Politischer Hintergrund der Tat vermutet

Nach Brandanschlag auf sein Haus liest Kasseler Autor unter Polizeischutz

+
Vor seinem Haus explodierte ein Molotow-Cocktail: Der Kasseler Autor Matthias Gibert vermutet, dass sein Krimi „Tödlicher Befehl“ das Motiv für die Tat sein könnte.

Auf das Haus der Kasseler Schriftstellers Matthias Gibert wurde ein Brandanschlag verübt - nachdem er einen türkeikritischen Krimi veröffentlichte.

„Entschuldigen Sie, wenn ich ab und an ein Gähnen unterdrücken muss, aber ich schlafe zur Zeit nicht so gut“, sagt Matthias Gibert zu Beginn unseres Gesprächs. Seit fast vier Wochen lebt der Kasseler Krimiautor unter größter Anspannung. Grund dafür ist ein Brandanschlag auf sein Haus. Die Polizei schließt einen politischen Hintergrund nicht aus.

Das Motiv könnte der im August veröffentlichte Krimi des 58-Jährigen sein. In dem Roman „Tödlicher Befehl“ gibt ein fiktiver türkischer Staatspräsident den Mord an einem deutsch-türkischen Regimekritiker aus Kassel in Auftrag.

Hier geht es zu unserer Kritik zu "Tödlicher Befehl"

Den Zusammenhang zwischen dem Buch und dem Molotow-Cocktail, der vor Giberts Haustür explodiert ist, legen zumindest Flugblätter mit dem Konterfei des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und der türkischen Fahne nahe, die nach dem Anschlag auf Giberts Hof verteilt herumlagen.

Der gebürtige Südhesse steht noch merklich unter dem Eindruck des Vorfalls in der Nacht vom 20. auf den 21. September. Er sei an dem Abend in bester Laune von einer Lesung nach Hause gekommen und gegen Mitternacht zu Bett gegangen, schildert er die Tatnacht. 

Gegen 3.15 Uhr sei er durch „einen irrsinnig lauten Schlag an der Haustür“ wach geworden. „Ich konnte erst nicht orten, woher das Geräusch gekommen war. Es roch nach Benzin“, erinnert er sich. Dann habe er durch das Milchglas in seiner Haustür ein Flackern gesehen. „Ich habe die Tür aufgeschlossen und in ein Flammenmeer geblickt“, berichtet er weiter.

Gibert bleibt unverletzt. Der Schaden an seinem Haus ist gering. Der Brandbeschleuniger habe vermutlich nicht genug Nahrung gefunden, sagt der 58-Jährige. Am Ende verbrannte lediglich die Fußmatte vor der Tür. Doch der Schreck über die Tat sitzt tief. Gibert vermutet ein politisches Motiv. 

Auch die Polizei hält das für möglich. „Wir ermitteln wegen versuchter schwerer Brandstiftung in alle Richtungen, schließen aber auch einen politischen Hintergrund nicht aus“, sagt Polizeisprecher Matthias Mänz und bestätigt, dass der Staatsschutz eingeschaltet worden ist.

Seine Lesungen hält Gibert jetzt unter Polizeischutz. Sein Publikum informiert der Schriftsteller vorab. „Aller Wahrscheinlichkeit nach passiert nichts, aber niemand kann Ihnen hundertprozentige Sicherheit geben“, sagte er etwa am Donnerstagabend in Homberg. 

„Ich möchte später nicht in das Gesicht eines Menschen schauen müssen, der Schaden genommen hat und mich fragt, warum hast du nichts gesagt.“ Wem die Situation zu gefährlich sei, dem sei er nicht böse, wenn er jetzt gehe. Doch niemand verlässt den Saal. Die Solidarität der Menschen tue gut, sagt Gibert.

Warum er trotz des Restrisikos liest? „Ich will mir meine Freiheit nicht nehmen lassen. Dann hätten die gewonnen, die es darauf angelegt haben." Das ist auch der Grund, weshalb er jetzt mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit geht.

Derzeit sei er vor allem wütend, sagt Gibert. „Ich finde diesen Anschlag so feige.“ Die ganze Situation sei surreal. Doch einschüchtern lassen will sich der Autor nicht. „Ich versuche, normal weiterzuleben, trotz aller Einschränkungen“, betont er. „Ich lebe jetzt in einer gewissen Sorge, aber ich versuche, keine Angst zu haben.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.