Beobachtungen aus dem Stadtgebiet

Betriebsversammlung und Tram-Ausfall bei KVG: Welche Folgen hatte das für Kassel?

Über Stunden galt am Montag in Kassel und Umgebung ein Notfahrplan für Busse und Bahnen. Der Grund: die Betriebsversammlung der KVG. Welche Folgen hatte der Stillstand auf Zeit?

Aktualisiert um 17.04 Uhr - Ein Blick auf verschiedene Orte in und um Kassel.

  • Montagmorgen, 9.15 Uhr, entlang der Linie 1 in Vellmar: An den Haltestellen ist deutlich weniger los als gewöhnlich. Nahe dem Festplatz, wo sonst Menschen auf die Straßenbahn warten, blasen die städtischen Mitarbeiter das letzte Herbstlaub zusammen. An der Haltestelle Dörnbergstraße steigen gegen 9.20 Uhr eine Handvoll Passagiere in den Bus; eine rumänische Familie wartet auf die Tram nach Kassel. Sie hat Glück: Noch acht Minuten, so heißt es auf der Anzeigetafel, dann wird die Linie 1 halten. Ob es bis zum Nachmittag die letzte sein wird? Dass Trams zwischen 9.30 Uhr und 15 Uhr ausfallen, davon hatte die Familie noch nichts gehört. Warum denn nicht, fragt der Vater in gebrochenem Deutsch.
  • Es ist jetzt nach 10 Uhr, die Busse und Bahnen der KVG fahren nicht. Sigrid Fülling verkauft Zeitschriften, Tabak und Fahrkarten in dem Kiosk auf dem Opernplatz. Wie ist ihr Eindruck? Ist weniger los als sonst? Nein, die Stadt sei genauso belebt wie sonst auch an einem Montagvormittag, sagt Fülling. Was sie wundert. „Alle kaufen bei mir Fahrkarten für die Straßenbahn. Dabei fährt die heute doch gar nicht.“
  • Erstaunlich ruhig ist es am späteren Vormittag auf dem KVG-Betriebshof in Bad Wilhelmshöhe. Viele Straßenbahnen sind hier gar nicht erst eingerückt, sondern werden auf der Strecke geparkt. So stehen während der Betriebsversammlung in der Stadthalle auf dem Bebelplatz sechs Straßenbahnen im Bereich der Haltestelle und noch einmal drei Busse rund um den Platz verteilt. Nichts geht mehr? Zumindest für Mitarbeiter der KVG gilt das nicht. Mit Sonderfahrzeugen werden sie zur Stadthalle und am Nachmittag wieder zurück zum Betriebshof in Wilhelmshöhe gebracht. Insbesondere am Bahnhof gibt es Menschen, die gern mitgefahren würden. Die Türen bleiben an der Haltestelle aber zu.
  • Auf das Geschäft der Galeria Kaufhof hätten sich die fehlenden Straßenbahnen bemerkbar gemacht, sagt Geschäftsführer Stephan Engel am frühen Nachmittag. „Es fehlen ein paar Prozentpunkte, die Umsatzkurve liegt auf alle Fälle unter dem Vorjahr.“ Auch im Restaurant habe sich das bemerkbar gemacht. „Es war am Mittag weniger Trubel als sonst“, sagt Engel. Er hoffe, dass die Kunden, die am Montag weggeblieben sind, am Dienstag ihre Einkäufe nachholen werden.
  • Margit Althoff aus Vellmar ist als Betroffene gut informiert: „Es hat ja zweimal in der Zeitung gestanden.” Sie ist mit dem Bus zur Wendeschleife an der Holländischen Straße gefahren, kann dort aber noch in eine (die letzte?) Straßenbahn umsteigen. Die hätte sie auch ab Vellmar nehmen können. Aber sicher ist sicher, “man konnte ja nicht wissen, wann genau die KVG-Mitarbeiter den Betrieb einstellen”, sagt die Vellmarerin, die oft und gern mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Ja, sie habe Verständnis, dass es wegen der Betriebsversammlung nur einen Notfahrplan gibt. Schließlich gehe es um die Zukunft der Mitarbeiter. “Alles wird teurer, auch die Fahrkarten, aber fragen Sie mal einen Fahrer, was er davon hat.”
  • Auch Autofahrer gab es natürlich am Montag in der Stadt. Es waren gefühlt ein wenig mehr unterwegs als sonst. Von Staus an den großen Kreuzungen wie am Altmarkt aber keine Spur. Es ging ziemlich flott voran in Kassel..


    Worum ging es bei der Betriebsversammlung?

    Im voll besetzten Festsaal der Stadthalle ging es am Montagvormittag um die Zukunft des Stadtkonzerns Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH (KVV) und der insgesamt 1900 Mitarbeiter. Sie hatten einen großen Informations- und Diskussionsbedarf in der Betriebsversammlung, bei der auch der geplante Abbau von rund 350 Arbeitsplätzen vor allem bei Städtischen Werken und Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) im Blickpunkt stand. 

    81 Fragen aus den Reihen der mehr als 1400 Beschäftigten, die zur Versammlung gekommen waren, wurden bis 14 Uhr beantwortet und debattiert. Mit in der Versammlung war auch Kassels Oberbürgermeister und KVV-Aufsichtsratschef Christian Geselle (SPD). Er hatte betont, wie wichtig der sichere Fortbestand des Stadtkonzerns für das Funktionieren der Stadt und für die kommunalen Finanzen ist.

    Um den städtischen Unternehmen im knallharten Wettbewerb und in einem immer schwieriger werdenden Markt die Zukunft zu sichern, soll kräftig auf die Kostenbremse getreten werden. Die Kosten sollen künftig um etwa 27 Millionen Euro jährlich sinken, um wettbewerbsfähig zu bleiben. So sieht es der Zukunftssicherungspakt vor, den Unternehmensleitung und Gewerkschaft Verdi geschlossen haben. Auch Verdi-Bezirksgeschäftsführer Axel Gerland machte deutlich, dass sich die Betriebsräte in den mitbestimmten Unternehmen nicht vor ihrer unternehmerischen Mitverantwortung wegducken dürften.

    Betriebsbedingte Kündigungen werden im Zukunftssicherungspakt bis Ende des Jahres 2026 ausgeschlossen. Der Personalabbau soll vor allem dadurch erfolgen, dass Mitarbeiter, die in Rente gehen oder aus privaten Gründen den Job wechseln, nicht mehr ersetzt werden. Zudem wird überlegt, Mitarbeitern Geld anzubieten, wenn sie freiwillig ausscheiden. Und befristete Arbeitsverhältnisse sollen nicht verlängert werden.

    Nach dreistündiger Versammlung machten sich die Teilnehmer ab 14 Uhr wieder auf den Weg an die Arbeit. Nach 15 Uhr rollte der Tram- und Busverkehr wieder weitgehend in gewohntem Umfang. „Die KVG-Betriebsversammlung ist beendet und der Verkehr ist wieder planmäßig angelaufen“, meldete die KVG um 15.11 Uhr.

    Vormittags hatte das Nahverkehrsunternehmen nur einen Notverkehr aufgeboten. Weil die Straßenbahnen und Busse nicht komplett in die Depots gefahren, sondern in größerer Zahl an verschiedenen zentralen Standorten – zum Beispiel am Bebelplatz und an der Ottostraße – abgestellt wurden, kam der öffentliche Nahverkehr wieder flott in Gang. Dahinter steckte viel Planung und „eine tolle Arbeit der Leitstelle“, die voll besetzt gewesen sei und auch den Ersatzverkehr koordiniert habe, sagt KVG-Sprecherin Heidi Hamdad.

Rubriklistenbild: © Foto: Koch

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