HNA-Interview mit Diana Brencher

Nach Kritik an Aufklärungsbuch: Sexualpädagogin antwortet

Stießen auf Kritik: Solche Illustrationen im Aufklärungsbuch „Wo kommst du her?“ aus dem Verlag Loewe. Foto: Verlag Loewe

Kassel. Ein Aufklärungsbuch für Kinder ab fünf Jahren hat kürzlich in Berlin wegen detaillierten Schilderungen und Zeichnungen für Diskussionen gesorgt. Wie sieht eine angemessene Sexualerziehung für Kinder in Grundschulen aus? Darüber sprachen wir mit der Sexualpädagogin Diana Brencher von Pro Familia.

Frau Brencher, warum ist die sexuelle Aufklärung von Kindern bereits in der Grundschule so wichtig?

Diana Brencher: Es gibt einige Gründe dafür. Ganz banal: Kinder haben Fragen und wollen Antworten, auch zum Thema Sexualität. Sexuelle Aufklärung ist eine wichtige Prävention vor sexueller Gewalt. Sie hilft Kindern beispielsweise, ihre Grenzen einzuschätzen und kann dazu beitragen, die Persönlichkeit zu stärken. Außerdem schätzen es Kinder wie auch Jugendliche, wenn sie neben dem Elternhaus noch andere Ansprechpartner zu dem Thema haben, umso mehr, je konkreter die Fragen werden. Sexuelle Bildung ist wichtig für eine glückliche Sexualität. Die Sexualerziehung ist zudem ein Bildungsauftrag und seit Ende der 1960er-Jahre im schulischen Lehrplan verankert.

Warum ist Sexualerziehung so ein heikles Thema in der Gesellschaft?

Brencher: Die Gesellschaft schaut durch die Brille von Erwachsenen auf das Thema. Bei Erwachsenen berührt es Schamgrenzen. Auch der Schutz der Kinder spielt eine wichtige Rolle. Kinder sehen es ganz anders. Sie sind unbefangen und wollen Antworten. Und Aufklärung führt auch nicht zu einer früheren Sexualität. Das ist durch Studien belegt.

Wie detailliert dürfen Schilderungen, Materialien und Zeichnungen sein?

Brencher: Man muss Kindern nicht den Geschlechtsakt bis ins Detail erklären. Andererseits schädigt es Kinder nicht, wenn sie detaillierte Materialien und Zeichnungen, etwa einen Penis oder eine Scheide, sehen, vorausgesetzt, es wird positiv damit umgegangen. Wir arbeiten beispielsweise oft mit Modellen aus Samt, die etwa eine Gebärmutter, einen Penis oder eine Scheide darstellen.

Werden Grundschullehrer in Sachen Sexualkundeunterricht speziell geschult?

Brencher: In der Ausbildung von Lehrern wird das Thema Sexualerziehung leider nur am Rande oder gar nicht behandelt. Unsere Erfahrung zeigt aber, dass viele Grundschullehrer, gerade an Kasseler Schulen, gut und behutsam das Thema vermitteln. Wir haben bisher noch keine Beschwerden seitens der Eltern erhalten. Außerdem bietet Pro Familia ergänzend Fortbildungen für Lehrer wie auch Erzieher in Sachen Sexualkundeerziehung an und steht Schulen und Kindertagesstätten beratend zur Seite.

Wie sieht ein angemessener Sexualkundeunterricht an Grundschulen aus?

Brencher: Es gibt kein Patentrezept. Wichtig ist die Haltung der Lehrer. Sie müssen zunächst ihre eigenen Grenzen und Emotionen reflektieren. Dazu gehören Fragen wie „Was will und kann ich vermitteln?“ oder „Wie gehe ich mit der Unterschiedlichkeit der Kinder um?“

Was sollte den Schülern vermittelt werden?

Brencher: Wichtig ist, dass Sexualität positiv vermittelt wird. Sie gehört zum Leben dazu und ist ein zentraler Bestandteil des Menschen. Grundschüler sind unbefangen und fragen das, was sie interessiert. Andererseits sollten Lehrer auch ehrlich sagen, wenn sie eine Frage nicht beantworten wollen.

Gibt es bestimmte Methoden, die sich bewährt haben?

Brencher: Meiner Ansicht nach sollte es im Sexualkundeunterricht keine Noten geben. Jedes Kind sollte so sein dürfen, wie es ist. Ab der vierten Klasse ist die Trennung in Jungen- und Mädchengruppen sinnvoll, gerade wenn es um den eigenen Körper geht. Es ist beispielsweise wichtig, mit Mädchen über Menstruation zu sprechen. Für Jungen sind männliche Gesprächspartner häufig hilfreich. Auch die Möglichkeit, Fragen anonym zu stellen, etwa mithilfe von Briefkästen, hat sich bewährt.

Wann sollte im Elternhaus die Aufklärung beginnen?

Brencher: Eltern sollten beobachten, in welcher Phase sich ihr Kind befindet. Wenn Kinder Fragen stellen, sollten sie auch Antworten bekommen. Gleichzeitig sollte man Kindern aber auch Informationen anbieten. In der Pubertät ist Kindern das Thema häufig peinlich. Deshalb sollte die Aufklärung im Wesentlichen vorher stattfinden, aber im Grunde das ganze Leben begleiten.

Von Mirko Konrad

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