Spitzel in den eigenen Reihen zu haben? „Sollen sie doch spionieren“, sagt Gemeindemitglied Selim Kösker, der an der Uni Kassel Maschinenbau studiert. „Wir haben nichts zu verbergen. Unsere Türen sind offen. Für jeden.“ Trotz der möglichen Bespitzelung hätten die Gemeindemitglieder Vertrauen in den deutschen Staat, sagt Mehmet Saroglu. „Wenn man nichts macht, dann geschieht einem auch nichts.“ Man wolle nur „so gut wie möglich“ die eigene Religion ausleben.

„Wir leben nach dem Koran“, sagt ein anderes Gemeindemitglied. Aber man respektiere auch andere Religionen. Dass man beobachtet werde, hält der Mann für möglich.

Erkenntnisse, die nicht im Einklang mit dem Gesetz stehen, würde der Verfassungsschutz in Kassel nicht gewinnen können. Selim Kösker: „Besser als das Bespitzeln wäre es doch, wenn man offen auf uns zukäme und mit uns sprechen würde.“

Blick in die Al-Huda-Moschee des Islamischen Zentrums an der Erzbergerstraße: Rechts im Bild Imam Mahmoud Abdulaziz, links der Vereinsvorsitzende Omar Dergui.

Insgesamt gibt es in Kassel 18 Moscheen und muslimische Gebetsräume. Wie viele davon direkte Kontakte zu den Salafisten haben, darüber gibt es keine offiziellen Angaben. Auch bei der Polizei nicht. Dort heißt es lediglich, man habe die Szene „im Blick“.

An einer öffentlichen Verteilung des Koran im Mai dieses Jahres in Kassel hatte sich die Al-Rahman-Moschee an der Mauerstraße beteiligt. Ziel sei es damals nach Auffassung des Verfassungsschutzes gewesen, Anhänger für den Salafismus zu werben.

Hintergrund: Salafisten unter Beobachtung

Der Salafismus ist eine islamische Ideologie, die nach Sicht des Verfassungsschutzes Grundrechten wie Freiheit, Gleichheit und Menschwürde widerspricht. In letzter Konsequenz wollen die Salafisten einen islamistischen Gottesstaat errichten. Zu den Regeln gehören Körper- und Todesstrafen, etwa Steinigung bei Ehebruch. Salafisten fordern die volle Verschleierung der Frau und lehnen den jüdischen und christlichen Glauben als gleichberechtigte Religionen neben dem Islam ab.

Von Frank Thonicke

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