Spektakuläre Befreiung aus Berghotel am Gran Sasso vor 70 Jahren

Kasseler Zeitzeuge erinnert sich: Mussolini mit Fieseler Storch befreit

Nach der Landung auf dem Gran Sasso: Der Fieseler Storch wird auf den Abflug mit Mussolini vorbereitet. Die Soldaten kehrten mit der Seilbahn ins Tal zurück. Fotos: privat/nh

Kassel. Die Bilder gingen damals um die Welt. Im September 1943 befreiten deutsche Fallschirmjäger den inhaftierten italienischen Diktator Benito Mussolini. „Ohne den Fieseler Storch wäre das alles nicht möglich gewesen“, sagt einer, der damals dabei war.

Mussolini war in einem Berghotel auf dem Gran Sasso gefangen gehalten worden. Ein vermeintlich sicherer Ort, der eigentlich nur mit einer Seilbahn zugänglich war.

Auf dem Gran Sasso: Das Berghotel, in dem der gestürzte Diktator gefangen gehalten wurde, mit zwei Lastenseglern.

90 Jahre ist der im Kasseler Stadtteil Rothenditmold aufgewachsene Harry Mertin alt. Wahrscheinlich ist er der letzte Überlebende von 120 Männern seiner Staffel, die zum Luftlandegeschwader 1 gehörten. Er habe damals keine Ahnung gehabt, was das Ziel des Einsatzes war. „Das war streng geheim, wir haben erst am Abend nach dem Einsatz aus dem Radio erfahren, was passiert ist“, erinnert er sich.

Früh morgens begann das sogenannte Unternehmen Eiche damit, dass am Standort des Luftlandegeschwaders mehrere Kilometer vom Gran Sasso entfernt zehn Lastensegler in die Luft gezogen wurden. Diese Segelflugzeuge waren nur für einen einmaligen Einsatz konstruiert. „Zwölf Mann mit Ausrüstung passten in die Segler“, sagt Mertin. Als Schleppmaschinen wurden Henschel-Flugzeuge eingesetzt. Die HS 126 brachte die Segler in die Luft, die auf dem 2000 Meter hohen Berg Gran Sasso landeten.

Harry Mertin erinnert sich daran, dass die eigentliche Aktion von Fallschirmjägern ausgeführt wurde. Mit dabei sei auch ein SS-Mann gewesen. „Der hat alle überragt und war mindestens zwei Meter groß“, sagt er. Es handelte sich um den Hauptsturmführer Otto Skorzeny, den die Nationalsozialisten unmittelbar nach der Befreiung Mussolinis als Helden feierten.

Video: Der Fieseler Storch

Alles über den Fieseler Storch im RegioWiki

Dabei hätte Skorzeny fast dafür gesorgt, dass die Aktion gescheitert wäre. Die Bewacher des Duce, wie Mussolini genannt wurde, hatten ihren Gefangenen ohne großen Widerstand laufen lassen. Für seinen Abtransport war ein erfahrener Pilot mit einem Fieseler Storch auf dem Bergplateau gelandet. Skorzeny bestand darauf, dass er mitfliegen wollte.

In der dünnen Höhenluft war der Storch mit einem Piloten und zwei Passagieren eigentlich überladen. Angeblich ist der Storch unmittelbar nach dem Start bedrohlich durchgesackt, ehe der Pilot das Flugzeug stabilisieren konnte. Von einem kleinen Flughafen in der Nähe von Rom wurde Mussolini dann zusammen mit Skorzeny nach Deutschland geflogen. Hitlers Propagandamaschine feierte die Befreiung des Duce als großen Erfolg. Wer so etwas schafft, kann den Krieg doch noch gewinnen, lautete die Botschaft.

Kein Benzin mehr

Daran glaubte nicht einmal ein einfacher Unteroffizier wie Harry Mertin. „Wir haben an dem Abend zwar gefeiert, aber dann ging der Alltag im Krieg schnell weiter“, sagt er. Ein halbes Jahr später wurde seine Staffel aufgelöst. „Wir hatten kein Benzin mehr, die Maschinen waren kaum noch einsatzfähig“, sagt Harry Mertin. Er sollte mit einer Handvoll Männern und einigen Panzerfäusten den Vormarsch der Alliierten im Raum Aschaffenburg stoppen. „Wir waren uns einig, dass das überhaupt keinen Sinn mehr machte“, sagt der 90-Jährige. Sie haben die vorrückenden Panzereinheiten nur beobachtet und so den Krieg überlebt.

Von Thomas Siemon

Unternehmen Eiche: Als Mussolini mit dem Fieseler Storch floh

Video: Fieseler Storch fliegt wieder

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